The BossHoss : Alec Völkel und Sascha Vollmer

The BossHoss:
Coverversion

Text : Werner Jessner 
Fotos : Christoph Voy

The BossHoss-Masterminds Alec Völkel und Sascha Vollmer erklären uns, wie man Qualität erkennt. Anschauungsbeispiele: zwei Ford Mustangs.  

Gibt es etwas, das gute Autos und gute Musik gemein haben? Alec „Boss Burns“ Völkel und Sascha „Hoss ­Power“ Vollmer uni­sono: „Klar! Qualität nutzt sich nicht ab. Ein Auto muss lange Zeit fahren, ohne zu klappern. Einen guten Song musst du immer und immer wieder ­hören können, ohne dass er dir langweilig wird.“ Der Rest ist eine Frage des Geschmacks, findet Sascha: „In der Musik wie bei Autos gibt es Vorlieben. Der eine steht eben mehr auf Škoda, der andere auf Volvo. Der eine mag Hip-Hop, der andere Volksmusik. Bei uns sind es halt Ami-Karren und Country-Rock.“

Alec Völkel am Steuer

Reminiszenz an die illegalen Straßenrennen Amerikas – ein Phänomen, das in der Popkultur immer wieder auftaucht: Boss Burns, 2015er-Mustang.  

 Das sieht man den beiden Berlinern auch an: Tattoos, schwere Ringe, Kutten, Hillbilly-Frisuren. Das ist zwar einerseits auch ein bisschen Pose, eine Art Dienstkleidung, andererseits entspringt sie doch tief in ihrem Innersten. Alec: „Wenn du wirklich gut sein willst, musst du authentisch sein. Das Publikum spürt sofort, wenn etwas nur aufgesetzt ist. Wie Tiefer­legung und Spoiler, aber bloß 50 PS.“ 

Im Fall der beiden Anfangsvierziger besteht diese Gefahr nicht, fahren sie doch selbst altes US-Metall: Alec hat sich nach Anfängen mit einem Ford Taunus einen Mustang gecheckt, Sascha fährt einen späten Plymouth Road Runner und einen Chevy-Pickup. „Die 1950er und 1960er sind für uns einfach die geilste Zeit. Sowohl in der Musik als auch im Auto-Design. Damals sind echte Ikonen entstanden. Lieder, die seit Generationen funktionieren. Und Autos, deren Form die Zeiten überdauert hat. Der Porsche 911 zum Beispiel oder natürlich der Mustang.“

Der Ford Mustang ist ein uramerikanisches Auto, ein Bubentraum seit mehr als einem halben Jahrhundert. Zum Shooting haben wir gleich zwei ganz außergewöhnliche Exemplare des Pony-Cars mitgebracht, noch dazu beide in der besonders showstarken Cabrio-Variante: einerseits den brandneuen Mustang GT der sechsten Generation mit fünf Litern Hubraum, 418 PS, manuellem Sechsganggetriebe und allen Segnungen moderner Ausstattung von Launch Control für den perfekten Ampelstart bis zur Sitzkühlung, falls dem Fahrer sein eigener Fahrstil zu heiß wird. Und auf der anderen Seite den Traum aller Alt-Mustang-Fans, einen 1968er Shelby GT 500KR mit 350 PS, Dreigang-Automatik und Bremskraftverstärker als nennenswertem Extra. Der Vorbesitzer fuhr den Wagen dreißig Jahre lang, seine Witwe ließ ihn dann aus Chicago nach Deutschland ziehen, wo er akribisch restauriert wurde. Marktwert: 250.000 Euro, rund das Fünffache seiner aktuellen Coverversion.

„Die 1950er und 1960er waren für uns einfach die geilste Zeit – sowohl in der Musik als auch im Auto-Design.“
The BossHoss
Sascha, aka Hoss Power, und Alec, aka Boss Burns

Sascha „Hoss Power“ Vollmer und Alec „Boss Burns“ Völkel: zwei Berliner auf US-Trip. Glaubwürdiger würden es Amis auch nicht hinbekommen.

Der Ford Mustang war immer ein verhältnis­mäßig leistbares Auto, das trotzdem geil ist. Für BossHoss eine Tugend. Alec: „Ich glaube zwar nicht, dass es per se uncoole Autos gibt, aber es gibt definitiv ­uncoole Fahrer-Auto-Kombinationen. Einige wenige schaffen es, selbst in einem Opel Corsa nicht peinlich zu wirken. Aber das ist die Ausnahme. Die meisten Typen hingegen, die einen Ferrari fahren, glauben wahnsinnig cool zu sein und ahnen nicht, wie uncool sie rüberkommen.“

Und Sascha, Biker mit Herz und Seele, hat sogar ein noch extremeres Beispiel: „Boss Hoss, das amerikanische Motorrad mit V8-Motor. In Texas bin ich einmal auf so einem Gerät gesessen. Too much! Qualität heißt auch, dass das Zeug im Alltag einen Sinn haben muss.“

Alec: „Ein Mustang ist ein ehrliches, cooles Auto, das hat sich über all die Generationen nicht geändert. Für seine Fahrleistungen günstig, geile Optik, geiler Sound. Einfach eine Karre mit vielen Qualitäten.“

Ford Mustang GT und Ford Mustang Shelby 1968

Ikonen der Automobil­geschichte: Der aktuelle Ford Mustang trifft seinen Kollegen vom exzellenten 1968er-Jahrgang.

Ist das nicht eine sehr konservative Weltsicht? Die beiden bejahen: „Ja, vielleicht sind wir konser­vativ, aber minus Tischdecke und Einbauschrank. Ist es konservativ, wenn man von seinen Oldtimern erwartet, dass sie funktionieren und man mit ihnen raus aus Berlin und die 250 Kilometer rauf an die Ost­see fahren kann? So deutsches Qualitätsdenken ist schon in uns drin. Das ist auch der Grund, warum wir nicht selbst schrauben. Wir sind da völlig untalentiert und würden nicht weit kommen.“ 

Denn so chic Selbermachen auch gerade sein mag, am Ende geht es immer um Mobilität, um Freiheit. „Einfach fahren, verstehste?“ Auch wild? Alecs automobile „Entjungferung“ erfolgte in einem Wartburg, der dem Vater seiner damaligen Freundin gehörte: „Nach zwei Wochen hatte ich der Karre den Außenspiegel abgefahren. Daraufhin wurde er mir wieder entzogen.“ Inzwischen haben beide Jungs aber längst gelernt, mit schwerem Gerät umzugehen. Schnellfahren ist nicht so ihr Ding. Adrenalin holen sie sich auf der Bühne.

Zwei Generationen

MUSTANG GT
5-Liter-V8-Motor, 418 PS

Spitze 
250 km/h

0 auf 100 km/h 
4,8 sec



SHELBY GT 500 KR
4,9-Liter-V8-Motor, 350 PS

Spitze
210 km/h

0 auf 100 km/h 
6,3 sec

Bloß wer darf heute welchen Mustang fahren? Konsens kann es keinen geben, weil es eben Konsens über das Wunschauto gibt: Sowohl Sascha als auch Alec würden die Nacht gern im 68er verbringen. Ein Münzwurf entscheidet zu Gunsten von Sascha. Doch schon nach wenigen Minuten wirkt Alec im aktuellen Mustang GT Convertible alles andere als traurig, ja ­enthusiastisch gar: Statt in einem kleinen Bucket Seat hockt er in einem orthopädisch perfekten Schalensitz und aus der Hi-Fi-Anlage kommen satte Bässe, während Sascha am Mittelwellenradio fummelt, ohne ihm viel mehr als Rauschen zu entlocken. Doch um all das geht es nur periphär. Entscheidend ist der Motor. „Hammer, wie das abgeht“, befindet Alec, „einfach nur Hammer“, und lässt den Mustang schon wieder fliegen. Um den Hammer in Zahlen zu gießen: Spitze 250 km/h, 0 auf 100 km/h in 4,8 Sekunden.

Da kommt Sascha im 68er-Shelby nur gefühlt mit, wenngleich sich seine Erlebniswelt ungleich dramatischer aufbaut: Der Oldie ist unpräziser, braucht mehr Kraft und Vorausschau, hat eher zu viel als zu wenig Leistung. Die Seele bringen beide zum Schwingen, Original und ­Coverversion, und genau so soll das ja auch sein. The BossHoss sind immerhin berühmt für ihre Coverversionen. Das wird auch beim nächsten Doppelalbum so sein, das im Herbst erscheint: eine Seite mit neuem Material, die andere mit Neuinterpretationen von teils höchst unwahrscheinlichen Songs, die in den Country-lastigen BossHoss-Sound eingepasst werden.

The BossHoss mit Model Caro Cult

Duell am Todesstreifen: Auf dem Brachland, wo sich The BossHoss ­heute die Mustangs zur Brust nehmen, war bis 1989 die Grenze zwischen der DDR und der BRD. Mustangs im ­Osten? Damals unvorstellbar.

Was unterscheidet also eine gute von einer schlechten Coverversion? Alec: „Die Garantie für ein schlechtes Cover ist, wenn du am Original klebst, wenn du bloß nachsingst und spielst. Das gilt natürlich nicht nur für unsere eigene Arbeit, sondern auch für die anderer Interpreten, etwa bei ‚Voice of Germany‘, wo wir früher in der Jury saßen. Qualität ist, wenn du dem Song neue Facetten entlockst, die vorher noch nicht da waren. Dazu musst du bis an die Basis gehen, darfst dich nicht scheuen, Neues zu probieren und durchaus radikal die Flex und das Schweißgerät anzusetzen. Wenn die Basis des Songs stark genug ist, gewinnt er dadurch.“

Mustang GT Convertible

Der aktuelle Mustang ist der erste überhaupt, der offiziell in Europa importiert wird. Wer die Macht des V8 scheut: Es gibt ihn auch mit einem 314 PS starken Vierzylindermotor.  

 Das Œuvre von The BossHoss ist der beste Beweis für die Richtigkeit dieser Theorie: „Like Ice in the Sunshine“ oder „Ça plane pour moi“ wurden durch die Berliner Abbruch- und Umbauarbeiten endlich wieder interessant für das abgestumpfte Ohr, und am kommenden Album gelangen sogar Hip-Hop-Nummern in die Werkstatt der Berliner. „Das ist dann aber schon mehr als nur ein Facelift“, grinst Sascha. „Solche Songs baust du quasi komplett neu. Ziehst eine Song-Struktur in dreiseitige Lyrics ein, es braucht Bridges und alles. Aber spannend!“

Die Analogie zum Mustang liegt auf der Hand: Der neue ist dem alten in vielen Details fremd geworden, und doch erkennt jeder das 2015er-Modell, das erstmals in seiner Geschichte offiziell nach Europa kommen darf, auf den ersten Blick als Mustang. Und der Weg in die andere Richtung? Sind die USA ein Sehnsuchtsort für The BossHoss? Mobilität, der Ruf der Straße, Roadsongs, die sich The BossHoss mit ihrer Musik zu eigen machen, sind ja ein zutiefst amerikanisches Phänomen. „Ist schon ganz cool drüben“, sagt Sascha. „Texas ist ganz anders, als die Klischeebilder suggerieren. Austin ist spannender als Los Angeles.“ „Wobei L. A. schon auch nicht unspannend ist“, fällt Alec ein. „Aber im Grunde sind wir doch am liebsten in Berlin.“ – „Und im Winter in Spanien.“

Das Beste aus beiden Welten, möchte man sagen, und für die Tage, an denen in Berlin zu viele Kleinwagen rumstehen, nehmen sie einfach den Mustang raus, setzen die Sonnenbrillen auf und cruisen damit an einen Badesee. „Das ist eine Qualität, die der klassische Westen nicht hat“, grinsen sie. Und wieder einmal zeigt sich: Die Coverversion kann so gut sein wie das Original. Manchmal sogar besser.

 

Shelby GT: Ronny Weiss (www.musclecarforyou.com)
Styling: Soo-Hi Song/Shotview
Styling-Assistenz: Anna Phebey
Hair & Make-up: Ischrak Nitschke/Blossom Management
Model: Caro Cult/Deebeephunky 
Fashion Credits: Bustier : American Apparel, Blouson: American Apparel

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10 2015 The Red Bulletin

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