Kosmonautentraining

Eine interstellare Erfahrung auf der Erde

Foto (oben): Thomas Rusch

Wie sich Schweben im All anfühlt, erfährt man in Swjosdny Gorodok, dem Sternenstädtchen nahe Moskau. Für das Relativschnäppchen von 12.500 Euro kann man dort zum Kosmonauten­training: nicht in der Luftleere des Alls, sondern in zwölf Millionen Liter Wasser.

Es gibt genau einen effektiven Weg, Schwerelosigkeit auf der Erde für längere Zeit zu simulieren: Ein gigantischer neutral tarierter Wassertank kann die Erdanziehung außer Kraft setzen – wie eben das Hydrolab im einst streng geheimen (und noch immer beaufsichtigten) Juri-Gagarin-Kosmonautentrainingszentrum im, nomen est omen, Sternenstädtchen am Rand der russischen Hauptstadt. „Es ist ziemlich nah am Weltall-Feeling“, sagt Andreas Bergweiler, Geschäftsführer und Missionsleiter für Space Affairs, eine Agentur, die Trainings auf der Anlage abhält. „Der einzige Unterschied ist, dass man sich im Weltall in der Luftleere befindet und es keine fühlbare Atmosphäre gibt. Hier umgeben einen Wassermassen, aber die Bewegungen sind gleich.“

Man schlüpft in einen echten Orlan-Raumanzug, wird in den Pool gesenkt, zu unter Wasser liegenden, lebensgroßen Attrappen des Swesda-Moduls der ISS und des Sojus-Raumschiffs.

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G-Force-Training in der Zentrifuge im EAC (European Astronaut Center) in Köln

© Thomas Rusch

Hier wird man an eine Sauerstoffversorgung angeschlossen und stellt via Intercom Kontakt zur „Weltraumkontrollstation“ her, bevor es an ­authentische Instandhaltungsarbeiten an der Außenseite des Moduls geht. Von diesem Punkt an befindet man sich im Weltall.

Aber Achtung: Eine falsche Bewegung, und man treibt ins Nichts … oder zumindest zur anderen Seite des riesigen Tanks.  „Man muss Zug um Zug um das Modul herum“, sagt der 48-jährige deutsche Künstler und angehende Astronaut Michael Najjar. „Aber das ist der beste Teil. Es ist unglaublich aufregend und herausfordernd, schwerelos in diesem Anzug zu sein.“ Voraussetzungen, um beim Unterwasser-Kosmonautentraining dabei zu sein? PADI-Scuba-Diving-Zertifikat, beglaubigter Gesundheitscheck, Besuchervisum für Russland sowie Fitness, psychisch und physisch. Denn der schwere Anzug verlangt viel Kraft, während die Sessions – manche bis zu sieben Stunden lang – Kondition und Ausdauer auf die Probe stellen. Wirklich ordentliches Kardiotraining über längere Zeit ist also eine gute Vorbereitungsidee. Aber was tut man nicht alles, um in Juris Fußstapfen treten zu dürfen … 

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Die Kosmonauten bei der Arbeit am Swesda-Modul

© Thomas Rusch

Der Insider

Klaustrophobiker bleiben besser ­daheim. „Fühlt man sich wie eine Sar­dine in der Büchse, wird das nichts“, sagt Bergweiler. „Erst muss man Körper und Geist kontrollieren, ­bevor man sich an das Projekt wagt.“

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11 2015 The Red Bulletin

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