sam cossman

Sam Cossman: 
Im Schlund des Vulkans

TEXT: Megan Michelson
BILDER: 
Conor Toumarkine

Letztes Jahr gab Sam Cossman seinen Job bei einer Firma im Silicon Valley auf. Er entschied, dass das Leben zu kurz sei, um seiner Leidenschaft für Abenteuer nicht nachzugehen. Jetzt macht er Filme und steigt dafür in Vulkane.

Früher arbeitete er im Silicon Valley, heute verdient sich Sam Cossman aus San Francisco seinen Lebensunterhalt als Entdecker und Filmemacher und ist dafür bekannt, sich in unwirtliche und unerforschte Gebiete zu trauen. Er war schon zweimal am Marum-Krater, einem aktiven Vulkan im Feuerring auf den südpazifischen Vanuatuinseln. Bei seiner ersten Reise dorthin nahm er Bilder im Inneren des Vulkans auf, die er während seinem zwölfstündigen Rückflug zu einem kurzen Video zusammenschnitt und auf YouTube stellte. Am nächsten Morgen hatte er schon über eine Millionen Klicks und einen Anruf von der Fernsehsendung „Good Morning America“.

„Entdeckungsreisen waren immer schon meine Leidenschaft und ich habe immer jeden Pfennig dafür gespart, auch als ich noch einen normalen Job hatte“, sagt Cossman. „Ich war schon lange auf der Suche nach einer Möglichkeit, meine Leidenschaft für Expeditionen mit meinen beruflichen Interessen zu verbinden.”

Cossman kehrte Anfang des Jahres zum Vulkan auf Vanuatu zurück, mit GoPro-Kameras, einem Drohnenkamera-Piloten und einem Wissenschaftler. Sie hatten das Ziel, Filmmaterial und Daten zu sammeln - im Grunde erstellten sie dabei eine 3D-Karte des Kraterinneren - um unser wissenschaftliches Verständnis von Vulkanen zu erweitern. Wir sprachen mit dem 34-jährigen darüber, was ihn antreibt, zum Mittelpunkt der Erde zu reisen.

sam cossman

AM LIMIT

„Ich stehe am Rand des Lavasees, zu dem wir 400 Meter absteigen mussten, ein dreistündiger Weg an einer vertikalen Felswand“, erzählt Cossman. „Man steht mit dieser extremen Schutzausrüstung da, die einen vor herunterfallenden Lavabomben und giftigen Gasen schützt. Es ist ein surrealer Ort. Meine Fußzehen hängen über dem Rand. Das ist so nah am Rand, wie es geht, ohne reinzufallen.“

The Base Camp

DAS BASISLAGER

Willkommen im Basislager der Crew, eine beleuchtete Zeltsiedlung am Rande eines 400 Meter tiefen Kliffs. Auf ihrer letzten Expedition auf Vanuatu, im Januar 2015, campte die Crew drei Wochen an diesem ungastlichen Ort, bei Winden, die mit 100 Stundenkilometern durch die Zelte fegten und saurem Regen, der vom Himmel fiel. „Je nachdem, wie viel Gas aus dem Vulkan austritt, ist der Himmel nahezu ganz mit diesem hellorangenen Farbton ausgeleuchtet“, sagt Cossman. „Es ist so, wie man sich den Mars vorstellt. Es ist ein sehr unwirklicher Ort.“

Looking upward from the edge of the volcano

ALLES IST BELEUCHTET

Der Abstieg der Crew in den Vulkan ist ein mehrstündiges Unterfangen unter extrem gefährlichen Bedingungen. „Der Weg ist aufwendig. Es sind gewaltige Anstrengungen, die man auf sich nehmen muss, um dieses geologische Juwel zu erreichen“, sagt Cossman. „Es ist schon fast Nacht, wenn man endlich wieder aufsteigt. Man ist komplett erschöpft und wenn man zurück im Camp ist, kollabiert man mehr oder weniger. Aber die Erschöpfung wird in den Schatten gestellt von der unglaublich seltenen Chance, eine so starke Naturgewalt zu erleben und dem Wissen, dass man wahrscheinlich mit Informationen zurückkehrt, die das wissenschaftliche Verständnis von vulkanischen Prozessen voranbringt.“

AUSSER SICHT

Kletterer und Fotograf Brad Ambrose befestigt ein Kletterseil auf dem Weg in den Vulkan, sein Schattenbild hebt sich von der Lava im Hintergrund ab. „Der Lavasee ist so dynamisch“, sagt Cossman. „Man bekommt einen Eindruck davon, wie viel Energie andauernd unter der Erdkruste brodelt. Es ist wirklich einmalig, etwas zu sehen, was sonst für niemanden sichtbar ist.”

A non-violent drone being used for Science!.

DIE DROHNE STARTET

Drohnenpilot Simon Jardine, ein international anerkannter Pionier der Drohnenindustrie, war für die Drohnenfüge im Inneren des Vulkans verantwortlich. Die Crew fügte die von der Drohne aufgenommen Bilder zu einem 3D-Modell zusammen, durch das man sich mit Hilfe von virtueller Realität bewegen könnte. „Das ermöglicht, digital und virtuell einen Ort zu erforschen, an dem man sonst nicht gelangen könnte“, sagt Cossman. „Ich habe in der Zwischenzeit mit virtueller Realität schon Expeditionen an diesem Ort durchgeführt. Es ist ein absolut innovatives, emotionales Instrument für Ausbildung und Wissenschaft.”

Arms upraised while looking at a volcano from a distance.

DIE RÜSTUNG

Der Anzug, den Cossman im Vulkan anhat, ist aus aluminiertem Metall, entwickelt für Feuerwehr und Stahlwerke. Unter dem Schutzanzug hat er eine Feuerschutzschicht an. „Aber auch so ist es ist immer noch extrem heiß“, sagt er. Wie ist es, so nah an brodelnder Lava zu stehen? „Es ist ein Geräusch, wie wenn eine Ozeanwelle bricht. Aber es ist flüssiger Stein. Es ist eine außerkörperliche Erfahrung, eine die man nur für ein paar Sekunden aushält“, sagt Cossman.

Sam Cossman wearing a t-shirt and jeans while festooned by tech

RING DER TECHNIK

In einen Vulkan zu springen ist eine ausrüstungsintensive Aufgabe, wie sich herausstellt. Cossmans Klettergurt hängt voll mit Karabinern, Steigklemmen und sonstiger Kletterausrüstung. Er hat ein Atemgerät mit Funkgerät an und trägt verschiedene Kameras, darunter eine GoPro und eine Canon 5D Mark III. Auf diesem Foto hält er ein Tablet, das über Bluetooth mit einem Sensorgerät an seinem Handgelenk verbunden ist. „Ich werde oft gefragt, ob ich nun Filmemacher oder Entdecker sei“, sagt Cossman. „Ich beschreibe es am liebsten so: Meine erste Liebe gilt dem Entdeckungsreisen, aber ich habe eine technische Ausbildung. Ich habe diese beiden Welten zusammengeführt und benutze die Technologie als Hebel, um Forschung und Innovation voranzutreiben.”

Sam Cossman wearing specialty reflective safety goggles while looking at the camera

DAS GESAMTZIEL

Das Ziel von Cossmans Vulkanexpedition war mehr als nur ein großes Abenteuer. „Wir hatten vielfache Ziele“, sagt Cossman. „Unser erstes Anliegen war es, den ganzen Krater zu kartografieren und eine der seltensten geologischen Formationen der Welt genau zu vermessen, sodass wir herausfinden können, wie sie entstanden ist und wie sie sich im Laufe der Zeit verändert. Beides ermöglicht, unser Verständnis von Vulkanen zu erweitern und bringt uns einen Schritt weiter, in Zukunft Vulkanausbrüche besser vorherzusagen.”

A spectacular view

DIE AUSSICHTEN

Cossman weiß, dass das, was er tut, gefährlich ist. „Es gibt so viel, was schieflaufen kann und auch schon schiefgelaufen ist“, sagt er. „Aber extreme Orte, die bisher von wenigen erreicht wurden, ziehen mich an. Mir gefällt es, die oberflächlichen Schichten abzuziehen und die Welt durch eine interessante und neue Linse zu betrachten. Ich möchte nicht irgendwo hin, einfach um sagen zu können, dass ich dort war. Ich wollte damit immer etwas bezwecken, eine positive – sei es wissenschaftliche oder philanthropische - Veränderung vorantreiben.”

Was kommt als Nächstes für Cossman? Er verrät noch keine Details, hat aber ehrgeizige Pläne für Entdeckungsprojekte, die von tiefen Ozeanen bis ins Weltall gehen.

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01 2016 redbulletin.com

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