Ice Run am Baikalsee

Freezy Rider - Ice-Run am Baikalsee

Fotos: James Hubbard

Lust auf eine entspannende Ausfahrt durch malerische Landschaften? Wir hätten da Sibirien anzubieten. Und einen Platz auf einer museumsreifen Beiwagenmaschine. 

Sibiriens Baikalsee ist mit rund 31.500 Quadratkilometer Fläche und über 1600 Meter Tiefe das weltgrößte Süßwasserreservoir. Im Winter, wenn die Temperaturen unter –20 °C fallen, erstarrt seine Oberfläche zu einer Topographie glasartiger Ebenen und zerklüfteter Grate. Perfekt, um mit einer sperrigen alten Beiwagenmaschine darauf rumzucruisen. 

Das ist der Ice Run – 4000 Kilometer Abenteuer durch Taiga-Wälder, auf verwinkelten Eisstraßen, über den gefrorenen See. 2-Mann-Teams und ein Einheimischer: das Motorrad, eine Ural, ein absolut hemmungsloser Sowjetdesign-Klassiker. Das scheinbar aus Militär-Lego zusammengebastelte Teil – Handling zwischen Öltanker und Ziegelstein – wurde von Stalin im Zweiten Weltkrieg in Serie geschickt. Für seine Entwicklung hatte die Rote Armee eine BMW angeschafft und zerlegt. Offensichtlich ging bei der Übersetzung irgendwas schief … 

„Ihre Schlichtheit und Stabilität machen die Ural ideal für den Ice Run“, sagt Katy Willings vom Veranstaltungsteam. „Sie ist gebaut wie ein Panzer, darauf ausgelegt, dass man sie am Schlachtfeld mit Hammer und Gummiband, oder was auch immer man zur Hand hat, reparieren kann. Die Materialien sind billig, aber quasi unzerstörbar – oft kränklich, aber niemals tot. Eine Ural so zu demolieren, dass sie nie wieder fährt, dafür braucht es schon einiges.“ 

Vorsicht, eisige Straße! - Auf den nächsten 4000 Kilometern

© theAdventurists // YouTube

Was gibt’s sonst? „Wir haben Eis in ­allen Formen und Arten“, sagt Willings. „Manchmal sieht es harmlos aus, du brichst aber sofort ein – das ist tödlich. Dann wieder wirkt es höllisch, aber wenn du mit der Ural ein bisschen Gas gibst, kannst du dir deinen Weg darüber bahnen.“

Das Wichtigste mit einer Ural auf Eis: rechtzeitig auf Gefahren achten. „Wenn du bremst, passiert erst mal nicht viel – außer dass das Motorrad stark nach rechts zieht“, sagt Willings. „Dann verselbständigt sich die Lenkung, die Bremsen blockieren, du schlitterst dahin … üblicherweise geradewegs in das Hindernis, dem du ausweichen wolltest.“ 

Während einer dreitägigen Orientierung unterweist Tour-Guide Dmitry Yaskin die Fahrer in der Kunst des Navigierens auf Eis: wie man beispielsweise die Dicke einer Eisdecke mit einem Speer testet, um sicherzugehen, dass sie einer Maschine mit 215 Kilo standhält. Oder wie man über tückische Stellen springt. Das involviert das Ausschauhalten nach natürlichen Eisrampen – oder das Konstruieren selbiger mit Hilfe einer Kettensäge – sowie das Niederschlagen von zu ­rauem Eis auf der anderen Seite, um Bruchlandungen zu vermeiden. 

Richard Fleming fuhr 2015 die Route. „Am ersten Tag auf dem Eis kamen wir an eine Spalte, von der wir dachten, wir müssten sie überspringen“, erzählt er. „Die Landung war ziemlich hart und die Bolzen unseres Gepäckträgers rissen.“ 

„Wir haben Eis in ­allen Formen und Arten. Manchmal wirkt es höllisch, aber wenn du mit der Ural ein bisschen Gas gibst, kannst du dir deinen Weg darüber bahnen.“
Katy Willings
Ice Run through Siberia with a Ural motorcycle across Lake Baikal

Jetzt bremsen und schon in einer Woche stehen

Wenn man bedenkt, dass die Ice Runner bei Minusgraden draußen campen, ist der Verlust des Gepäcks buchstäblich eine ­Frage von Leben und Tod. Glücklicherweise sind die Fahrer nicht ganz auf sich allein gestellt: Die Veranstalter geben eine GPS-Route rund um den See vor und platzieren Sprit an der Strecke. Zusätzlich sind für Notfälle alle via Funk miteinander verbunden.

Die Risiken bleiben dennoch sehr real. Zwei der Fahrer aus dem letzten Jahr, Ala und Efraim, kamen wie durch ein Wunder mit einem verzogenen Vorderrad davon, nachdem sie nur knapp einem Einbruch ihrer rollenden Ural entgangen waren. 

„Auch uns brach das Hinterrad mal ins Eis ein“, sagt Fleming. „Zum Glück hatten wir genug Schwung, um durchzukommen, aber das war schon verdammt knapp.“

Insider-Tipp

„Das Eis ist wie ­Narbengewebe“, sagt Katy Willings. „Oft ragt ein dicker Grat wie der Rücken eines Stegosaurus ­heraus.“ Dahinter können sich aber tiefe Risse im Eis verbergen. „Schätz einen davon falsch ein, und du versinkst eine Meile in die ­eisige Tiefe.“

Heisse Öfen: Touren in wärmeren Gefilden

Klicken zum Weiterlesen
07 2016 The Red Bulletin

Nächste Story