Virtual Born Killer

Text: Alex Nassar
Foto: Olivier Metzger

Das Mädchen ist 23, hübsch und freundlich. Solange es keinen Joystick zwischen die Finger bekommt: Bei Videogames kennt Kayane keine Gnade.

Zuallererst bist du erstaunt, wie Kayane aussieht, dieser weltweit bewunderte wie gefürchtete berüchtigte, gnadenlose ­Killer, dem – in virtuellen Welten – bisher tausende zum Opfer gefallen sind. Denn Kayane ist hübsch, mit einem zur Rundlichkeit neigenden Gesicht, liebenswürdigem Lächeln und freundlicher Stimme. Kayane ist, genau genommen, auch gar nicht Kayane. Sondern Marie-Laure Norindr, ein 23 Jahre altes Mädchen aus Argenteuil, einem nordwestlichen Vorort von Paris.

Und so richtig fühlt sich Marie-Laure auch nicht als Kayane, als der Gaming-Star, den man weltweit kennt. „Ehrlich gestanden: Es kommt mir noch immer ­eigenartig vor, wenn ich zum Beispiel nach Las Vegas komme, um an einem Turnier teilzunehmen, und dann um Autogramme gebeten werde“, sagt sie.

„Wenn ich spiele, überkommt mich ein gewaltiger Hass aufs Verlieren – das hilft mir, meine Gegner zu bezwingen.“
Marie-Laure Norindr aka Kayane

Marie-Laure war gerade acht Jahre alt, als sie begann, sich für Spiele wie „Street Fighter“, „Soulcalibur“ und „Dead or Alive“ zu interessieren. Ihre beiden älteren ­Brüder – damals 15 und 19 – erkannten schnell ihre herausragende Begabung im Umgang mit dem Joystick und wurden ihre ersten Trainer. Marie-Laure war neun, als aus ihr ­Kayane wurde. Da meldeten ihre beiden Brüder sie für ein Turnier an. „Die Organisatoren wollten zuerst nicht, dass ich teilnehme“, erinnert sich Kayane. „Als ich dann doch für den ersten Kampf aufgerufen wurde, verstummte alles im Raum. Man konnte spüren, was die Leute dachten: Für wen hält sich die Kleine, dass sie sich traut, gegen uns anzutreten?“

Kayanes erster Gegner war dreimal so alt wie sie. „Er ist in höhnisches Lachen ausgebrochen, als er mich sah … Ich habe ihn dann ausgeknockt, ohne eine einzige Runde zu verlieren.“ Kayane kämpfte sich bis ins Finale vor – und war damit Frankreichs Nr. 2 in „Dead or Alive 2“. Seit damals ist einiges geschehen in Kayanes virtuellem und auch realem ­Leben. Sie wurde ein globaler Gaming-Star, der es sogar ins „Guinness-Buch der Rekorde“ geschafft hat: In der Ausgabe von 2012 wird sie als die Frau mit den meisten Top-3-Turnierplatzierungen ­geführt, insgesamt 42.

„Ich übe mindestens ein bis zwei Stunden täglich. Und vor einem Turnier studiere ich die Kampftechniken meiner Gegner. Ich versuche mich in ihre Köpfe zu versetzen. Ich muss vorausahnen können, was sie tun.“

„Wenn ich spiele, überkommt mich ein gewaltiger Hass aufs Verlieren – das hilft mir, meine Gegner zu bezwingen“, sagt sie. „Die Technik ist natürlich wichtig, aber entscheidend ist die mentale Seite. Ich weiß das. Vielleicht nennen sie mich deswegen ‚Pitbull‘.“ Sie ist jedoch ein Pitbull, der ständig daran arbeitet, sich weiterzuentwickeln.

„Ich habe kürzlich einen Monat in Japan verbracht. Von dort kommen die besten Spieler der Welt, und die japanische Mentalität inspiriert mich sehr. Die Japaner haben diese Fähigkeit, ihre Grenzen unablässig weiter auszureizen. Es ist Teil ­ihrer Kultur … und es ist der Hauptgrund dafür, dass sie so gut sind.“ Das Erfolgsrezept im Gaming, sagt ­Kayane, sei dasselbe wie in allen anderen Sportarten: Talent sei Voraussetzung, nicht mehr.

„Die Welt der Videospiele ist ein ausgeprägtes ­Macho-Terrain, doch inzwischen fürchten mich die Männer.“


Siege seien die Folge harter Arbeit. „Ich übe mindestens ein bis zwei Stunden täglich. Und vor einem Turnier studiere ich die Kampftechniken meiner Gegner. Ich versuche mich in ihre Köpfe zu versetzen. Ich muss vorausahnen können, was sie tun. Es ist ein bisschen wie beim Pokern. Bei Videospiel-Turnieren wird viel geblufft.“
Vor ein paar Jahren begann Kayane immer mehr Interessen zu entwickeln, durchaus auch in der realen Welt: Sie boxt, spielt Klavier, moderiert eine wöchentliche TV-Sendung des französischen Senders Game One. Ihr Ehrgeiz treibt sie aber noch weiter: „Ein großer Traum ist mein eigenes Fight-Game. Ich habe Unmengen von Ideen.“

Den meisten Spaß hat sie aber immer noch dabei, ein paar allzu selbstbewusste Konkurrenten zum Schweigen zu bringen. „Die Welt der Videospiele ist ein aus­geprägtes Macho-Terrain, aber mittlerweile fürchten und respektieren mich die meisten Männer“, sagt Kayane. „In den dreizehn Jahren meiner Karriere habe ich zumindest das erreicht. Und das will schon etwas heißen.“ Was wurde eigentlich aus dem Spieler, den Kayane 2001 in ihrem ersten Turnier zermalmt hat? „Ich glaube, er hat seinen Namen geändert und das Land verlassen“, sagt sie und muss lachen. „Die beste Entscheidung, die er treffen konnte.“

Kayane: Die Fakten

Name: Marie-Laure „Kayane“ Norindr

Geboren: in Paris am 17. Juni 1991

Weltmeisterin: 2010 holte sie den Titel in „Super Street Fighter IV“

Präsentatorin: Sie moderiert die Sendung „Game One e-Sport“ im ­französischen Fernsehen

Rekordhalterin: Das „Guinness-Book der Rekorde“ führt Kayane in seiner Ausgabe von 2012 als die Frau mit den weltweit meisten Top-3-Platzierungen in Kampfspiel-Turnieren

… und ihre Leidenschaft? Klavierspielen

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08 2014 The Red Bulletin

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