„Holy Ship!“-Festivals

Holy Ship!: das schwimmende Festival

Fotos: Ian Witlen/theCameraClicks.com

Jeden Winter verwandelt sich das Kreuzfahrtschiff „MSC Divina“ in ein schwimmendes Festivalgelände. Mit 4000 Ravern, die drei Tage lang in Badehosen und Tierkostümen feiern, und Star-DJs, die mit ihren Fans Sackhüpfen spielen. Ian Witlen ist Hausfotograf des „Holy Ship!“-Festivals und erklärt, warum das Feiern auf hoher See mehr Spaß macht als an Land.

Die „MSC Divina“ rühmt sich in einer Broschüre ihrer Wasserparks und Wellnessoasen wegen als besonders familienfreundliches Kreuzfahrtschiff. Im Wochentakt bringt der 330 Meter lange, 18 Decks hohe Koloss seine Passagiere von Miami aus an die schönsten Strände der Karibik, alles ist auf Ruhe und Entspannung ausgelegt. 

Bis auf zwei Wochenenden im Winter – wenn das „Holy Ship!“-Festival und dessen 4000 Gäste das Luxusschiff für jeweils drei Tage entern und den Ausnahmezustand ausrufen.

Über 100 DJs wie Robin Schulz, Disclosure und Skrillex übernehmen das Animationsprogramm, das Pool-Deck wird zur Tanzfläche umgebaut, die Raver pendeln in Strandmontur zwischen Club, Kajüte und Jacuzzi.

Skrillex

„Während dieses Sets von Skrillex (Bild) machte ein Gast seiner Freundin einen Heiratsantrag auf der Bühne.“

Wer gerade keinen Bock auf Party hat, kann im schiffseigenen Casino zocken oder seinen Kater im Spa-­Bereich auskurieren. Das Reiseziel des schwimmenden Elektronikfestivals: eine idyllische Privatinsel auf den Bahamas, wo die Gäste eine Strandparty mit Stars wie Pharrell Williams feiern.

„Holy Ship! ist wie ein schwimmender Spielplatz für Erwachsene“, sagt US-Fotograf Ian Witlen, der bei allen sieben Ausgaben seit 2012 dabei war. „Das fällt dir besonders auf, wenn du dich am Frühstücksbuffet zwischen einer Meerjungfrau und einem Piraten mit aufblasbarem Papagei auf der Schulter wiederfindest – und merkst, dass du schon wieder tanzt. Oder immer noch.“

„Bikinis und Badehosen, rund um die Uhr“
Ian Witlen

In den ersten Jahren war er als Fotojournalist für Musikmagazine wie „Rolling Stone“ und „Spin“ an Bord, heute ist Ian Witlen der offizielle Partyfotograf der Kreuzfahrtsause. Hier erklärt der 32-Jährige in acht Punkten, wieso du für dieses Musikfestival statt Zelt und Regenjacke eher Pinguinkostüm und Bademantel einpacken solltest.

Whirlpool

„Zur Musik tanzen oder in einem der zwölf Whirlpools planschen: Beim Holy Ship! ist beides möglich.“

1 DU TRIFFST DIE STARS BEIM SACKHÜPFEN
„Bei normalen Musikfestivals ergatterst du mit Glück ein Autogramm von DJs wie Skrillex, wenn sie nach ihrer Show zur Absperrung kommen. Dann verschwinden sie backstage oder reisen zum nächsten Auftritt weiter. Beim Holy Ship! ist das anders. Weil es bis auf den Helikopter gar keine Möglichkeit gibt, ans Festland zu gelangen, bleiben die meisten DJs gleich das ganze Festival über am Schiff und wohnen in Kajüten direkt neben den Besuchern. Du triffst sie bei Auftritten ihrer Kollegen, am Pizza-Buffet oder, wie im Fall von Fatboy Slim, beim Sackhüpfen. Der britische DJ spielte am Morgen nach seinem Gig 2015 mit Fans stundenlang Feriencamp-Spiele am Pool-Deck.“

„Der Großteil des Publikums genießt die digitale Abstinenz.“
Ian Witlen

2 VERGISS DEIN SMARTPHONE
„Auf hoher See hat dein Mobiltelefon ­keinen Empfang. Und auch wenn das Schiff auf den Bahamas anlegt, lässt du dein Smartphone besser im Flugzeugmodus: Mit einem US-Telefon kostet ein Megabyte Datentransfer 20 Dollar. Seit letztem Jahr gibt’s in einigen Bereichen des Schiffs freies WLAN, was praktisch ist, aber der Großteil des Publikums genießt die digitale Abstinenz. Was einem zum Beispiel dann positiv auffällt, wenn bei Konzerten kaum jemand sein Mobiltelefon in die Höhe streckt, um zu filmen.“

Fatboy Slim

„2015 eröffnete Fatboy Slim das Festival, als das Schiff abends in Miami ablegte. Mit einem Set, gespickt mit seinen Hits wie ‚Praise You‘.“

3 DIE PARTY HÖRT NIE AUF 
„Das Tolle am Feiern in internationalen Gewässern: keine Lärmbeschwerden, jeder der Anwesenden meidet das Bett, zumal es sowieso keine Vorschriften punkto Sperrstunde gibt. Die fünf Bühnen des Schiffs werden zwanzig Stunden pro Tag bespielt. Wer dennoch um sechs Uhr früh nicht genug hat, kann in der 24-Stunden-Kantine weitertanzen, wo um diese Zeit immer eine improvisierte Feier mit dem Ghettoblaster eines Gasts läuft. Oder man spürt eine der Kabinenpartys auf, bei der Besucher ihr Schlafgemach mit zwanzig Freunden in Kleinclubs verwandeln.“

„Wer auch um 6 Uhr früh nicht genug hat, kann in der Kantine oder auf Kabinenpartys weitertanzen.“
Ian Witlen

4 DU LEBST GESÜNDER - WENN DU WILLST
„Vor vier Jahren kam DJ Gina Turner nach ihrem Auftritt auf die Idee, das Publikum zu ihren Yoga-Einheiten einzuladen. Anfangs war es eine überschaubare Gruppe, heute sind es täglich 200 Leute, die sich gegen die After-Hour-Party und für eine Frühschicht am Sonnendeck entscheiden. Daneben gibt’s auf der ‚MSC Divina‘ neben Basketball-, Volley- und Tennisplätzen ­einen großzügigen Wellness-Bereich. Glaubt mir: Nach einer durchzechten Nacht gibt’s nichts Besseres, als sich eine Warmsteinmassage zu gönnen und dann im Bademantel zu chillen.“

Tommy Trash

„Die Partys von ­Tommy Trash sind die verrücktesten an Bord. Hier kaut der australische DJ an einer Schaumgummihand.“

5 STARS BEMÜHEN SICH BESONDERS
„2014 war Pharrell Williams der Stargast des Festivals. Er tauchte per Hubschrauber auf der Insel auf und spielte ein Konzert im Rahmen der Strandparty. Wirklich speziell aber war seine unangekündigte Schiff-Session im Anschuss: Er tauchte in einem der Clubs auf und bat das Publikum, nicht zu filmen. Dann steckte er sein Smartphone am Mischpult an und gab in einem intimen Rahmen erstmals Songs seines noch nicht erschienenen Albums ‚Girl‘ zum Besten sowie Rohversionen von Hits wie ‚Happy‘. Ähnlich machen das auch DJs wie Skrillex, die neben ihrem ­offiziellen Auftritt unvermittelt in einem der Clubs hinter den Decks auftauchen.“

„Du findest dich beim Frühstück zwischen einer Meerjungfrau und einem Piraten wieder.“ 
Ian Witlen

6 DU KANNST FASTFOOD UMGEHEN
„Pizza und Hot Dogs gibt’s rund um die Uhr. Aber wer Abwechslung vom Festivalfraß will, findet im Schiffsbauch ein Nobelrestaurant, bei dem man Drei-Gänge-Menüs à la carte bei Kellnern im Anzug bestellen kann. Badekleidung ist dort nicht erlaubt, man unterhält sich bei ­dezenter Musik und trinkt Rotwein aus Weingläsern. Das Restaurant ist der perfekte Ort, um den Partywahnsinn kurzzeitig hinter sich zu lassen. Abgesehen von dem Abend des traditionellen ‚Noahs Arche‘-Kostüm-Dinners, bei dem Haie und Pinguine das Restaurant stürmen. In dieser Nacht fühlt man sich dort wie bei der Teestunde in ‚Alice im Wunderland‘.“

7 LASS DEIN ZELT DAHEIM
„Das Lästigste an Musikfestivals: nachts sein Zelt zu finden. Natürlich muss man auch am Schiff seine Kajüte aufspüren, aber zumindest nicht in der Dunkelheit. Und statt in einem vollgepferchten Shuttle-Bus fährt man im Aufzug in die Nähe seiner Unterkunft. Überhaupt erkennt man am Schiff schnell die Mängel des Zelts als Regenerationsort. Die 1700 Kajüten an Bord sind eng, aber mit Betten und Duschen ausgestattet. Und wer besondere Ansprüche an die Behausung hat: Die Nobelsuite mit Privatpool heißt ‚Sophia Loren‘ und wurde von der Filmdiva höchstpersönlich gestaltet.“

„Die Nobelsuite mit Privatpool heißt ‚Sophia Loren‘ und wurde von der Filmdiva höchstpersönlich gestaltet.“
Ian Witlen

8 DU REIST MIT LEICHTEM GEPÄCK
„Die Uniformen am Holy Ship! sind Bikinis und Badehosen, rund um die Uhr – weil viele Swimmingpools auch nachts zugänglich sind. Das heißt, Raver kühlen sich mit einem Sprung ins kühle Nass vom Tanzen ab und kommen danach in Bademontur in den Club zurück. Bei Land-Festivals bist du nachts mit einem Pulli gut beraten. Wenn du am Schiff frierst, feierst du einfach in den Clubs unter Deck weiter, wo Saunatemperaturen herrschen.“

„Holy Ship!“-Festivals

„Bikinis und Sonnenbrillen werden auch nachts getragen.“

Klicken zum Weiterlesen
03 2016 The Red Bulletin

Nächste Story