Dr Julia Shaw

Diese Frau hackt sich in dein Gedächtnis

Text: Florian Obkircher
Foto: TOM OLDHAM

Dr. Julia Shaw ist Kriminologin und Psychologin, und sie weiß, wie sie uns Erinnerungen an Begebenheiten einpflanzt, die wir nie erlebt haben. Gruselig? Klar. Aber auch sehr effektiv, wenn wir uns zum Beispiel schlechte Angewohnheiten abgewöhnen wollen.

Diese Frau will uns um den Verstand bringen, aber sie meint es gut. In ihrem aktuellen Bestseller „Das trügerische Gedächtnis“ zeigt die kanadische Verhaltenspsychologin Julia Shaw, wie vergesslich unser Gedächtnis ist, aber auch wie kreativ. Und wie manipulierbar: Denn es ist verblüffend einfach, Menschen dazu zu bringen, sich an Dinge zu erinnern, die nie geschehen sind.

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THE RED BULLETIN: Frau Shaw, wir alle wissen, dass unser Gedächtnis nicht immer ganz zuverlässig ist. Sie gehen noch einen Schritt weiter und sagen, wir sollten unserem Gedächtnis nicht trauen. Warum denn das?

JULIA SHAW: Weil jede unserer Erinnerungen falsch ist. Die Frage ist nicht, ob falsch oder richtig. Die Frage ist: ob sehr falsch oder nicht so sehr. 

Sie wollen also behaupten, dass, wenn ich Ihnen von meinem Abendessen gestern erzählen würde … 

… Sie können jetzt sogar Ihre Augen schließen und beschreiben, was Sie gerade eben gesehen haben. Glauben Sie mir, Sie würden Dinge weglassen und andere dazuerfinden. 

Weglassen, klar. Aber dazuerfinden?

Ja. Unser Gehirn kann die Realität nicht vollständig aufnehmen und abspeichern. Wenn unsere Erinnerung lückenhaft ist, erfinden wir unterbewusst Dinge dazu, um eine möglichst vollständige Erinnerung zu bilden, ein schlüssiges Gesamtbild.

© Youtube // Julia Shaw

Ich habe einen Freund mit fotografischem Gedächtnis. Der kann das.

Sorry, aber das fotografische Gedächtnis gibt es nicht. Klar gibt es Menschen mit gutem Gedächtnis, aber dass man sich genau an etwas erinnern kann, das vor etlichen Jahren passiert ist, ist aus wissenschaftlicher Sicht unmöglich.

Sie sagen also, wenn ich über mein eigenes Leben spreche, lüge ich? 

Im Prinzip ja. Vielleicht nicht in böser Absicht, aber: ja.

Sie stürzen mich gerade in eine Sinnkrise, Frau Shaw. Wenn ich meiner Erinnerung nicht trauen kann, was bleibt mir dann?

Eine wichtige Erkenntnis. Denn die Fehlerhaftigkeit unserer Erinnerung zeigt doch nur, wie flexibel unser Gehirn ist, wie einfallsreich es Lücken schließt. Und ebendiese Flexibilität macht uns Menschen aus. Nur dank ihr können wir überhaupt kreativ sein, Probleme lösen und Informationen in neue Zusammenhänge bringen – während eine Festplatte nur Daten speichern kann.

In ihrer Studie gelang es Dr. Julia Shaw, 70 Prozent ihrer Probanden zu überzeugen, sie hätten in der Jugend Straftaten begangen.

Trotzdem würde ich lieber weniger Dinge vergessen. Geht das?

Das Gehirn ist ein Netzwerk aus Neuronen. Wenn Sie Ihr Gedächtnis verbessern wollen, müssen Sie dieses Netzwerk erweitern. Das geht, indem Sie möglichst viele Verbindungen herstellen. Machen Sie Fakten lebendig!

Wie geht das?

Ein ganz einfaches Beispiel: Sie wollen sich daran erinnern, dass Ottawa die Hauptstadt von Kanada ist? Stellen Sie sich ein kräftig rotes Ahornblatt vor, auf dem ein O hüpft. Verbinden Sie die Fakten mit bizarren Vorstellungen, wir nennen das „multisensorische Eselsbrücken“. Dadurch bilden sich im Gehirn größere Netzwerke. Und auf die können Sie später leichter zugreifen.

Kann ich auch etwas absichtlich vergessen? 

Ja. Sie müssen sich Ihr Gehirn wie eine Wikipedia-Seite vorstellen. Sie sind Redakteur der Seite, aber eben andere auch.

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In Ihrem Buch erklären Sie, wie erschreckend einfach es ist, Unschuldigen ein Verbrechen einzureden, das sie nie begangen haben. Wir wollen wissen: Wie kann man Ihre Methoden positiv nutzen?

Mögen Sie Eiscreme?

Zu sehr. Wieso fragen Sie?

In der Forschung suchen wir derzeit nach Methoden, mit denen wir Menschen falsche Erinnerungen einpflanzen können, um ihnen dabei zu helfen, schlechte Angewohnheiten abzulegen. Eine davon ist die Falsche-Erinnerungs-Diät von Elizabeth Loftus.

„Jede unserer Erinnerungen ist falsch. Die Frage ist nur: wie falsch?“
Dr. Julia Shaw, 29

Sie können mir damit Süßigkeiten abgewöhnen?

Noch besser: Das können Sie selbst! Wenn Sie das nächste Mal Appetit auf Eiscreme haben, bilden Sie sich ein, dass Ihnen davon schlecht wird. Reden Sie sich ein, dass Sie nach Ihrem letzten Eis kotzen mussten. Stellen Sie sich Farbe und Geruch des Erbrochenen vor, je mehr Details, desto besser. So pflanzen Sie sich eine falsche Erinnerung ein.

Aber ich weiß doch, dass ich mir das nur einbilde.

Wenn Sie sich Eiscreme wirklich abgewöhnen wollen - das ist die Voraussetzung -, können Sie Ihr Gehirn mit dieser Methode austricksen. Glauben Sie mir.

Bald werden wir uns wegen Handys, Internet, Social Media und Reizüberflutung gar nichts mehr merken können: Ist da was dran?

Gerade Jungen wirft man oft vor, unter digitaler Amnesie zu leiden. Weil sie ständig auf ihre Handys starren. Was dabei übersehen wird: Wir müssen uns heute gar nicht mehr an alle Details erinnern. Es ist ja alles online verfügbar! Ich glaube nicht, dass Technologie unsere Erinnerung verschlechtert. Sie verändert sie nur.

Ganz ehrlich, machen Ihnen Ihre Forschungserkenntnisse nicht manchmal Angst?

Im Gegenteil, ich finde sie befreiend! Bei meinen Vorträgen rate ich den Besuchern immer: „Leben Sie im Jetzt, alles andere ist ohnehin Fiktion.“

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02 2017 The Red Bulletin 

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