ISPO 2015

Fitnesstracker: Fluch oder Segen?

Text: Kurt Vierthaler
Bild: ISPO

Fitnesstracker, sogenannte Wearables, boomen weiter. Aber was können sie wirklich? Und wo lauern die Gefahren? Wir haben bei der ISPO 2015 nachgefragt.

Wer etwas auf seine Gesundheit hält, der zeigt das mittlerweile am Handgelenk. Wearables. Kleine tragbare Mini-Computer, die in Echtzeit sämtliche vitale Aktivitäten des Nutzers aufzeichnen. Schritte, Puls, Kalorien, Schlaf – es gibt im Prinzip nichts, das die kleinen Wunderdinger nicht mittracken können.

Die Industrie reibt sich jedenfalls die Hände: In einer Zeit, in der die Zahl der Bewegungsfreudigen immer weiter abnimmt, werden die Fitnesstracker immer beliebter. „Es gibt hunderte Trackingtools, die derzeit angeboten werden. Der Markt ist einfach sehr interessant, fast alle großen Firmen springen auf diesen Trend auf“, erklärt Dr. Martin Zelger von „Get the world moving“ im Rahmen der ISPO 2015 in München.

Das weltweite Marktpotenzial für die kommenden drei Jahre wird auf rund 70 Millionen Geräte geschätzt. Derzeit steht man bei 19 Millionen. „Der Homo sedens, also der sitzend ruhiggestellte Mensch, kommt im Alltag gar nicht mehr dazu, sich viel zu bewegen“, sagt Dr. Armin Tank, der für die Medisana AG Gesundheits- und Fitnessprodukte entwickelt. „Fitnesstracker liefern die Motivation, sich mehr zu bewegen und mehr für die Gesundheit zu tun.“ 

Welche Marke bzw. welches Modell man dabei verwendet, mache laut Tank kaum einen Unterschied. „In punkto Hardware gibt es eine große Vielfalt an Tracking-Geräten, die sich nur minimal voneinander unterscheiden. Die Technologie ist so weit, dass die Geräte im Prinzip austauschbar sind. Umso wichtiger ist es für die Hersteller, dass man sich über die dazu angebotenen Portale und Services differenziert.“

Das große Allheilmittel sind die mobilen „Aufpasser“ allerdings nicht, wie Zelger betont. „Die einzige Person, die an seiner Gesundheit wirklich nachhaltig etwas ändern kann, ist die Person selbst. Man kann zwar Tools zur Unterstützung zur Verfügung stellen, aber umsetzen kann es nur der Mensch selbst.“

„Fitnesstracker können den Anstoß bringen, um in seinem Leben etwas zu verändern. Aber letztlich liegt es an uns, wirklich nachhaltig etwas zu tun.“
Andreas Koller

In diese Kerbe schlägt auch Andreas Koller (Gesundheits.Koller), der dafür plädiert, langfristig auf seine innere Uhr zu hören. „Fitnesstracker können den Anstoß bringen, um in seinem Leben etwas zu verändern. Aber letztlich liegt es an uns, wirklich nachhaltig etwas zu tun. Wir haben den Luxus der Selbstbestimmtheit. Jeder kann tagtäglich entscheiden, ob er den Aufzug oder die Treppen nimmt; die Hauspantoffeln oder die Sportschuhe; die Wurstsemmel oder den Smoothie. Das muss man den Menschen wieder vergegenwärtigen.“

Vergegenwärtigen, so die Experten, sollte man der breiten Masse auch, dass mit den sensiblen Daten viel Schindluder betrieben werden kann. „Die weltweiten Trends machen mir etwas Sorgen“, sagt Zelger. „Was beispielsweise in Amerika bezüglich Gesundheitsdaten abgeht, ist besorgniserregend.“ Selektion als drohendes Szenario: Wer nicht gesund genug ist, ist auch nicht gut genug für eine Versicherung. Andreas Koller warnt: „Alles, was an Daten verwendet wird, um Menschen zu selektieren, ist aus meiner Sicht äußerst bedenklich. Dann wird die Solidargesellschaft zu einer reinen Wettbewerbsgesellschaft.“

Ob und wann ein derartiges „Worst-Case-Szenario“ eintritt, kann man derzeit nicht voraussagen. Bis dahin sollte man die Fitnesstracker als das ansehen, was sie sind: Eine Unterstützung im Alltag, um dem inneren Schweinehund den Kampf anzusagen.

5 Wearables für ein fitteres Leben

Wir haben uns bei der ISPO umgeschaut und fünf Fitnesstracker herausgepickt.

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02 2015 redbulletin.com

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