Adlerjagd in der Mongolei mit Kairatkhan

Kairatkhan: Der „Adlerflüsterer“ der mongolischen Steppe

Fotos: Justin Bastien

Sam Cossman glaubte bedingungslos an Technik. Bis ihn eine Provinz in der Mongolei eine Lektion lehrte: Uraltes Wissen kann manchmal wertvoller sein als die modernste Technologie. Das weiß auch Kairatkhan: Er jagt sein Abendessen durch die Wildnis. Und ein Adler hilft ihm dabei.

Kairatkhan ist ein Hirte aus Bajan-Ölgii, der Provinz im äußersten Westen der Mongolei. Und er ist ein Star. Im vergangenen Jahr ­dominierte er alle drei ­Adlerjagd-Wettkämpfe ­seiner Heimat Mongolei, für den Sieg beim prestigeträchtigen Golden Eagle Festival überreichte ihm sogar der Staatspräsident eine Ehrenmedaille. 

Kairatkhans größte Gabe ist aber eine andere: die des Überlebens in den unbarmherzigen Wintern der mongolischen Steppe. Es ist eine Kunst, sich und seine Familie auch durch die dunkelsten, kältesten und stürmischsten Monate zu bringen, dank des Fleischs und der Felle der Polarfüchse und Klein­tiere, die er mit seinen Adlern erlegt. 

Dieser archaische Überlebenskampf faszinierte den Filmemacher, Entdecker und Unternehmer Sam Cossman so sehr, dass er ihn hautnah miterleben wollte. Deshalb flog er tausende Kilometer, um Weih­nachten in einem Lehmhaus zu verbringen, bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt.

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„Ich komme aus einer Welt, die sich dadurch ­definiert, sich selbst ständig zu erneuern. Unsere Helden sind Pioniere, die neue Technologien ent­wickeln, neue Ideen, neue Lösungen“, sagt Cossman. „Hier ist es anders. Kairatkhan nutzt das Wissen ­seiner Vorfahren. Nur so kann er überleben.“

Cossman stammt aus Georgia, USA, und von klein auf war er am liebsten an der frischen Luft. Als es aber um die Karriere ging, entschied er sich für die dynamische, hektische Start-up-Welt. Er machte sich schnell einen Namen, bis 2010 eine Reise ins vom Erdbeben verwüstete Haiti sein Leben veränderte. „Da wurde mir klar, wie kurz das Leben sein kann. Deshalb wollte ich nur noch Dinge tun, die mich erfüllen, die sinnvoll sind und die mit ­Natur zu tun haben.“

Sein neues Leben begann Cossman mit der ­Konzeption von „Qwake“, Online-Marktplatz und zugleich Outdoor-Ideenplattform. Das Projekt kam jedoch nur zäh in die Gänge, deswegen legte es Cossman eine Weile beiseite. Die Zeit nützte er für Reisen – etwa zum Marum-Krater, einem aktiven Vulkan im Südpazifik. Die Aufnahmen vom Lavasee schnitt er während des Rückflugs zu einem Video zusammen und stellte es auf YouTube. Millionenfach angeklickt, machte es Cossman zu einer Art Star. Sogar in die FernsehsendungGood Morning America“ wurde er eingeladen, um von seinem ­Vulkan-Abenteuer zu erzählen. (Und Qwake läuft mittlerweile auch, als Medienunternehmen mit den Schwerpunkten Entdeckungen und Technologie.)

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Kairatkhan und Cossman bei der Arbeit mit Adler „Weiße Schulter“

„Die heutigen Technologien sind unglaublich ­faszinierend. Sie öffnen uns neue Türen, lassen uns die Welt jeden Tag neu entdecken“, sagt Cossman. „Meine Vision war, in die extremsten Regionen der Erde zu reisen. Um dort mit moderner Technik mehr über unseren Planeten zu erfahren. Um die Lebensqualität der Menschen zu verbessern. Und um neue Wege zu entdecken, wie man Probleme löst.“ 

Mit diesen Hintergedanken reiste Cossman auch in die Mongolei. Er wollte von Kairatkhan lernen, wie man mit Adlern jagt – und ihm mit Hightech helfen, noch erfolgreicher zu sein. Daher hatte er ein spezielles Tracking-Gerät dabei, das mittels GPS-­Sender den Flug von Vögeln in Echtzeit verfolgt und Werte wie Geschwindigkeit, Höhe und Distanz des Flugs auf die dazugehörige App überträgt.

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Your drone can't do this.

„Es kann nur Gutes dabei rauskommen, wenn man in sich hineinhorcht. Und über sich nachdenkt.“

Eine Woche lang lebten Cossman und der ihn ­begleitende Fotograf Justin Bastien in einem Lehmhaus. Strom gab es in dieser Gegend schon seit zwei Jahren, aber das Haus wurde immer noch mittels ­eines Ofens beheizt, der mit Dung befeuert wird, was nicht so schlimm riecht, wie es klingt. Cossman und Bastien begleiteten Kairatkhan und andere Adlerjäger auf ­ihren berittenen Streifzügen. Die beiden erlebten, wie die Adler trainiert und gepflegt wurden. 

Und sie erfuhren, dass ganz am Beginn eine Be­ziehung der Jäger zu ihren Vögeln stehen muss.

„Ich dachte zuerst, die Vögel sind nur Werk­zeuge“, sagt Cossman. „Kairatkhan aber erklärte uns, dass die Beziehung zu deinem Vogel harmonisch und vertrauensvoll sein muss. Sonst hast du beim Jagen keinen Erfolg. Du musst das Tier wie ­einen Freund behandeln, manchmal sogar wie ein Kind. In der Nacht schliefen wir gerade mal zwei Meter neben den Adlern.“

 
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Cossman lernte, dass die Adlerjagd mehr ist als ein Mittel zum Zweck, mehr bedeutet als Nahrung und Kleidung. Adlerjagd ist eine Kunst. Und Cossman kamen Zweifel, ob er sein hypermodernes ­Tracking-Gerät überhaupt herzeigen solle. „Ich ­erkannte, dass diese Kultur ein in sich vollkommen schlüssiges System ist. Ich wollte nicht so tun, als wäre moderne Technik das Wundermittel“, sagt er.

Cossman testete das Tracking-Gerät zunächst an einer Drohne. Der Test klappte so gut, dass er den Einsatz an einem Adler wagen wollte. Aber an den mächtigen Flügeln des Adlers „Weiße Schulter“ mit knapp drei Meter Spannweite und bei minus fünf Grad war das Tracking-Gerät kaum zu befestigen. Die rettende Idee: ein GoPro-Hundegeschirr.

„Adler sind keine Maschinen. Jedes Tier ist anders.“

Mit der App „AeroVision“ verfolgten Cossman und Kairatkhan schließlich den Flug des Adlers in Echtzeit. Sie sahen, wie er sich der Beute näherte, dass er direkt über ihr zum Stehen kam und dann senkrecht auf sie zuschoss und sie mit fast 70 km/h im todbringenden Sturzflug erreichte.

„Kairatkhan war auf vielen Jagden gewesen, aber das war die erste, die er durch eine elektronisch gesteuerte Linse verfolgte“, sagt Cossman. „Natürlich kann moderne Technik uraltes Wissen nicht ersetzen. Aber wir konnten uns austauschen. Und so mehr über das Leben und die Kultur des ­anderen erfahren. Allein das ist sehr viel wert.“

In der Region gibt es noch rund 250 Adlerjäger, allesamt Kasachen, während der Zeit des Kommunismus aus ihrer benachbarten Heimat eingewandert. Ihre Zahl sinkt, immer mehr Junge ziehen in die Stadt. Auch einige von Kairatkhans fünf Kindern.

„Bei einer starken Beziehung zum Adler ist nichts unmöglich.“

Cossman lernte Kairatkhans Leben kennen und es zu bewundern: „Es ist einfach und bescheiden. Davon könnten wir in der digitalen Welt uns ruhig etwas abschauen. Vor allem Tempo und Rhythmus dieser Art des Lebens sind bewundernswert.“

Cossman: „Es kann nur Gutes dabei rauskommen, wenn man in sich hineinhorcht, über sich nachdenkt und die wirklich wichtigen Dinge zu schätzen lernt. Kairatkhan ist nicht nur ein großartiger Familienmensch. Er überwand auch seinen Stolz und erzählte uns alles, was er über sein Handwerk weiß. Völlig ­uneigennützig. Wie eine Open-Source-Quelle.“

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04 2017 THE RED BULLETIN

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