Ralf Steeg

Ralf Steeg: Der Berliner Wassermann

Text: Arek Piatek
Foto: Vitali Gelwich

Er kämpfte 15 Jahre für die Berliner Spree. Wurde verlacht, ging fast pleite, kämpfte weiter. Heute wird Ralf Steeg weltweit als Genie gefeiert.

Abfall, Fäkalien, Schwermetalle – die Berliner Spree ist ein dreckiger Fluss. Doch Ralf Steeg, 54, Ingenieur, möchte sie zum Paradies für Pflanzen, Tiere und Menschen machen.

Mit einer revolutionären technischen Idee – so revolutionär, dass er sie zwölf Jahre lang nicht umsetzen durfte. Er wurde belächelt, schikaniert, boykottiert. Bis er 2013 Gelegenheit hatte, zu beweisen, dass seine Erfindung funktioniert – so gut, dass Massen von Abwässern nun nicht mehr in die Spree fließen.

THE RED BULLETIN: Herr Steeg, was passiert, wenn ich in der Spree baden gehe?

RALF STEEG: Sie begegnen ­toten Fischen, bekommen Hautausschläge von den Fäkalien im Fluss, können richtig krank werden …

© Lucel Iphring // YouTube

Seit 2013 geht es der Spree besser. Weil Sie Ihre Idee spezieller Abwasserbehälter dort in der Praxis testen durften. Seither gilt Ihr System als zukunftsweisend, wird als Beispiel deutscher Ingenieurskunst von Venedig bis Schanghai herumgereicht. Doch dafür kämpften Sie zwölf Jahre gegen Beamte, Behörden, Grundstücksbesitzer, Wasserbetriebe… 

… und ging mit meinem ­Unternehmen einige Male fast pleite. Ich musste alles verkaufen, die Freunde um Geld anpumpen. Das Projekt hing oftmals an einem allerletzten seidenen Faden.

Ich hätte aufgegeben.

Wenn jemand aufgibt, dann weil er das falsche Ziel hat. Mit dem richtigen Ziel vor Augen ist Aufgeben keine Option. Man muss seine Ziele erreichen und Dinge fertig machen.

Wie erkennt man, dass ein Ziel das richtige ist?

Das fühlt man. Ein richtiges Ziel ist ein Riesenstaubsauger. Mit einem Sog, dem du dich nicht entziehen kannst.

„Wenn jemand aufgibt, dann weil er das falsche Ziel hat. Mit dem richtigen Ziel ist Aufgeben keine Option.“
Ralf Steeg, 54

Wie sind Sie Ihrem Lebensziel begegnet? 

In den 1990er Jahren in Bern an der Aare. Ich sah Kinder im Stadtfluss planschen, Menschen baden, das klare Wasser… und dachte: Die Spree soll auch so werden. In diesem Moment entstand die Vision in meinem Kopf. Ich hatte als Landschaftsarchitekt eine ­ungefähre Ahnung von der Materie, aber ich begann alles im Detail zu recherchieren, was mit Wasser und Flüssen zu tun hat. Nach einem Jahr war ich so weit, ich hatte einen Plan. Schlich auf eine SPD-Party, sprach Klaus Wowereit an, den damaligen Bürgermeister von Berlin. Er sagte: „Da drüben steht der richtige Mann für Sie.“ So lernte ich den Bausenator kennen.

Klingt doch alles gut bisher. Warum klappte es nicht gleich mit dem Projekt?

Weil die, die dafür verantwortlich sind, die Probleme zu lösen, einen am meisten behindern. Weil sie Angst vor Neuerungen haben. Weil sie sich nicht vorstellen können, wie es ist, wenn Kinder mitten in der Stadt in einen Fluss springen. 

Die nächsten Jahre… 

… reihte sich ein Rückschlag an den nächsten, Dutzende juristische Verfahren.

Wie gehen Sie mit all den Rückschlägen um?

Sofort vergessen. Es kann so schlimm kommen, wie es will. Zuerst muss man mal eine Nacht schlafen. Und dann am nächsten Morgen mit einer neuen Strategie wieder von vorn anfangen. Mit dem Willen, eine Lösung zu finden.

Haben Sie sich verändert? 

Ja. Ich bin heute undiplomatischer und kompromissloser geworden. Habe dummen Leuten auch mal ins Gesicht gesagt, dass sie dumm sind. Glauben Sie mir, das wirkt.

„Dummen Leuten ins Gesicht sagen, dass sie dumm sind.“
Ralf Steeg, Trägheitsbekämpfer

Gab es Vorbilder, die Sie in all den Jahren inspiriert haben?

Nikola Tesla und Stanislaw Lem.

Warum?

Beide waren wahnsinnig kluge Wissenschaftler, die ihren Mitmenschen viel gebracht haben.

Sie hatten 15 Jahre lang Menschen als Gegner. Welche menschliche Eigenschaft machte Ihnen am meisten zu schaffen?

Geistige Trägheit. Wenn Leute das ablehnen, was sie nicht verstehen. Wenn sie für Neues nicht offen sind. Und wenn sie die Welt nicht als Wunder ­begreifen.

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04 2016 The Red Bulletin

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