Andreas Tschas Founder Pioneers Festival

„Immer mehr haben das starre System satt“

Interview: Kurt Vierthaler
Bilder: Heisenberg Media

Co-Gründer Andreas Tschas erklärt, was hinter dem Pioneers Festival steckt und warum Startups einen Boom erfahren.

THE RED BULLETIN: Das Pioneers Festival in der Wiener Hofburg findet heuer zum vierten Mal statt. Was hat sich im Vergleich zu den vorherigen Festivals verändert?

Andreas Tschas: Das Pioneers Festival ist international bekannter geworden und wir merken, dass die wichtigen Stakeholder der Startup-Community immer mehr den Wert, den Pioneers stiftet, erkennen. Wir können mittlerweile Startups gezielter dabei helfen, erfolgreich durchzustarten und wir schaffen es immer besser, Investoren und etablierten Firmen mit diesen Startups zu vernetzen. Pioneers ist zu einer Plattform für Technologie und Entrepreneurship geworden und wir wollen im Endeffekt dadurch auch die wirklich großen Herausforderungen der Menschheit lösen.

Was meinen Sie damit konkret?

Zum Beispiel erzeugen wir immer noch Energie aus fossilen Brennstoffen; es leiden immer noch Milliarden Menschen an Unterernährung; es gibt noch zu viele unheilbare Krankheiten wie zum Beispiel Ebola. Wenn man sich auf der anderen Seite ansieht, welche technologischen Möglichkeiten uns mittlerweile zur Verfügung stehen, müsste einfach mehr passieren. Beeindruckend ist in dieser Hinsicht der Agriculture-Tech-Bereich: Dort entstehen Ideen und Startups, die das Potential haben, die Hungerproblematik zu verringern. Wir sind bald neun Milliarden Menschen auf diesem Planeten und die angesprochenen Probleme werden dadurch nicht einfacher. Wir brauchen kreative Menschen, die Lösungen für diese Probleme finden.

Wie und wann sind Sie auf die Idee gekommen, Pioneers zu gründen?

Wir, also mein Co-Gründer Jürgen Furian und ich, sind da eigentlich mehr hineingewachsen. Am Anfang wollten wir etwas gegen die steigende Arbeitslosigkeit in Europa unternehmen. Das war vor fünf Jahren. Ich war damals auf der Uni und habe mich gefragt, was ich mit meinem Leben machen will.

Und zu welchem Schluss sind Sie gekommen?

Unternehmensberatung und Investment-Banking waren damals in aller Munde. Ich habe mir das auch überlegt und eine studentische Unternehmensberatung gegründet. Die Idee war, dass Studenten an Projekten für Startups und etablierte Firmen arbeiten. Die Organisation „icons“ gibt es im Übrigen immer noch. Irgendwann habe ich mir gedacht: Warum beraten wir Unternehmen nur und helfen nicht dabei, neue zu gründen? Vor allem im Hinblick auf die hohe Jugend-Arbeitslosigkeit in manchen Ländern habe ich diese Überlegung für noch wichtiger erachtet.

Über 50 Prozent Jugend-Arbeitslosigkeit sind natürlich enorm dramatisch und alarmierend.

Eben. Das ist ja eigentlich jene Generation, die einmal unsere Probleme lösen soll. Und dann sind sie in der wichtigsten Phase ihres Lebens ohne Perspektiven. Ohne Arbeitserfahrung, die so dringend nötig wäre. Da wollten wir mit Unternehmertum entgegenwirken. Zusätzlich sehen wir, wie viele Möglichkeiten uns Technologie heutzutage bietet. Wir sind überzeugt, dass wir viele Probleme der Menschheit mit Technologie und unternehmerischen Ideen lösen können. Mit Pioneers wollen wir diesen Ideen und diesen Startups eine Bühne bieten und helfen, dass sie erfolgreich werden.

„Wir setzen wirtschaftlich und technologisch derzeit den falschen Fokus.“
Andreas Tschas

Welchen Stellenwert hat das Pioneers Festival mittlerweile?

Wenn man sich das öffentliche Interesse ansieht, glaube ich, dass wir auf einem guten Weg sind, die Visionen in die Köpfe der Menschen hineinzubringen. Ich höre oft, dass wir mittlerweile auch in Silicon Valley ein Begriff sind – das ist schon bemerkenswert. In diesem Jahr waren wir mit einer Veranstaltung in Südkorea, weshalb jetzt ein südkoreanisches TV-Team und viele koreanische Startups beim Festival sein werden. Wir müssen nur noch mehr daran arbeiten, unsere Visionen wirklich zu verankern, weil wir wirtschaftlich und technologisch aus meiner Sicht derzeit den Fokus falsch setzen.

Inwiefern?

Wir haben als Menschheit in den letzten Jahren überproportional viel im Bereich ICT (Information and Communications Technology) weitergebracht. Nicht falsch verstehen – das ist irrsinnig toll und auch wichtig. Überlegen Sie nur, was man mit seinem Smartphone mittlerweile alles machen kann. Aber in vielen Bereichen haben wir auch Rückschritte gemacht. Wir haben beispielsweise noch immer keine Lösung für die Energie-Problematik und die globale Erwärmung  gefunden. Deshalb müssen wir uns auch auf andere Bereiche fokussieren.

Pioneers Festival

So etwas will Tschas sehen: Innovationen, die die Probleme der Menschheit lösen.

Welche Auswirkungen hat das Festival auch für die Wahrnehmung der Stadt Wien?

Wir werden auch heuer wieder um die 50 Prozent der Teilnehmer aus dem Ausland haben. Die nehmen Wien natürlich nicht nur als Kulturstadt wahr, sondern auch als Standort für Innovation und coole Startups. Die internationale Positionierung mit einem topaktuellen Thema ist enorm wichtig. Wir sind auch gerade dabei, einen 50-Millionen-Euro-Fond aufzustellen. Wenn das gelingt, wird das massive Auswirkungen auf die Region haben. Plötzlich ist Kapital da. Wir schaffen die Rahmenbedingungen, um einen wirklichen Startup-Hub aufzubauen.

„Es werden merklich mehr, die das starre System satt haben und ausbrechen.“
Andreas Tschas

War Wien als Standort immer klar oder gab es Überlegungen, das Pioneers Festival woanders zu veranstalten?

Geografisch gesehen ist es eine Riesen-Chance, weil Wien als Verbindung zwischen Ost- und Mittel-Europa perfekt ist. Auf der anderen Seite gibt es wenig schwierigere Orte in Europa, weil die Startup-Mentalität in Wien überhaupt nicht da war. Dafür kann man die Szene von Grund auf aufbauen und dadurch sehr stark prägen. Es gibt natürlich immer wieder Angebote, das Festival in einer anderen Stadt zu veranstalten, aber für uns ist das kein Thema. Wir haben in Wien die Möglichkeit, unsere globale Vision von hier aus zu entwickeln.

Warum boomen Startups derzeit so?

Viele reizt es etwas Eigenes zu machen und sich dadurch selbst zu verwirklichen. Außerdem war es noch nie so einfach und günstig, ein eigenes Produkt anzubieten. Wenn man sich ansieht wie schnell man heutzutage eine Website aufsetzen kann, auf der man sein Produkt verkauft, oder wie schnell man mit einem 3D Drucker einen Prototypen bauen kann, dann sieht man, dass es noch nie so einfach war, unternehmerisch tätig zu werden. Eine weitere Rolle spielen die Medien, die Rolemodels schaffen. Leute wie Mark Zuckerberg oder die Gründer von Google haben es in kurzer Zeit geschafft, sehr erfolgreich zu werden. Das inspiriert. 

Sind die Menschen mittlerweile auch risikofreudiger geworden? Oder haben sie es satt, in starren Systemen zu arbeiten?

Es kommt darauf an, wo man hinschaut. In Europa ist leider kaum noch etwas von der Risikobereitschaft zu sehen. Es geht uns sehr gut, wir haben wenig Notwendigkeit, Risiko einzugehen - zumindest noch nicht. Es gibt aber schon ein paar Pioniere und es werden merklich mehr, die das starre System satt haben und ausbrechen. Viele kommen zu uns, lassen sich inspirieren und machen dann ihr eigenes Ding.

Pioneers Festival

Am 28. und 29. Mai findet in der Wiener Hofburg das Pioneers Festival statt - mittlerweile schon zum vierten Mal.

Würden Sie Pioneers auch als Startup bezeichnen?

Wir sind nach wie vor ein Startup. Wirtschaftlich sind wir zwar auf einem guten Weg, aber wir müssen noch an unseren Produkten feilen. Wir nennen es „Customer Obsession“. Unsere Kunden sind Startups, Investoren und Corporates. Unsere zentrale Frage ist: Was können wir machen, damit diese Drei noch zufriedener sind? Daran feilen wir jeden Tag! 

Leben wir gerade in der dynamischsten Zeit überhaupt?

Absolut. Es tut sich wahnsinnig viel, es findet viel Veränderung statt. Dazu eine imposante Statistik: 1980 waren 70 Prozent der Produkte am Markt älter als zehn Jahre. Heutzutage sind 85 Prozent jünger als zwei Jahre. Eine weitere aussagekräftige Statistik: 87 Prozent der Firmen, die in den 50er-Jahren in der „Fortune 500“ vertreten waren, sind nicht mehr dort. Das Durchschnittsalter der Firmen in der „Fortune 500“ war damals 61 Jahre, heutzutage sind es 18 Jahre. Das zeigt, dass man als kleine Firma sehr schnell erfolgreich werden und eine richtige Konkurrenz zu den etablierten Firmen darstellen kann.

„Europa wird große Probleme haben, da mitzuhalten. Es ist wichtig dass es in Europa mehr Startup-Hubs wie London oder Berlin gibt.“
Andreas Tschas

Warum hat „Silicon Valley“ diesen Ruf als die innovative Brutstätte? Woher rührt das?

Es ist sehr viel um die Universität Stanford entstanden. Man hat Projekte von der Uni genutzt, um sie zu kommerzialisieren. Aber vieles hat natürlich mit der amerikanischen Mentalität, dem „American Dream“, zu tun. Es gibt dazu ein gutes Buch von Brad Feld, „Startup Ecosystems“, wo er beschreibt, wie ein Startup-Ökosystem entsteht und wer die Player sind. Es muss sehr viel zusammenspielen – Investoren, Politik , etablierte Unternehmen, Unterstützungs-Institutionen, Medien, Universitäten. Wenn alle im Einklang sind, funktioniert auch das Ökosystem. An der Universität Stanford war damals enorm viel Talent und Aufbruchsstimmung vorhanden. Ich glaube daran, dass das nächste „Silicon Valley“ z.B. ein „Drone-Valley“, „Energy-Valley“ oder „Bitcoin-Valley“ sein wird. Vielleicht entsteht so etwas auch in Österreich. Beim „Silicon Valley“ war auch entscheidend, dass sich die wichtigen Leute untereinander gekannt haben und sie vernetzt waren. Sie haben sich gegenseitig inspiriert und unterstützt.

Gibt es Länder, wo es einen signifikanten Trend zu Startups gibt?

Auf der ganzen Welt entstehen momentan Startup-Hubs, von Lateinamerika bis nach Südkorea. Ich war heuer selbst in Seoul und New York und die Dynamik, die dort vorherrscht, ist schon beeindruckend. Es gibt hunderte Startups, die dort entstehen und  es gibt viel Kapital, das diese Startups finanziert. Europa wird große Probleme haben, da mitzuhalten. Es ist wichtig dass es in Europa mehr Startup-Hubs wie London oder Berlin gibt. In Wien hat sich dabei auch schon einiges getan, wir schöpfen aber bei weiten noch nicht das Potential an Talenten und guten Ideen aus. Außerdem sind wir für ausländische Startups noch nicht wirklich interessant, das müssen wir ändern.

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04 2015 redbulletin.com

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