„Der Mensch vergisst 95 Prozent seiner Träume“

Text: Andreas Rottenschlager
Bilder: Norman Konrad

Hunter Lee Soik ist Traumfänger. Er hält Träume fest, gibt ihnen Worte und Bilder, vernetzt sie in einer weltweiten Traum-Datenbank. Und rettet die nächste Relativitätstheorie.

Es ist lang nach Mitternacht, als Hunter Lee Soik die Tür seines Hotelzimmers in Berlin-Mitte hinter sich schließt und seinen Reisekoffer öffnet – einen kleinen Trolley. „Mehr brauche ich nicht“, sagt Soik und beginnt T‑Shirts auszupacken, schwarze T-Shirts, eines nach dem anderen. Soik besitzt überhaupt nur schwarze Kleidung. „In diesen Koffer“, sagt er, „passt mein ganzer Besitz.“

Soik, 32, durchtrainiert, trägt eine schwarze Jogginghose, ein Ladekabel baumelt zwischen linker und rechter ­Seitentasche. Das Kabel verbindet Soiks iPhone 5 (schwarz) mit einem zigarettenschachtelgroßen Power-Akku. „Ich hasse die Abhängigkeit von Steckdosen.“

Soik ist Medien-Entwickler und Autodidakt. Er hat zwei Produktionsfirmen ­gegründet, iPad-Programme für Stella McCartney geschrieben und 2011 das Backstage-Video-Konzept für die gemeinsame Tour von Kanye West und Jay-Z realisiert. Die Tour hieß „Watch the Throne“ und spielte 75 Millionen Dollar ein. 

Dann ging er selbst für Monate auf Welttournee. Um „Shadow“ vorzustellen – ein Programm, das Träume speichert.

Wunderding

Träume am Handy: „Shadow“-Mann Soik rechnet mit ­einer Million Nutzern bis Ende 2014.

© Norman Konrad

Technisch gesehen ist Shadow ein ­intelligenter Wecker mit integrierter Sprachsoftware. Ein in der Lautstärke ansteigender Alarmton führt den Nutzer sanft durch die hypnopompe Phase – den Grenzbereich zwischen Schlafen und ­Erwachen. Sobald der User den Wecker stoppt, kann er den Traum in sein Smartphone diktieren. Die Spracherkennungssoftware identifiziert Schlüsselwörter im transkribierten Text – etwa „rotes Auto“, „Felsen“, „großer Hund“ – und weist ihnen Fotos aus einer Bilderdatenbank zu, um den Traum zu visualisieren. 

Mit Shadow können Nutzer private ­Tagebücher führen oder ihre Träume in anonymisierter Form mit einer weltweiten Community teilen. Über Monate hinweg sollen so erstmals globale Traum-Trends ermittelt werden, erklärt Soik: „Träumen Top-Athleten anders als Künstler? Wie viele Schweden träumen von roten Autos? Erhöhen Naturkatastrophen die Zahl der Albträume im betroffenen Land?“ 

Shadow kann, so Soik, auch die Welt verändern: „Einstein hat Teile seiner ­Relativitätstheorie zuerst geträumt, Salvador Dalí sofort nach dem Aufwachen gemalt. Die Idee des gewaltlosen Widerstandes geht auf einen Traum von Gandhi zurück, und Frankensteins Monster nahm erstmals in einem Albtraum Mary Shelleys Gestalt an. Das Problem: Der Mensch ­vergisst 95 Prozent seiner Träume – eine gewaltige Menge an Daten und Ideen, die jeden Morgen verschwindet. Genau diese Daten kann Shadow bewahren.“

Soiks Idee hat enormes Medienecho ausgelöst. Seit er sein Projekt vergangenen Oktober auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter vorgestellt hat, erschienen weltweit mehr als 150 Artikel über sein Programm, das es offiziell noch gar nicht gibt. Seither verbringt Soik sein Leben entweder auf Konferenzen oder in Flugzeugen und Hotelzimmern.

„Ich lebe wie ein Mönch“, sagt Soik. Sein Apartment in New York hat er ver­mietet. Er reist mit vier T-Shirts und zwei Paar Jeans, die er in den Waschbecken seiner Hotelbadezimmer wäscht. Zum Frühstück und Mittagessen mixt er sich Vitamin-Shakes. „Geht schneller“, sagt er.

Soik hat Schlafforscher der Harvard Medical School und des Massachusetts Institute of Technology für sein Team ­engagiert. Sie sollen das Programm mit Updates füttern, etwa Fragebögen, die dem User helfen, sich detaillierter an seine Träume zu erinnern. Ab 10. August wird Shadow gratis im iTunes Store erhältlich sein. „Wir rechnen bis Ende 2014 mit einer Million Downloads.“

Der Mensch vergisst 95 Prozent seiner Träume – eine Menge Daten, die wir jeden Morgen verlieren.
Hunter Lee Soik

In Berlin ist es mittlerweile drei Uhr früh. Soik erzählt vom seltsamsten Traum seines Lebens: „Ich besuchte mit Michael Jordan eine Party im Berliner Reichstag. Wir stiegen die Treppen in die Glaskuppel hinauf. Über uns schwebte ein Hologramm, das Michaels spektakulärste Slam Dunks zeigte. Als wir oben in der Kuppel ankamen, wachte ich auf.“

Soik hatte diesen Traum in der Nacht vom 10. auf den 11. November 2012 in ­einem stickigen Hotelzimmer in Mexiko. Warum er das Datum so genau weiß? „Der Traum hielt mich auf eigenartige Weise beschäftigt und war letztlich der Anstoß, der mich auf die Idee mit der App brachte“, sagt er. „Ich wollte herausfinden, ob irgendwer sonst wo auf der Welt denselben Traum träumt.“ Vergangenes Jahr speicherte er den Traum als ersten Datensatz in seine App. Kann ja sein, dass ­jemand mit Michael Jordan im Berliner Reichstag Party machen möchte.

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07 2014 The Red Bulletin

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