Mensch wird Cyborg

Der Tag, an dem ich ein Cyborg wurde

Text: Michael MacLennan
Bild: Terra Mater

Nein, das ist keine Science-Fiction-Geschichte. Letzten Monat wurde Michael MacLennan zu einem verbesserten Menschen. Dank eines Biochips, kaum größer als ein Reiskorn. Aber was bedeutet es, ein Cyborg zu sein und ist das überhaupt erstrebenswert? Michael Version 1.1 gibt uns einen Einblick.

Wenn du zwischen Daumen und Zeigefinger meiner linken Hand fühlst, spürst du eine kleine Erhöhung. Kaum zu bemerken, aber sie ist da. Es ist das Zeichen eines Cyborgs. Ein Zeichen, dass ich verbessert wurde, dass ich upgegradet bin.

Mittwoch, 25. Mai 2016, das war mein zweiter Geburtstag. Es war der Tag, an dem ich einen Biochip von der Größe eines Reiskorns implantiert bekam und plötzlich mehr wurde als ein gewöhnlicher Mensch aus Fleisch und Blut.

Es war eine ziemlich surreale Geburt, umringt von Besuchern des Pioneers Festivals in Wien. Jeder von ihnen war wohl ebenso fasziniert von der Idee und dem Implantationsprozess wie ich selbst. Wenngleich die Kiebitze rund um mich ruhig bleiben konnten, als Dr. Patrick Kramer zu einer großen Nadel – die den Biochip beinhaltete – griff. Er packte meine Hand und meinte: „Ich denke, hier werde ich ein wenig Kraft benötigen.“

Als ich das vom Mann hinter der OP-Maske hörte und die überdimensionale Nadel näher rückte, lag die Frage auf der Hand: Warum um Himmels Willen mache ich das hier eigentlich?

Schon seit meiner Kindheit war ich fasziniert von der Idee, ein Cyborg zu sein. Wenig überraschend, immerhin wuchs ich in einer Gesellschaft auf, die so etwas wie eine kulturelle Obsession bezüglich der Verbindung Mensch-Maschine aufwies. Meine Lieblingsband Queen sang darüber, Inspector Gadget, einer meiner Lieblings-Cartoon-Charaktere, war mehr oder weniger bionisch. Und natürlich dürfen wir Ikone Darth Vader nicht vergessen.

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Letztlich war es aber ​RoboCop, der mir nicht mehr aus dem Kopf ging. Obwohl ich mehr als ein Jahrzehnt zu jung war, um den Film zu sehen, fand ich in meiner Kindheit durch Freunde – deren Eltern nicht ganz so strikt waren wie meine eigenen - alles über den Plot und die zentralen Szenen heraus. Dieses eine Bild brannte sich bei mir ein: Wenn er sein Visier abnahm und man die Reste seines menschlichen Gesichts sah, die mit dem glänzenden Metallschädel verschmelzten.

Wie würde es sein, mehr als ein organisches Lebewesen zu sein? Was würden wir dadurch gewinnen und was verlieren?

Cyborg Pioneers Festival 2016

Diese Art von Fragen machten mich so neugierig, als ich diese Seite im Programm des Pioneers Festivals sah, die mich ansprach: „Bist du interessiert an einem Chip-Implantat? Werde ein Cyborg!“

Die Zukunft klopft an

Das erschien mir wie eine persönliche Einladung, die einmalige Chance. Ich machte mich über die Vorteile schlau und beruhigte mich selbst bezüglich der Risiken. Aber für mich war immer klar, dass das die Möglichkeit war, von Beginn an an einer neuen Reise der Menschheit teilzunehmen.

Auch wenn die Anfänge relativ klein sein mögen, die zunehmende Verschmelzung des Menschen mit der Techonologie, die einen besser macht, scheint unvermeidlich. Vergiss leistungssteigerndes Doping im Sport, was ist mit leistungssteigernder Bio-Tech?

Aber wir wollen nicht vorgreifen. Meine persönliche Art, ein Cyborg zu werden, sollte einen RFID-NFC Biochip beinhalten, der in meine Hand implantiert wurde. Die Datenmenge, die er speichern kann, ist ziemlich gering. Genauer gesagt rund 880 Bytes.

Was bringt das Implantat?

Das bedeutet, dass auch die Vorteile recht limitiert sind. Du kannst dir damit Schlüssel und Magnetstreifenkarten ersparen, mit BitCoin bezahlen und ständig eine digitale Visitenkarte mit dir führen, Daten speichern oder einen Tweet senden. Und, wie mir Aktivist und Biohacker Hannes Sjöblad versicherte, noch deutlich mehr, wenn man über das nötige technische Know-How verfügt. „Wenn du dich für Hardware-Hacking interessierst, hast du große Möglichkeiten. Ich habe Freunde, die Motorräder, Alarmanlagen und alle möglichen Geräte für einen solchen Chip modifiziert haben“, meinte der Schwede.

„Willkommen in der Cyborg-Generation: Noch ist sie der vorangegangenen ziemlich ähnlich. Du brauchst dir nur nicht mehr so viele Gedanken über vergessene Schlüssel machen.“
Michael MacLennan

Ok, nichts davon klingt wahnsinnig spektakulär. Im Moment kontrollieren Menschen noch keine Netzwerke über ihre Gedanken oder sind direkt mit ihrem Smartphone verbunden, aber es ist ein kleiner Schritt.

Im Gegensatz zu vielen anderen zieht Sjöblad die Begriffe „upgegradet“ oder „verbessert“ jenem des „Cyborgs“ vor. Ihm erscheint dies für die aktuellen Biochips, die sensorische oder neuronale Wechselwirkungen zwischen Körper und Implantat ermöglichen, angemessener.

Warten auf ein Update

Weiterentwickelte Chips, die noch 2016 auf den Markt kommen sollen, werden bereits etwas mehr können. „Sie werden Verschlüsselungsfunktionen haben und beispielsweise mit öffentlichen Verkehrssystemen kooperieren, was gewisse Standards voraussetzt. Ich denke, es wird für eine Menge Leute sehr nützlich sein, einen solchen Chip für den Bus oder die U-Bahn zu gebrauchen. Wenn wir technisch an diesem Punkt sind, dann wird diese Technologie den Mainstream erreichen“, ist sich Sjöblad sicher.

Meinem Upgrade ging ein Vortrag Sjöblads auf der Hauptbühne des Pioneers Festivals voran. Samt Demonstration mit Unterstützung von Dr. Kramer (Digiwell) und Elsa Sotiriadis (eine Tech-Analystin des Festivals).

© Pioneers Festival // Youtube

Kurz nachdem Kramer die tapfere Sotiriadis fertig „biochipped“ hatte, ging es für den Deutschen an seinem eigenen Stand weiter. Einige Wagemutige machten es mir vor. Niemand schrie vor Schmerzen. Immerhin. 

Danach wurde es für mich ernst, der Chip lag in der sterilisierten Nadel bereit. Zur Beruhigung erzählte mir Kramer von seiner Frau. „Ich habe ihr vor ein paar Tagen so ein Teil implantiert. Sie hatte den kleinen Transponder für unser Türschloss verloren. Jetzt hat sie ihre Schlüssel immer bei sich“, meinte der Doktor triumphierend.

Michael Version 1.1

Biohacker Hannes Sjoblad cyborg

Biohacker Hannes Sjöblad mit „Cyborg“ Michael

Jetzt wurde meine Hand noch an der entsprechenden Stelle desinfiziert und schon ging es los. Kramer fragte mich nach dem Schmerzgrad, auf einer Skala von eins bis zehn. Eine zwei erschien mir passend. Es fühlte sich ähnlich an wie damals, als ich mir die Augenbraue piercen hatte lassen.

Nachdem ich mit einem Pflaster versorgt worden war, stand auch schon Sjöblad bereit und begrüßte mich mit den Worten: „Happy Birthday, Michael Version 1.1“.

In den Wochen vor diesem Eingriff hatte ich einigen Leuten von meinem Plan erzählt, ein Cyborg zu werden. Ich dachte, umso mehr ich davon sprechen würde, umso größer wäre der Druck, es durchzuziehen – und ich wollte nicht kneifen. Die Reaktion war meist ein wenig Ungläubigkeit. Warum auch sollte sich jemand eine solche Nadel in die Hand rammen und sich einen Biochip einsetzen lassen – freiwillig?

Würde ich mir einen weiteren Chip implantieren lassen?

Seit meinem zweiten Geburtstag muss meine Hand aber immer wieder für Inspektionen herhalten. Obwohl der Chip kaum sichtbar ist, sind die Leute genauso scharf darauf, wie auf eine kleine Kriegsverletzung oder ein schlecht gestochenes Tattoo. 

Wie ein Tattoo könnte auch dieser Chip etwas sein, das mich mein Leben lang begleitet. Ihn wieder zu entfernen wäre ein simpler Eingriff, ein kleiner Schnitt, als würde man einen Splitter entfernen. Aber daran denke ich im Moment nicht. Würde ich eine weitere Implantation in Betracht ziehen? Wenn ich den unkomplizierten Vorgang und das geringe Schmerzaufkommen heranziehe, würde ich das nicht ausschließen. Abhängig natürlich von den Kosten und Vorteilen, die es bringen würde. (Dieser Chip kostet dich etwa 100 Euro.)

Sieh dir an, wie Michael die Implantation erlebt hat.

Wenn mir die neue Chip-Generation den Alltag erleichtern und mich von Karten, Schlüsseln, etc. befreien könnte, würde ich nicht zögern. So oft wie ich mein Handy und andere Gadgets schon heute am Körper trage … warum die Technologie dann nicht gleich auf etwas verlagern, das in mir ist und diese Funktionen übernehmen kann? Vielleicht ist das bald völlig normal.

Wie fühlt es sich an, ein Cyborg zu sein?

Jemand hat mich gefragt, wie es sich anfühlt, nicht mehr nur ein Mensch zu sein. Das kann ich wohl erst beantworten, wenn ich anfange, binär zu denken oder mein monatliches Budget innerhalb einer Mikrosekunde durchzurechnen. Im Moment fühlt es sich fast genauso an wie zuvor. Abgesehen davon, dass ich eine zusätzliche Geschichte zu erzählen habe, wenn ich auf einer Party in einer Runde mit Fremden zusammenstehe.

Obwohl das nicht ganz stimmt. Es mag lächerlich klingen, aber dieser kleine Chip lässt mich positiver in die Zukunft der Menschheit blicken. Er zeigt mir, dass ich ein Early Adopter bin. Ein Vorreiter auf einem Gebiet, das künftig das Leben von Millionen Menschen verändern wird. Das ist extrem aufregend.

Bevor ich mich nicht näher mit dem Codieren auseinandersetze, ist die Präsenz des Chips im Alltag vor allem physischer Natur. Ich berühre ihn intuitiv, so wie andere sich am Bart kratzen. Es ist angenehm, ein künstlich hergestelltes Zeichen für das Potenzial der Zukunft, die große Versprechen für uns bereithält.

Am Flughafen macht das kleine Ding im Übrigen keine Probleme. Als ich nach der Implantation das erste Mal durch die Sicherheitsschleusen musste, kam ich problemlos durch – obwohl ich vergessen hatte, den Chip zu deaktivern. Bei der ganzen externen Technik um mich, hatte ich das Stück Technik in mir völlig vernachlässigt. Als ich das bemerkte, war ich fast ein wenig enttäuscht. Was hat es für einen Sinn, Cyborg zu sein, wenn es niemand merkt?

Das Gefühl der Macht wächst

Ich denke, es öffnet einem Türen. Auch im wahrsten Sinne, genauso wie es das Bezahlen einfacher machen und Informationen über mich speichern kann, die in Notfällen wichtig sein können. Und in Zukunft werden sich die Möglichkeiten noch deutlich ausweiten.

Erst rund drei Wochen lebe ich nun mein neues Leben, aber das Gefühl der Macht wächst. Eines Tages wirst du womöglich dasselbe fühlen.

Willkommen in der Cyborg-Generation: Noch ist sie der vorangegangenen ziemlich ähnlich. Du brauchst dir nur nicht mehr so viele Gedanken über vergessene Schlüssel machen.

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06 2016 THE RED BULLETIN

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