Roland Sands

Machine Dreams

Text: Ann Donahue
Bilder: David Harry Stewart

Motorrad-Designer Roland Sands ist ein Superstar seiner Szene. Ein Künstler, ein Philosoph. Brad Pitt und Mickey Rourke lassen bei ihm arbeiten.

Motorräder hatten in der Popkultur lange Zeit eine klare Funktion: Wer eines fuhr, war Rebell, trug Lederjacke, die nach verbranntem Trockenfleisch roch, und hatte nichts dagegen, wenn ihn Mütter schief ansahen, weil ihn ja die Blicke der Töchter mehr interessierten (und umso viel­versprechender waren).

roland sands

Roland Sands’ ­Interpretation der BMW T9 geriet zum Bestseller. 

Dieser Marlon-Brando-Archetyp kam aber dann zuletzt doch ein wenig aus der Mode. Um cool zu sein, reicht es nicht mehr, auf ein Motorrad zu steigen. Das hat viel damit zu tun, dass das Motorrad von der Requisite zum Darsteller wurde. Auf ein falsches Motorrad zu steigen kann für einen Helden mittlerweile ziemlich ungemütliche Folgen haben, wenn es um sein Image geht, um die Glaubwürdigkeit und die Blicke der Töchter.

Einer der Männer hinter dieser Entwicklung ist Roland Sands, 40, ein Motorrad-Designer und -Tuner aus Los Alamitos, südlich von Los Angeles. Er betrachtet Maschinen mit den Augen eines Künstlers. Sands ist in ­seiner Branche ein Weltstar, bekannt für seine besondere Fähigkeit, Nostalgie und Technologie miteinander in Einklang zu bringen, hand­gefertigte Retro-Designelemente wie klassische Frontscheinwerfer und Luftfilter mit Teilen aus hochmodernen Carbon­fasern. Er beschäftigt 15 Mitarbeiter, das Geschäft brummt. Erst kürzlich hat er sein Angebot erweitert, es gibt jetzt auch Roland-Sands-Lifestyle-Produkte für den Möchtegern-Biker in jedem von uns: knallharte Oxblood-Lederjacken oder Handschuhe, inspiriert vom ironischen Patriotismus eines Captain America aus „Easy Rider“, zum Beispiel. 

Glaubwürdigkeit ist kein wirkliches Thema: Sands war 1998 Champion der nordamerikanischen AMA-250-GP-Rennserie für Straßenmotorräder, er kennt also den Zusammenhang von form und function. Hersteller wie Ducati, BMW, Harley-Davidson oder KTM haben bereits Modelle von Hand bei ihm fertigen lassen; seine Privatkundendatei ist ein kleines Who’s who aus Sport und Kunst: Skate-Legende Tony Hawk, Anthony Kiedis von den Red Hot Chili Peppers, Brad Pitt und Mickey Rourke, um nur einige zu nennen. Rourke und Sands haben einen gemein­samen Auftritt in der spektakulären Bike-Doku „On Any Sunday: The Next Chapter“ (bei uns ab 28. Mai auf Blu-ray). 

Custom KTM Bike Honors Legacy of Kurt Caselli

Off-Road Motorrad-Rennsport Legende Kurt Caselli ist ein Fahrer, den man nicht so schnell vergessen wird. Nach einem tragischen Unfall bei der Baja 1000 im Jahr 2013 verließ Caselli die Welt viel zu schnell. Zusammen mit KTM und Red Bull Media House fertigte Roland Sands ein 450 KTM Motocross-Bike zu Ehren Caselli an. Der Erlös ging an die Kurt Caselli Foundation.

THE RED BULLETIN: Wenn man „On Any Sunday: The Next Chapter“ glaubt, gibt es so was wie einen Archetyp des Motorradfahrers gar nicht. Hat der Film recht? Haben Biker wirklich nichts gemein? 

ROLAND SANDS: Es gibt doch etwas. Jeder Motorradfahrer muss ein gewisses Maß an Risiko akzeptieren können. Ich meine, das unterscheidet uns vom Großteil der Bevölkerung. Vielleicht sind wir also doch ein besonderer Menschenschlag.

Wann wurden Bikes bei Ihnen vom Hobby zur Karriere? 

Mein Vater Perry Sands war ein Pionier am Zubehörmarkt für Motorräder. Er hat mich von klein auf angetrieben, er hat mir beigebracht, hart zu arbeiten. Schon als Kind verbrachte ich viel Zeit im Shop der Eltern, ich habe dort jede nur erdenkliche ­Arbeit verrichtet. Irgendwann hat’s mir dann gereicht. Ich wollte etwas anderes machen, kündigte und ging Pizzas aus­liefern. Aber dabei kassierte ich jeden Tag so viele Strafzettel, dass das als Geschäftsmodell nicht wirklich taugte. Also ging ich zurück nach Hause und bat Dad, mich wieder einzustellen. Was er auch tat, ­natürlich mit einem niedrigeren Gehalt.

Wann begannen Sie mit Rennen?

Als ich achtzehn wurde, schickte mich Dad in eine Rennschule, und ich hab’s auf Anhieb geliebt. Irgendwas in mir machte „Klick!“, ich war bald ziemlich schnell, und ich hatte richtig Spaß dabei.

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Als „ein Monster von ­einem Bike“ bezeichnet Roland Sands die von ­seinen Leuten designte Ducati 999.

„ALS RENN­FAHRER BIST NUR SO GUT wie dein letztes ­Rennen. Design hat Bestand.“

Aber wohl nicht immer. Sagen wir so: Sie hatten einen Hang dazu, Rennen manchmal vorzeitig zu beenden.

Ich erinnere mich nicht mehr an alle Verletzungen, aber ich habe mir über dreißig Knochen gebrochen. Kleine Knochen, ­große Knochen, dazu Verstauchungen, Gehirnerschütterungen, ein gebrochener Rücken, gequetschte Leber, Lungenriss, so Zeug eben. Aber der Spaß wog immer jeden Schmerz auf.

Was davon passierte beim Rumalbern, was bei seriösen Rennen? 


Bei den Knochenbrüchen ist es etwa halbe-­halbe. Skateboards und Dirt Bikes hatten auch ihren Anteil.

Wann haben Sie mit dem Rennfahren aufgehört?

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“Ich habe mir über dreißig Knochen gebrochen, aber der Spaß wog immer jeden Schmerz auf.”

2002, mit 28, nach zehn Jahren. Ich hörte nicht freiwillig auf, ich musste, wegen ­einer Verletzung. Als ich aufgehört hatte, wurde ich zunächst depressiv. Erst nach ungefähr einem Jahr kapierte ich, was für ein Glückspilz ich war. Die Verletzung ­hatte mich in eine neue Richtung dirigiert, ins Designen und Bauen von Bikes. Und das erfüllte mich weit mehr als das Rennfahren. Wissen Sie, als Rennfahrer bist du nur so gut wie dein letztes Rennen, alles ist so vergänglich. Das Designen hat Bestand. Diese Beständigkeit ist etwas, das mir in meinem Leben lange Zeit gefehlt hatte.

Wann und wie haben Sie Ihr Interesse am Designen entdeckt? 

Mit sechzehn. Gleich nach meinem Job als Pizzazusteller durfte ich das erste Design für meinen Dad zeichnen. Ich habe immer schon Bikes gezeichnet, seit ich ein Kind war, und lernte in meiner Zeit als Rennfahrer nebenbei ein wenig über 3D-Design. Wir waren dann eine der ersten Firmen am Zubehörmarkt, die 3D-Modelle einsetzten, da hatten wir einen riesigen Vorsprung auf alle anderen.

Sehr bekannt wurden Sie in den USA durch Reality-TV-Shows. Vor zehn Jahren waren Sie in „Biker Build-Off“ des Discovery Channel und bei „Build or Bust“ im Speed Channel zu sehen…

Reality-TV hat vielen Leuten die Welt der Custombikes nahegebracht, das war das Gute daran. Zugleich wurde den Leuten auch gezeigt, dass Motorrad-Customizer Schwachköpfe sind. Das war das weniger Gute. Es ging um Unterhaltung versus Lerneffekt. Die Leute wollen sich daheim hinsetzen und unterhalten werden. Sie wollen nicht wirklich etwas lernen. Das kapierte ich damals.

Die Shows waren sicher nicht schlecht für Ihr Business.​ 

Zu der Zeit waren sie das Richtige. Heute schau ich mir diese Shows an und denke mir: „Ach du Scheiße.“

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Sands bei der Arbeit an einem BMW R90, gemeinsam mit Aaron Boss.

Roland Sands ist mittlerweile eine weltweit bekannte Marke. Wie viel von Ihrer Persönlichkeit steckt in der Marke?

Das Wichtigste ist: Ich arbeite nur mit wirklich guten, wirklich talentierten Leuten. Wodurch sich meine Verantwortung im Wesentlichen darauf reduziert, achtzu­geben, dass niemand etwas verbockt. Man könnte auch sagen: Ich bin der kreative Filter. Aber klar ist: Ich muss alles, was aus diesem Shop kommt, entweder genau prüfen oder selbst Hand daran anlegen. 

Wie läuft das bei Prominenten-Deals?

Bei jedem anders. Beim Projekt für Brad Pitt sprach ich nur bei unserem ersten Treffen mit ihm, und auf seine Bitte hin haben wir das Motorrad nie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Mit Mickey Rourke war es anders. Wir lernten uns richtig kennen. Und mit Anthony Kiedis war es wirklich cool. Wir trafen uns zum ersten Mal bei Jay Leno in dessen Garage. Bei Anthony war es gewissermaßen eine künstlerische Verantwortung, ihm etwas Besonderes zu liefern, denn Anthony hat ja viele der Ideen für Songs seiner Red Hot Chili Peppers beim Biken.

Immer mehr Leute sehen auch Motorräder als Kunst.

Als kreative Spielwiese sind Motorräder unerreicht. Du kannst so unglaublich viel mit ihnen anstellen. Und da geht es jetzt nicht nur ums Bauen, da geht es auch ums Fahren, darum, Teil der Maschine zu werden. Alles ist der Außenwelt ausgesetzt, auch der Fahrer. Design, Funktion, Mode und Form, alles bildet eine Einheit. 

Testen Sie jedes Bike selbst?

Ich hätte kein gutes Gefühl, ein Motorrad auszuliefern und es nicht selbst ausprobiert zu haben. Sobald beim Konstruieren ein Problem auftaucht, frage ich mich: „Würde ich mit diesem Bike springen?“ Wenn die Antwort „Nein“ lautet, ändern wir was.

Und gab es irgendwann den Gedanken: „Verdammt, dieses hier würde ich gern behalten!“?

Den gibt es jedes Mal.

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04 2015 The Red Bulletin

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