Jimmy Wales Wikipedia Interview

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales: „Leute wussten früher Dinge auch einfach nicht“

Interview: Andrew Swann/Christoph Kristandl
Bild: Getty Images

The Red Bulletin erhielt beim Pioneers Festival 2016 in Wien eine Audienz beim Vater des modernen Wissens, Jimmy Wales. Ein Gespräch mit dem Wikipedia-Gründer über …
  • die richtige Verwendung von Wikipedia
  • die Ära des (Nicht-)Wissens
  • den Nutzen des altmodischen Buches
  • den verrücktesten Wikipedia-Artikel
  • worauf er am meisten stolz ist

THE RED BULLETIN: Entspricht Wikipedia heute der Vorstellung, die Sie vor dem Start des Projekts hatten?

JIMMY WALES: Es deckt sich in vielen Bereichen. Wir hatten die Vision einer freien Enzyklopädie, die für jeden in seiner eigenen Sprache verfügbar ist. Wenn Sie sich Screenshots aus der frühen Wikipedia-Phase ansehen, merken Sie, dass diese dem heutigen Erscheinungsbild sehr ähnlich sind. Einer der Gründe, warum Wikipedia erfolgreich wurde, ist, dass sie immer einfach und geradlinig war.

Wie sollten Menschen Ihrer Meinung nach Wikipedia nutzen?

Grundsätzlich ist sie ein großartiger Ausgangspunkt und ein Ort, an dem man sich orientieren kann. Dann liegt es an Ihnen, tiefer zu gehen. Folgen Sie den Verweisen! Wenn Sie an einem bestimmten Thema interessiert sind, geben wir Ihnen die Basisinformationen und die Möglichkeit, mehr zu lernen.

Glauben Sie, dass sich die Menschen wirklich tiefergehend mit den Themen beschäftigen?

Ja, absolut. Schüler nutzen Wikipedia beispielsweise sehr stark als Gerüst. Aber wenn sie wirklich fasziniert von einem Thema sind, dann sind sie damit recht schnell durch und möchten mehr erfahren.

Sie sind naturgemäß ohne Wikipedia aufgewachsen. Wie haben Sie sich ihr Wissen angeeignet und sich etwa für Referate in der Schule vorbereitet?

Ich war schon immer ein großer Fan traditioneller Enzyklopädien und ich ging in Bibliotheken, wie jeder andere auch. Aber was viele vergessen: Die Leute wussten früher Dinge auch einfach nicht. Wenn Sie heute im Radio von einem Unglück in Aserbaidschan hören und sich denken, wo liegt das eigentlich, dann informieren Sie sich darüber. Damals dachte man sich vielleicht, man sollte in die Bücherei gehen oder den alten Atlas vom Dachboden holen – aber die meisten taten das nicht.

Jimmy Wales, Craig Palmer und Ralph Simon diskutieren beim Pioneers Festival 2016 über das neue goldene Zeitalter der Medien.

© Pioneers Festival // Youtube

Woraus beziehen Sie heute lieber Ihr Wissen, Buch oder Computer?

Ich mag Bücher aus dem guten, alten Papier immer noch. Die Technologie eines Buches – Sie sehen das vielleicht nicht als Technologie, aber das ist es – ist großartig. Die Batterie geht niemals aus, es ist sehr billig und es ins Wasser fallen zu lassen oder im Bus zu vergessen ist kein großes Drama. Ich reise aber auch eine Menge und lese aus praktischen Gründen viele Bücher auf dem Smartphone oder meinem Kindle. Ich denke, die Langformen in Büchern sind weiterhin sehr, sehr wichtig, aber der Weg zum Leser hat sich natürlich geändert.

Welcher Artikel ist der verrückteste, den Sie je in der Wikipedia gelesen haben?

Es gibt einen in der englischen Version mit dem Namen „inherently funny words“ Dabei geht es um Wörter, die einfach nur lustig sind. Eine Zeit lang war der Artikel ein Desaster. Die Leute reihten einfach nur Wörter aneinander, die ihrer Meinung nach witzig sind. Der Artikel stand kurz davor, gelöscht zu werden. Aber die Verfasser argumentierten beharrlich, dass ein wirkliches Konzept dahinter stecken würde und mittlerweile ist das ein sehr stark frequentierter Beitrag, weil viele berühmte Comedians über die Wortwahl für die Pointe eines Witzes gesprochen haben. Das war sehr wichtig und heute gibt es intensive Recherchen dazu. Jetzt ist es ein großartiger Artikel, aber zu Beginn war es nur eine lustige Idee.

Jimmy Wales on Twitter

When your Uber is a pickup truck... you might be in Texas. :)

Welche Entscheidung fiel Ihnen in Ihrer Karriere am schwersten?

Ich sage stets, dass ich ein pathologischer Optimist bin. Ich denke immer, dass alles toll ist. Aber wenn ich an die Frühphase der Vision einer freien Enzyklopädie zurückdenke … Die erste Version war ein Projekt mit dem Namen „Nupedia“. Das funktionierte nicht und es machte Sinn, zum sehr offenen Wiki-Modell zu wechseln. Diese Entscheidung war nicht wirklich schwierig, aber es hat gedauert, zu verstehen, was wir brauchten, um diesen Wechsel tatsächlich zu vollziehen.

Gab es einen Moment, in dem Sie Zweifel an dieser Entscheidung hatten?

Ich hatte wirklich meine Bedenken, aber glücklicherweise ging es schnell bergauf, wodurch ich nicht lange beunruhigt sein musste. In zwei Wochen produzierten wir mehr Artikel und brachten mehr Arbeit voran als in den knapp zwei Jahren davor. Das zu erleben, war äußerst spannend. Wikipedia gab den Menschen letztlich die Plattform, ihr Wissen zu teilen. Etwas, wozu ihnen davor die Mittel fehlten.

Worauf sind Sie in Ihren 30 Jahren als Entrepreneur am meisten stolz?

Das ist definitiv die Arbeit, die wir momentan in Entwicklungsländern verrichten.  Ich war kürzlich in der Dominikanischen Republik und habe ein Projekt der dortigen First Lady besucht, das sich um die Errichtung von Computer-Laboren in benachteiligten Gebieten kümmert. Wir sprechen hier von Nachbarschaften, in denen es bis vor drei Jahren keine legale Stromversorgung gab. Heute sitzen die Kinder in ihren Computerräumen, zwischen Wellblechdächern und Barracken.

Es ist nicht nur meine Arbeit, auf die ich stolz bin. Es ist die, der ganzen Internet-Community. Die Kinder haben Zugang zu Youtube, Google und Wikipedia. Sie hatten lange Zeit kaum Kontakt zur restlichen Welt, keine Bücher in ihrer Schulbibliothek. Jetzt haben sie die ganze Welt unter ihren Fingern. Das ist beeindruckend und ich finde es auch sehr inspirierend. Die Ausbreitung des Internets schreitet weiter voran und hat einen signifikanten humanitären Einfluss auf unser Leben. Ich bin einfach sehr stolz, ein kleiner Teil davon zu sein.

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06 2016 THE RED BULLETIN

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