MC Travis Scott

Das Grand Palais
im Ausnahmezustand

Text: PH Camy
Bilder: Keffer  

Die Yard Party, einer der größten Hip-Hop-Events weltweit, verwandelt Paris und das Grand Palais in einen Rap-Tempel. Eine Nacht lang.

Es ist ein Uhr morgens, sie kommen zu Hunderten. Eine immense Schlange. Ihr Ziel? Der Eintritt ins Grand Palais: 72.000 Quadratmeter Fläche, ein Monster aus Stahl, Stein und Glas, eingeweiht zur Pariser Weltausstellung 1900. Keine Nostalgie im Stil der Belle Époque. Das Grand Palais ist modern. Hier geht sie los: die fetteste Party des Pariser Sommers.

Yard Party

Virgil Abloh, Creative Director von Kanye West, startet ein improvisiertes DJ-Set.

 „Keffer an Yoan …“ Über das Walkie-Talkie eines Security-Mannes nimmt unser Fotograf Keffer Kontakt mit Yoan Prat auf. Er und Tom Brunet sind die Gründer der Creative-Agentur Yard und verantwortlich für die Veranstaltung. Yoan taucht durch einen Seiteneingang mit den All-Access-Pässen auf. Er trägt Basketballschuhe, Air Force One in Weiß. Fast alle bei Yard sind mindestens eins neunzig groß. Sie haben sich auf dem Spielfeld kennengelernt. Der Abend wird sportlich, so auch der Dresscode. 

Was genau eigentlich ist Yard? „Die fetteste Hip-Hop-Party Frankreichs“, sagt Tom, der sich hinter den DJ-Pults zu uns gesellt hat. Hier jagt ein Act den anderen: Hologram Lo, Supa!, Girls Girls Girls, Kyu Steed, Endrixx und Yannick Do. Der Vulkan brodelt – und bricht aus, als die Lightshow losgeht. Bereits 3500 Menschen haben sich versammelt. Eine monumentale doppelläufige Ehrentreppe führt zur VIP-Etage. Von dort aus hebt man den Blick zur Decke und schaut staunend auf ein Längsschiff, für das weit mehr Stahl verarbeitet wurde als für den Eiffelturm … fett! 

Yard Party

Vier Uhr morgens. In der VIP-Area der Yard Party verfallen einige Gäste in Trance.

Der Raum ist gigantisch und das Soundsystem entsprechend ausgelegt. „Du bekommst hier vor allem modernen Hip-Hop, der durch Future Bass, afrikanische Musik und Dancehall beeinflusst ist“, erklärt uns Yoan. „Für moderne und aktive Städter. Eine krass vielfältige Jugend, die mega energiegeladen ist. Sie sind da, um abzugehen, was klarzumachen“, erklärt Tom. 

Vielfalt begegnet dir hier tatsächlich: Weiße, Schwarze, Asiaten, Araber, extrem gestylt oder ganz schlicht gekleidet, ­zurückhaltend oder extrovertiert, ein Glas Wasser oder aber Champagner in der Hand. Und junge Frauen, viele junge Frauen, die meisten atemberaubend.

„Eine krass vielfältige Crowd, mega energiegeladen. Bereit, abzugehen, was klarzumachen.“
Tom Brunet
MC Travis Scott

Körperlich präsent. Der US-Rapper Travis genießt das Bad in der Party-Crowd. 

Gegen zwei Uhr morgens betritt Rapper Niska für seine Live-Performance die Bühne, und die Menge geht noch einmal voll ab. „Niska ist die Internet-Entdeckung 2015. Wir wollten unbedingt die Ersten sein, die ihn aufs Spielfeld bringen“, sagt Tom. Die Crowd kocht. 

Der, auf den jedoch die meisten der Gäste hier warten, ist US-Rapper Travis Scott. Das Gerücht kreist schon den ganzen Tag durch sämtliche sozialen Netzwerke: „Travis, heute Abend im Grand Palais!“ „Ich will das absolute Chaos!“, brüllt er in die Menge. Auf der Bühne bleibt er aber nur kurz. Ein Jump in die Menge, Sekunden später taucht er mit nacktem Oberkörper wieder auf. Wie besessen spritzt Scott Champagner über das Soundsystem. DJ Endrixx an den Reglern ertrinkt schier.

„Afrikanische Musik im Grand Palais, das ist wie ein politisches oder historisches Zeichen.“
Yannick Do
Yard Party

72.000 Quadratmeter, eröffnet im Jahre 1900. An diesem 26. Juni kommen 5000 Menschen, um den derzeit angesagtesten Sound zu hören. 

Supa!

Supa! aus Kambodscha ist einer der ikonischen DJs der Crowd, die sich heute Abend im Grand Palais versammelt hat.


Aus dem Nirgendwo taucht Virgil Abloh, New Yorker und Creative Director von Kanye West, auf und eilt zu Hilfe. Er schließt Travis an ein anderes System an. Es geht weiter. Scott lässt es krachen, bevor man ihn von der Bühne „birgt“. Keep the vibes! Pablo Attal von der Yard-Crew brüllt ins Mikro: „Alle Afrikaner unter euch, gebt Gas!“

Mit seiner Musik aus Nigeria, Ghana, dem Kongo und von der Elfenbeinküste kommen Liebhaber subsaharischer Klänge bei DJ Yannick Do, der diesen Abend abschließt, auf ihre Kosten. „Afrikanische Musik im Grand Palais, das ist wie ein politisches oder historisches Zeichen“, sinniert Yannick. „Die Zukunft Frankreichs ist hier vor mir in Bewegung.“ Auch der Schauspieler Owen Wilson kommt über die Ehrentreppe. Und Sonia Rolland, ehemalige Miss Frankreich. Und dann ist da noch Nekfeu, einer der bekanntesten Rapper Frankreichs, ganz entspannt auf dem Dancefloor. Smarte Typen, schicke Ladys … über 5000 Nachtschwärmer tanzen bis zum Morgengrauen. Die 1500 Arbeiter, die das Grand Palais vor knapp 120 Jahren errichteten, hätten sich wohl kaum vorstellen können, dass in ihrem Bauwerk einmal ein derartiger Wahnsinn stattfinden würde.

Yard Party

Die Party hört auch backstage nicht auf. Fotograf Keffer nimmt uns mit hinter die Bühne. 

Klicken zum Weiterlesen
10 2015 The Red Bulletin

Nächste Story