Malik

Malik: „Meine Sonne scheint durch Beton“

Foto (oben): Lukas Maeder
Text: Arek Piatek

Ein Graffiti-Künstler bemalt ein Gefängnis mit Street Art. Von Fabelwesen auf Mauern und Kunst, die jeden Ort lebenswerter macht.

Die Haftanstalt in Lenzburg: ein schon von weitem sichtbares riesiges graues Fünfeck am Rand der Aargauer Kleinstadt. Innerhalb der Mauern: der Hof und der Gefängnisblock – ein Betonklotz mit ­Mini-Gitterfenstern, drinnen graue Zellen und graue Gänge.

300 Straftäter werden hier von 200 Wärtern überwacht. „Der farblose Gefängnis-Alltag ist eine psychische Belastung, für Wärter wie Häftlinge“, sagt der Aargauer Graffiti-Künstler Malik, der 2012 eine ungewöhnliche Idee hatte: „Ich bot an, die Knastmauern mit bunter Street Art zu bemalen. Weil jeder Mensch ein Recht auf Farbe hat.“

Aus der Idee entstand ein einzigartiges Projekt: Gut 18 Monate bemalte Malik mit 15 namhaften Schweizer Urban Artists Zellen, Gänge und Aussenmauern. Über fliegende Frösche, schwebende Astronauten und ihre Wirkung auf den Alltag.

THE RED BULLETIN: Herr Malik, Sie waren fast zwei Jahre freiwillig im Gefängnis … um zu malen. Welcher Künstler tut sich so was an?

MALIK: Wissen Sie, wie der Alltag eines Häftlings aussieht?

Nicht genau.

Sie bewegen sich täglich in einem kleinen Raum. Sie sind umgeben von kargen, grauen Mauern. Von Ihrem Fenster aus sehen Sie nur eine weitere graue Wand. Einmal am Tag dürfen Sie für eine Stunde in einen anderen Raum gehen. Auch dieser ist grau.

Okay.

Mir erschien’s spannend, meine Kunst damit zu konfrontieren. Eine Diskrepanz zu schaffen zwischen der Kälte des Betons und farbigen, inspirativen Welten … und überhaupt: So viele unberührte Betonwände wie im Gefängnis gibt es in der Schweiz nirgends (lacht).

Malik

© Horatiu Sovaiala

Die Direktion der Anstalt mochte die Idee?

Ja. Sie und die Mitarbeiter litten ja ebenfalls unter der Farben-Armut.

Was malt man also in einem Gefängnis?

Das Gegenteil von Beton.

Das wäre?

Was man dort am meisten vermisst. Meine ersten Bilder ­waren ein Wald, dann ein Fluss und Wiesen in der Sonne … Mit den Monaten änderten sich die Motive: Das aufwendigste Werk zeigt eine Stadt von der Morgenröte bis zur Abenddämmerung. Wir malten es auf vier Wänden. Dreht sich der Beobachter im Raum, ist es, als ob ein ganzer Tag an ihm vorbeizöge.

Malik

Das aufwendigste Werk in diesem Projekt: eine Stadt von der Morgenröte bis zur Abenddämmerung auf 4 Wänden.

Auf der Gefängnismauer ist auch ein Fabelwesen, das die Mauer wie einen Stoffvorhang in die Höhe hebt …

… die Sonne kommt durch, und ein Frosch fliegt hinaus. Ja, da wollte ich einen Blick in eine Fabelwelt schaffen. Das Ganze suggeriert, na ja, einen kleinen Hauch von Freiheit.

Wie waren die Reaktionen?

Die Wärter waren begeistert und spornten uns zu neuen Motiven an. Und die Insassen waren dankbar. Aber das Wichtigste war: Alle setzten sich mit den Werken auseinander. Sie lobten, kritisierten, interpretierten. Das höchste Lob für uns: Die Kunst ließ sie nicht kalt. Sie eröffnete Perspektiven, nicht nur visuell.

„Ihre Wohnung könnte etwas Inspiration vertragen? Streichen Sie Ihren Tisch bunt an. Das wirkt schon!“

Als Künstler engagieren Sie sich oft gesellschaftspolitisch. Was ist Kunst für Sie?

Alles, was gefällt. Selbst wenn Sie sich ein blödes Poster im Zimmer aufhängen und Ihnen das gefällt, ist es Kunst.

Könnte Kunst auch meinen Arbeitsplatz besser machen?

Natürlich. Man muss nur wissen, was sie bewirken soll.

Sagen wir, ich will Stress ­abbauen in meinem Büro…

Ich müsste es zuerst sehen. Ist es etwa rustikal eingerichtet, mit viel Holz, würde ich auf die Wand grüne Bäume mit dicker Rinde malen – das entschleunigt ungemein.

Und wenn eine Wohnung langweilig eingerichtet ist und Inspiration gut täte?

Einen Tisch bunt anmalen wäre da schon ein Anfang … das wirkt! Oder etwas Figürliches. Ein Bild einer hübschen Frau über dem Sofa. Frauen kommen immer gut. Bei Männern und bei Frauen (lacht).

Und wenn ich daheim geistige Herausforderung suche?

Da passt Abstraktes. Das kann man dann mit anderen diskutieren – was anregend ist. Oder man interpretiert es täglich für sich allein. Sie werden staunen, wie sehr das, was Sie sehen, von Ihrer Stimmung abhängt.

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11 2015 The Red Bulletin

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