Solar Plane

Ohne Sprit um die Welt

Text: Andreas Rottenschlager
Bild oben: Jean Revillard

Ein Abenteurer, ein Kampfpilot und ein Solarflugzeug, das auch nachts fliegt. Bertrand Piccard, André Borschberg und eine Energie-Revolution, die längst begonnen hat.

Bertrand Piccard quetscht sich in das schmale Cockpit seines Solarflugzeugs und fühlt sich wie ein Gefangener. Es ist eng hier drin. Man kann sich kaum bewegen. Ein Techniker muss zu ihm hinauf klettern. Er verkabelt den Piloten mit dem Bordcomputer.

Piccard, 54, trägt einen gegen Kälte isolierenden Overall, darüber eine Schwimmweste und am Rücken den Sack mit dem Fallschirm. 

Piccard

Abenteurer Bertrand Piccard im Cockpit: „Wir wollen ein Zeichen gegen den Energiewahnsinn setzen.“

© Solar Impulse

Auf der Tragfläche über ihm saugen 10.748 Solarzellen das Licht der Abendsonne auf. Piccards Flugzeug, Kennnummer HB-SIA, hat die Spannweite eines Airbus A340 – 63 Meter von Flügelspitze zu Flügelspitze. Er selbst kauert in einem Cockpit, halb so groß wie eine Telefonzelle.

„Die Tragflächen siehst du gar nicht“, wird er später sagen. „Du sitzt da drin wie ein Pferd mit Scheuklappen.“ Mit bloßen Händen schieben fünf Helfer die HB-SIA in Position. Das leistungsstärkste Solarflugzeug der Welt wiegt mit 1600 Kilo gerade einmal so viel wie ein Mittelklassewagen. Wenn der Pilot ins Cockpit steigt, zittern die Karbonfaserflügel bis in die Spitzen. Die Wetterzentrale in Payerne im Schweizer Kanton Waadt meldet vier Knoten (7,4 km/h) Wind. Eine leichte Brise, die hier, gut 50 Kilometer südwestlich von Bern, über den Militärstützpunkt weht. Piccard blickt Richtung Horizont. Er hat seine rahmenlose Brille aufgesetzt. Das hier ist erst sein dritter Testflug in diesem Jahr. Am Rand der Startpiste bringen die Feuerwehrleute ihre Löschfahrzeuge in Stellung.

Abu Dhabi

Solarflugzeug über Abu Dhabi: Tag-und Nachtflug dank effizienter Speichertechnologie.

© Jean Revillard

Szenenwechsel. Am Tag vor dem Testflug sitzt Bertrand Piccard im Hangar in Payerne auf einem weißen Sofa. Er ist glatt rasiert. Auffälligstes Merkmal in seinem Gesicht sind die stahlblauen Augen, mit denen er jeden Gesprächspartner fixiert. Bertrand Piccard stammt aus einer Weltvermesser-Dynastie. Sein Großvater Auguste stieg 1931 im Ballon als erster Mensch in die Stratosphäre auf, Vater Jacques tauchte 1960 11.000 Meter in den Marianengraben. „Ich wurde zu einem neugierigen Menschen erzogen“, sagt Piccard.

Erdumrundung mit Sonnenkraft
Der Zeitplan der Mission Solar Impulse.

2003: Machbarkeitsstudie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne (Kanton Waadt). Ankündigung des Projekts Solar Impulse durch Bertrand Piccard und André Borschberg.

2007–2009: Planung und Konstruktion des Solarflugzeug- Prototyps HB-SIA.

2010: Der deutsche Berufspilot Markus Scherdel führt erste Testflüge durch.
Vom 7. auf den 8. Juli 2010 gelingt André Borschberg mit der HB-SIA der erste Tag- Nacht-Flug (26 Stun- den) eines Solarflugzeugs.

2011: Beginn der Konstruktion des Nachfolge- modells HB-SIB in Dübendorf nahe Zürich.

2012: Erster interkontinentaler Testflug der HB-SIA.

2014: Versuch der Weltumrundung in fünf Etappen in östlicher Reiserichtung.

1999 umrundete er als erster Mensch in einem Heißluftballon im Nonstop-Flug die Erde. Er benötigte drei Versuche, ehe er nach 42.810 Kilometern in der Sahara landete. Zuvor war er einmal ins Mittelmeer gestürzt, beim zweiten Versuch musste er in Burma runter. „Ich habe damals gemerkt, wie abhängig wir vom Propangas waren“, sagt Piccard.

Mit seinem Projekt Solar Impulse will der Schweizer ein Zeichen gegen den Energiewahnsinn setzen – mit Grips, nicht mit dem Zeigefinger: „Keiner will seinen Lebenskomfort aufgeben. Aber warum sollten wir das tun? Saubere Technologien existieren bereits und bergen enormes Potential. Wenn wir ohne einen Tropfen Kerosin um die Welt fliegen, können wir auch auf den Straßen auf fossile Brennstoffe verzichten.“ In fünf Etappen soll die Weltumrundung im Solarflugzeug 2014 klappen. In Dübendorf, in der Nähe von Zürich, tüfteln Solar-Impulse-Ingenieure gerade am Nachfolgemodell der HB-SIA. Die Elektronik muss besser vor Regen geschützt werden. Acht Meter Flügelspannweite werden hinzukommen, um Platz für noch mehr Solarzellen zu bieten.

Schon jetzt hält sich der Prototyp HB-SIA dank ausgeklügelter Speichertechnik Tag und Nacht in der Luft. Lithium-Polymer-Batterien sammeln während der Sonnenstunden Energie, die später für den Nachtflug verwendet wird. Wenn es dunkel wird, beginnt die Uhr zu ticken. Es gilt bis zum Sonnenaufgang durchzuhalten, bevor die Akkus leer sind. Herausforderung an den Piloten: energieeffizient fliegen. Das bedeutet: mehr Gleitphasen und so wenig Propellereinsatz wie möglich.

Solar Plane

„Als ich in Belgien landete, hatte ich mehr Energie in der Batterie als beim Start in der Schweiz. Einfach irre.“

© Jean Revillard

Solar Impulse kann nur einen Piloten befördern. Die Flugzeit um die Welt wird zwischen 25 und 30 Tage betragen. Da kein Mensch so lange durchhält, wird sich Piccard im Cockpit mit dem Schweizer André Borschberg abwechseln. Der drahtige Neunundfünfzigjährige sitzt neben ihm auf der Couch. Borschberg, Kurzhaarschnitt, wache Augen, sieht zehn Jahre jünger aus, als er tatsächlich ist. Man kann ihn sich gut als Ausbildner in einem Flieger-Film wie „Top Gun“ vorstellen, wo er mit Pilotenbrille in der Klasse Möchtegern-Draufgängern Manöver erklärt. Borschberg machte seine Fluglizenz mit siebzehn, noch bevor er zum ersten Mal ein Autolenkrad angefasst hatte. Danach flog er zwanzig Jahre lang Kampfjets für die Schweizer Armee und gründete ein Technikunternehmen. Piccard sagt über Borschberg, er sei ein Arbeitstier, das nie lockerlässt. Borschberg sagt über Piccard, er sei ein Visionär, der Dinge anders sehe als die meisten Menschen um ihn herum. 

Was reizt einen einstigen Kampfpiloten, der jahrzehntelang Mach 1 flog, an einer Weltumrundung mit 70 km/h?

„Es ist eine völlig neue Art des Fliegens“, sagt Borschberg. „In einem modernen Kampfjet fliegst du der Maschine zwei Kilometer hinterher. Die Steuerung reagiert so schnell, dass du die Distanz im Kopf wieder aufholen musst. Im Solar-Impulse-Cockpit hingegen heißt es Geduld haben. Du drehst nach rechts, und es passiert erst mal nichts, bevor du die Kurve fliegst.“ Borschberg sagt, er wolle mit der Weltumrundung auch die Solartechnik vorantreiben: „Als ich im Vorjahr von Payerne nach Brüssel geflogen bin, hatte ich bei der Landung mehr Energie in der Batterie als beim Start. Ich hätte den Leuten am Flughafen etwas davon abgeben können. Das war irre.“

Drei Rekorde für Solarflugzeuge hat Borschberg 2010 an Bord der HB-SIA aufgestellt: den längsten Flug (26 Stunden, 10 Minuten) mit größter absoluter Flughöhe (9235 Meter) und größtem Höhen- gewinn (8744 Meter). Die schwierigste Herausforderung, das wissen beide Piloten, wartet aber in ihren Köpfen. Bis zu 150 Stunden müssen Piccard und Borschberg nonstop in der Luft bleiben können, um die Ozeane zu überqueren. In derselben Zeitspanne könnte man mit einem Passagierflugzeug sechzehnmal von Paris nach New York fliegen. Die Piloten von Solar Impulse müssen die Marathon-Etappe über den Atlantik ohne Pause durchstehen. Im Mini-Cockpit. Mit einem Flugzeug, das sich steuert wie ein überdimensionierter Paragleiter. Ein Plan für Notwasserungen fehlt im Konzept. Das Leichtbau-Flugzeug würde an der Wasseroberfläche zerschellen. „Wir haben Fallschirme“, sagt Piccard. Sollte das Flugzeug über dem Ozean runtergehen, heißt es: abspringen und auf die Rettungsboote warten.

piccard und borschberg

André Borschberg und Bertrand Piccard kurz vor einem Traningsflug in Abu Dhabi. Im März 2015 startet der erste Versuch der Solar Impulse 2 die Welt zu umrunden. 

© Solar Impulse

Piccard sagt, Panik sei oft viel gefährlicher als die Gefahr selbst: „Zu viele Emotionen prasseln dann auf dein Bewusstsein ein und blockieren die Entscheidungsfindung.“ Aber Panik zu überwinden könne man trainieren. Borschberg, der Profipilot, erzählt, er fliege jede Mission zu Hause vor dem Einschlafen in seinem Kopf. Dabei versuche er, jeden Handgriff im Flugzeug zu visualisieren.

Seine Ausdauer bewies er im Februar in Dübendorf, als er einen Langzeittest im Flugsimulator absolvierte. Die Aufgabe: 72 Stunden virtueller Testflug. Allein im künstlichen Cockpit. Ärzte und Techniker kommunizierten nur über Funk. Borschberg twitterte während des Experiments an die Außenwelt. Seine Kurznachrichten lesen sich wie Bausteine eines Psychogramms:

21. Februar, 17:27 Uhr: „Zehn Stunden Flug. Gewöhne mich langsam an die Einsamkeit.“

22. Februar, 15:08 Uhr: „Habe zum ersten Mal die Bordtoilette benutzt. Braucht vorsichtige Handhabung.“ (Wer sich bis jetzt gefragt hat: Die Piloten benutzen eine in den Sitz eingebaute Toilette beziehungsweise eine Plastikflasche.)

23. Februar, 12:12 Uhr: „Bekomme die Schlafzeiten immer besser in den Griff.“
23. Februar, 13:56 Uhr: „Keine Energie mehr, um das Wasser zu erhitzen, werde heute trocken essen.“

borschberg

Ex-Jetpilot André Borschberg im Flugsimulator von Solar Impulse im schweizerischen Dübendorf: „32 Mal jeweils 20 Minuten geschlafen.“

© Jean Revillard

Nach 72 Stunden wackelt Borschberg aus dem Simulator. Piccard: „Es gab Leute im Team, die Angst hatten, er würde umfallen, sobald wir ihn fotografieren. Aber ich habe keine Sekunde an André gezweifelt.“ Borschberg hielt sich während des 72-Stunden-Fluges mit Bewegungsübungen fit, um Thrombosen in den Beinen vorzubeugen. Er schlief exakt 32 Mal jeweils 20 Minuten. Über unbewohntem Gebiet dürfen die Piloten sogenannte „Micro-Naps“ einlegen. Während dieser Kurzschlafphasen übernimmt der Autopilot. 20 Minuten später klingelt der Wecker. „Yoga und Atemübungen helfen beim punktgenauen Einschlafen“, sagt Borschberg. Piccard bevorzugt Selbsthypnose.

Wenn es 2014 ernst wird, werden die zwei Piloten Richtung Osten um die Welt aufbrechen. Einer im Flugzeug, der andere am Boden, beide verbunden über Funk. Piccard wird Borschberg Mut zusprechen, wenn sein Partner in 8000 Meter Höhe im Cockpit sitzt – bei minus 40 Grad, nur von Isolierung und Heizkissen beschützt.

Borschberg wird Piccard unterstützen, wenn der Wind die Tragflächen seines Flugzeugs erfasst und der Pilot mit Muskelkraft dagegenhalten muss, weil die Steuerung aus Energiespargründen auf Hydraulik verzichtet. Von Mai bis Juni 2012 stehen die ersten Interkontinentalflüge am Terminplan. Dabei soll Solar Impulse von Payerne aus das Mittelmeer überqueren und in Marokko landen.

Zurück am Flugfeld von Payerne: Bertrand Piccard wirft die Motoren der HB-SIA an. Dutzende Schaulustige starren auf das filigrane Fluggerät. Es ist 17.30 Uhr, die Sonne steht tief. Normalerweise donnern auf dieser Piste Kampfjets der Schweizer Armee über die Startbahn. Als das Solarflugzeug abhebt, surren bloß vier 10-PS-Propeller.

Auf den ersten Metern gewinnt Piccard rasch an Höhe, dank der Leichtbauweise seines Flugzeugs. Danach scheint es, als bliebe der Riesenvogel in der Luft stehen.
In einer Welt, die sich vor lauter Schnelllebigkeit gerade selbst verpestet, erscheint diese Art der Fortbewegung fast schon als Provokation: Solar Impulse fliegt gemächlich, leise, sauber.Nach zehn Minuten ist Piccards Maschine nur noch ein dünner Pinselstrich am Horizont.

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05 2012 THE RED BULLETIN

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