So wirst du Teil eines Wolfsrudels

So wirst du Teil des Wolfsrudels

Illustration: Mark Thomas

Wie die Kommunikation mit Wölfen tatsächlich funktioniert, liest du hier.

„Wir denken, dass wir Wölfen überlegen sind. Wir glauben, wir könnten einfach zu ihnen marschieren und ihre Anführer werden“, sagt Shaun Ellis, Gründer des Wolf and Dog ­Research & Education Centre in Südwestengland.

Aber: „Da liegen wir falsch. Sie haben ein ähnliches Sozialverhalten und die gleichen Grundgefühle wie wir: Treue, Angst, Sorge. Willst du mit diesen Tieren kommunizieren, musst du Teil ihrer Familie werden.“

Das tat Ellis konsequent: Er lebte zwei Jahre mit einem Wolfsrudel in Idaho, USA. Hier verrät er, wie er sich in der Gruppe ­Respekt verschaffte.

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1 Gewinn ihr Vertrauen

„Es klingt verrückt, aber bück dich zum Wolf runter und halte ihm deinen Hals hin. Die meisten glauben, wenn sich ein Wolf auf den Rücken rollt, unterwirft er sich einem überlegenen Tier. Aber es ist Teil der Etikette. Der andere Wolf greift den Hals mit den Zähnen, ohne zuzubeißen, und signalisiert damit: ‚Ja, du kannst mir vertrauen.‘ Einmal hat das Beta-Männchen, der Herr über Disziplin in der Gruppe, mein Gesicht ins Maul genommen. Wölfe können mit einer Kraft von 100 Kilogramm pro Quadratzentimeter zubeißen – doppelt so fest wie ein Schäferhund. Als ich dachte, mein Schädel wird zerkleinert, gab der Wolf meinen Kopf wieder frei. Er wusste genau, was er tat.“

2 Lern die Sprache

„Du musst eins wissen: Es ­kommuniziert immer jener Körperteil ­eines Wolfes mit dir, der dir am nächsten ist. Die Körpersprache des Wolfes ist faszinierend, er kann mit Artgenossen auf der linken Seite ganz anders kommunizieren als mit denen rechts von ihm. Auch Ohrenbewegungen sind wichtig. Wenn ein Wolf etwas beschützt, streckt er die Ohren flach wie Flügel drüber. Zum Beispiel sein Fressen. Mein Problem bei der Ernährung war: Ich konnte meine Ohren nicht bewegen.“

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3 Vertrau dich ihnen an

„Eines Tages war ich auf dem Weg zum See. Das Beta-Männchen stellte sich mir knurrend in den Weg. Er drängte mich in einen ausgehöhlten Baum, ich dachte: ‚Okay, das war’s jetzt. Er wartet nur noch, um mich mit dem Rudel zu erledigen.‘ Aber nach einer Stunde begann er schrill zu winseln. Voller Angst kroch ich raus. Er brachte mich zum See, wir tranken Seite an Seite. Er blickte einen Baum an, bei dem ein Kothaufen und, zwei Meter darüber, gewaltige Kratzspuren waren. Die Spuren eines Bären auf der Jagd nach Futter. Das war eine wertvolle Lektion: Wölfe ­geben aufeinander acht und wissen, wann sie sich bewegen können und wann sie stillhalten müssen.“

4 Finde deine Aufgaben

„Wölfe haben flache Hierarchien. Jedes Tier wird für das geschätzt, was es kann. Lass dir von ­ihnen eine Rolle zuweisen. Ich selbst wurde mit drei Aufgaben betraut: Einmal gab ich ihnen Rückendeckung. Ein anderes Mal war ich Schlichter, Fachmann darin, sie zu besänftigen, damit sie das schon als Welpen ­lernen. Die größte Ehre war für mich, dabei zu helfen, einen Wurf Welpen aufzuziehen. An der Spitze stand ich jedoch nie, und ich fühlte mich dazu auch nie in der Lage.“

5 Geh in die Wolfsschule

„In einem Winter fanden wir einfach keine Beute. Nach ein paar Wochen begann das tonangebende Weibchen, Schnee und Eis zu fressen. Wir taten es ihr gleich, weil wir wussten, dass sie uns etwas beibringen wollte. Am Tag danach konnten wir ein Tier fangen und fressen. Keine Ahnung, wieso wir diesmal erfolgreich waren. An einem kalten Morgen sah ich dann die Atemwolken der Wölfe, und es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Das Weibchen wusste: Mit dem Eis im Maul konnten die Beutetiere unseren Atem nicht sehen.“

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07 2016 The Red Bulletin 

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