Ueli Steck: Der Alpinist über Angst

Lektion von Ueli Steck:
Warum besonderer Mut dumm ist

Text: Stefan Wagner
Fotos: Robert Bösch

Uli Steck war einer der besten Alpinisten der Welt. Kurz vor seinem Tod im Himalaya traf sich der Schweizer noch zu einem letzten Interview mit THE RED BULLETIN – ein im Rückblick tragisch-prophetisches Gespräch über die erstaunlichen Qualitäten der Angst.

THE RED BULLETIN: Herr Steck, ich möchte mit Ihnen heute gar nicht übers Bergsteigen reden. Sondern über Angst. Zum Beispiel, ob Sie die Angst in Ihrem Job brauchen, als Kitzel, ob Sie sie suchen oder ob Sie Angst vor der Angst haben. Wie Sie die Angst überwinden oder ob man Angst überhaupt überwinden soll. Ob Angst Energie nimmt oder Energie gibt. Ob Angst fürs Überleben wichtig ist oder der Lebensfreude im Weg steht. Aber bevor wir anfangen: Möchte jemand, der einen Beruf ausübt, in dem jeder kleinste Fehler zum Tod führen kann, überhaupt gern über Angst reden?

UELI STECK: Klar. Denn es glaubt mir ja keiner, aber ich bin ein extremer Angsthase. 

Da kokettieren Sie jetzt. Wären Sie wirklich ein Angsthase, würden Sie ja schon vor Angst sterben, wenn Sie ungesichert durch eine hunderte Meter hohe Wand kletterten.

Im Gegenteil. Angst ist der Grund, warum ich noch am Leben bin. Angst ist etwas fundamental Wichtiges. Wer keine Angst hat, unterschätzt seine Aufgabe und überschätzt sich. Wer keine Angst hat, bereitet sich nicht gut genug auf eine Aufgabe vor. Ich bin sehr dankbar für meine Angst.

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Sie sagen jetzt: Angst ist ein extrem schlaues Warninstrument der Natur. Ich sage: Angst ist aber mindestens ebenso sehr emotionaler Ballast. Wer Angst hat, kann zugleich nicht glücklich sein.

Gehen wir’s doch analytisch an, dann wird es ganz einfach. Wovor haben wir Angst? Vor einer Situation, der wir uns nicht gewachsen fühlen. Vor etwas Fremdem, das wir nicht einordnen können. Auf das wir keinen Einfluss haben. Wenn wir auf eine Aufgabe nicht gut genug vorbereitet sind. Und genau da setzt mein System an: Ich suche das Ungewisse. Ich suche diese Herausforderung, die mir Angst macht, das hat ja etwas extrem Faszinierendes, das fordert mich heraus. Und dann beginne ich mich mit den Auslösern der Angst zu beschäftigen. Aber völlig rational. Meine Angst zeigt mir die Probleme, für die ich Lösungen finden muss. Es wird zu einer Frage der Logik, und dadurch wird das Ungreifbare greifbar. Am Schluss, wenn ich alles richtig gemacht habe, ist die Angst weg. Dann bin ich gut genug vorbereitet. Dann bin ich bereit. Dann weiß ich: Jetzt kann ich es machen. 

Und wenn nicht?

Dann mach ich es nicht. Dann weiß ich: Es ist zu viel, es überfordert mich, und in eine solche Situation möchte ich nicht reingehen.

Wir leben in einer Welt, in der Heldentum unter anderem mit Waghalsigkeit und Mut assoziiert wird, Herr Steck. Gerade in Ihrem Beruf, nicht?

Ich bin weder waghalsig noch mutig. Natürlich könnte man die Angst vor einer Tour überwinden, könnte besonders mutig sein. Aber das wäre dumm. Denn was passiert dann? Dann kommt die Angst unterwegs. Und das ist ganz schlecht. Angst hat vor allem die Aufgabe, dir Lücken aufzuzeigen. Die kannst du vor Beginn der Tour schließen. Aber unterwegs? Ganz schlecht. Das geht dann nicht mehr. Fatal. Angst während eines Projekts ist ganz, ganz schlecht. Das zeigt, dass du in der Vorbereitung einen Fehler gemacht hast. Dann hast du dir etwas zugemutet, das dich überfordert.

Great playground to train in the altitude! So nice to be back in the khumbu valley.

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Das beste Mittel gegen Angst ist Kontrolle, korrekt?

Völlig korrekt.

Aber Sie können mir doch nicht erzählen, dass sich Projekte wie die Ihren immer an Pläne halten. Da kann doch nicht alles kontrolliert ablaufen. 

Ein guter Plan beschränkt sich ja nicht auf Plan A. Er hat auch Plan B, Plan C und so weiter. Wenn dies oder jenes passiert, muss ich darauf vorbereitet sein.

Plan C, Plan D, Plan E, das können Sie noch so lange fortsetzen, ein Restrisiko wird es immer geben. Sie sind ja kein Nordic Walker, Sie sind einer der extremsten Bergsteiger der Welt! 

Restrisiko haben wir überall im Leben. Und glauben Sie mir, ich akzeptiere da nur das absolute Minimum. Ich bin ja ein Angsthase, vergessen Sie das nicht! Dass man beim Bergsteigen sterben kann, ist mir klar. Das Risiko eines Unfalls ist da, genauso wie es beim Autofahren da ist oder beim Skifahren. Ich muss akzeptieren, dass es einen Rest gibt, auf den ich keinen Zugriff habe. Den kann ich sehr, sehr minimieren, aber ganz weg krieg ich ihn nie. Aber deswegen nicht Auto fahren, nicht Ski fahren, nicht klettern? Das wäre falsch. Also: akzeptieren oder Finger weg.

Hatten Sie dennoch auf dem Berg schon Angst?

Ja.

Da hätte ich jetzt gern drei Beispiele, bitte.

Die erste und größte: 2013, auf dem Mount Everest, ein eskalierter Konflikt mit Sherpas. Die attackierten uns, aus einem völlig nichtigen Grund, es war unfassbar, Gewalt, eine völlig willkürliche Situation, irrational, für mich völlig unbeeinflussbar. Sie griffen uns mit Steinen an, schrien, dass sie uns töten würden. Dass jemand so ausrasten kann, das erschütterte mich.

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So sehr, dass Sie danach tatsächlich überlegt haben, Ihre Bergsteigerkarriere an den Nagel zu hängen. Bei allem Respekt: War das nicht ein wenig überreagiert?

Nein. Mein ganzes Weltbild war erschüttert, ich hatte so etwas nicht für möglich gehalten! Ich brauchte Monate, bis ich wieder halbwegs im Reinen mit der Welt und mir war. Ich musste alles neu sortieren. Dieses Erlebnis hat mein System umgestellt. Heute gehe ich anders auf Menschen zu, misstrauischer, kritischer. 

Ueli Steck(brief)

Geboren am 4. Oktober 1976, klettert seit seinem 12. Lebensjahr, seit dem 18. Lebensjahr professionell. Gelernter Zimmermann. Lebt mit Frau Nicole in Ringgenberg, Kanton Bern. Zahlreiche Erstbegehungen/Erstdurchsteigungen (z. B. Nordwand des Gasherbrum II), spektakuläre Solo-Projekte (z. B. Shishapangma-Südwestwand), hält viele alpinistische Speed-Rekorde (z. B. Eiger-Nordwand, Heckmair-Route, 2:22:50). Mehrfacher Buchautor („8000+“, „Speed“, „Der nächste Schritt“, „Solo“).

Fällt Ihnen eine zweite Angst-Situation ein?

2014 mit meiner Frau in Peru, beim Abstieg übersah ich, dass der Wind Schnee verweht hatte. Ein Schneebrett löste sich, ich wurde verschüttet, hatte den Mund voll Schnee, aber zum Glück sah meine Frau meinen Rucksack, konnte mich rausziehen. Das war wirklich knapp, da ging es um Sekunden. Ich dachte, jetzt ist es fertig mit mir. Meine Frau rettete mir das Leben. Ich habe mich in dieser Situation vor allem sehr geärgert, weil ich durch ein paar Minuten Unachtsamkeit uns beide in so eine Situation gebracht habe. Da konnte ich mich nur bei meiner Frau bedanken und entschuldigen. Es war also vor allem Ärger.

Ich hätte noch ein paar Vorschläge zu Situationen, die sich für Angst eignen würden. 2007 zum Beispiel, Annapurna-Südwand, da stürzten Sie 200 Meter ab.

Das ging zu schnell für Angst. Zuerst war ich bewusstlos. Und als ich am Gletscher zu mir kam, war klar, was zu tun war: zuerst checken, ob etwas gebrochen ist. Und dann einen Plan umsetzen, wie ich da wieder rauskomme. Völlig rational.

2008, wieder Annapurna-Südwand: Der Spanier Iñaki Ochoa kollabierte, Sie versuchten ihn zu retten, er starb vor Ihren Augen.

Keine Sekunde Angst. Trauer, ja. Und Ärger, dass er kein Dexamethason dabeihatte, ein Medikament gegen Höhenkrankheit. Hatte er aus ethischen Gründen nicht mitgenommen. Hätte er es dabeigehabt, würde er wohl noch leben.

Wenn auf 7000 Metern im eisigen Wind jemand in meinen Armen stirbt, mich würde das ja einigermaßen mitnehmen.

Ich kann in extremen Situationen Emotionen sehr gut ausschalten. Wie ist die Lage? Was ist der nächste Schritt? Jammern hilft nicht. Darüber nachdenken, das hilft. Wenn ich zum Beispiel ohne Seil klettere, da könnte ich denken: Uh, unter mir 500 Meter nichts, jetzt nur keinen Scheiß machen. Das wäre falsch. Oder es gibt die Möglichkeit, an den nächsten Griff zu denken. Das ist richtig.

„Wer keine Angst hat, unterschätzt seine Aufgabe und überschätzt sich.“
Ueli Steck

Auf dem Frendopfeiler der Aiguille du Midi im Mont-Blanc-Gebiet, Frankreich

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Ueli Steck

Mehr Infos: 
uelisteck.ch

Eines Ihrer spektakulärsten Projekte war die Solobesteigung der Annapurna-Südwand, in 28 Stunden. Sie wurden weltweit gefeiert, tolle Heldenstory. Nachher sagten Sie: Die Entscheidung, ganz raufzugehen, sei spontan gefallen, die Dynamik der Situation habe von Ihnen Besitz ergriffen, Sie sprachen danach von einem Risiko, so groß, dass es garantiert kein zweites Mal gutgehen würde. Das passt doch gar nicht zu Ihnen! War das nicht schrecklich unvernünftig?

Tatsächlich, da haben Sie recht. Ich war wirklich zu weit gegangen. In einen Bereich, in den ich nicht vorstoßen will. Das war ein Fehler! Dass mir so ein Fehler passierte, hat mich danach regelrecht aus der Bahn geworfen.

Aber Sie waren ein Held.

Es ist doch egal, ob es gut ausgeht, ob ich dafür gefeiert werde. Ein Fehler bleibt ein Fehler. Ich musste wirklich für mich überlegen: Wie krieg ich das in den Griff? Wie kann ich sicherstellen, dass ich nie wieder so handle, wirklich: mich nie wieder zu etwas verleiten lasse, das ich nicht geplant hatte? Denn so was macht mir wirklich Angst. Es war ein brutaler Prozess, da wieder rauszukommen. Da geht es tief rein in Themen wie Ego, wie Ehrgeiz.

Sie sind kein Fan unseres Heldenbegriffs, scheint’s. 

Je waghalsiger, desto besser, so läuft das, aber das ist doch Schwachsinn! Für mich ist eine perfekte Bergtour das Gegenteil davon! Perfekt ist es, wenn du am Ende sagst: Es war ganz einfach. Perfekt ist, alles unter Kontrolle zu haben, weil die Vorbereitung perfekt war. Alles andere ist für mich nicht erstrebenswert, all diese ach so heroischen Besteigungen, wie Reinhold Messner das vielfach gemacht hat, der hat so oft Glück gehabt! Das möchte ich nicht! Perfektion braucht kein Glück!

© Youtube // samcam film

Ich verstehe, was Sie meinen, aber wenn ich bei meinem Chefredakteur mit einer Schlagzeile wie „Bergtour problemlos geglückt“ anrücke, wird er mir seine Hilfe bei der beruflichen Neuorientierung anbieten.

Ich möchte auch Grenzen verschieben, meine eigenen Limits austesten, Neues möglich machen. Aber eben nicht durch Waghalsigkeit in der Umsetzung, sondern durch besondere Qualität der Vorbereitung. Ich bin überzeugt, allein mit perfekter Vorbereitung lassen sich Grenzen verschieben, ohne dass du deine Komfortzone verlässt. Ein Rekord ist immer das Ergebnis eines perfekten Prozesses, und es ist der Prozess, der mich interessiert, nicht das Ergebnis. Du bist ja auch viel glücklicher im Leben, wenn du prozessorientiert bist, nicht ergebnisorientiert. Erfolg misst sich nicht am Ergebnis, sondern an der Qualität des Prozesses.

Das meinen Sie jetzt aber weniger theoretisch, als es klingt.

Ich erkläre es Ihnen. 2011, Mount Everest, mein erster Versuch ohne Sauerstoff. Ich war auf 8700 Metern, da fehlte noch eine lächerliche Stunde auf den Gipfel. Aber ich hatte kein Gefühl mehr in den Zehen, und ich wusste: Everest ohne Sauerstoff, das größte Problem ist die Kälte. Also habe ich mich hingesessen, Schuhe ausgezogen, meine Füße waren weiß wie der Schnee, fühlten sich an wie Holz. Da wusste ich, es ist zu kalt, jetzt muss ich runter. Eine Stunde vorm Gipfel! Alle stapften an mir vorbei nach oben, auch die Weekend-Bergsteiger, die sich da halb hinauftragen lassen. Nur der Profi-Bergsteiger Ueli Steck, der dreht auf 8700 Metern um. Und genau das war ein Erfolg! Dass ich meinen eigenen Plan umgesetzt habe. Ich habe mich nicht unter Druck setzen lassen, ich habe mich nicht von der Erwartungshaltung von irgendjemand anderem dazu bringen lassen, etwas Falsches zu tun.

Auf der Aiguille Blanche de Peuterey, Peuterey-Grat, Mont Blanc, Italien

Herr Steck, Sie sind aber Profi. Und kein Sponsor wird glücklich sein, wenn Sie seine Produkte tragen und sagen: Mit diesem oder jenem Bergschuh hab ich es geschafft, rechtzeitig vor dem Gipfel umzudrehen.

Genau das, was Sie ansprechen, ist die Kunst. Es nicht zuzulassen, dass irgendjemand anderer Einfluss auf meine Komfortzone bekommt. Ich gehe jetzt bald nach Nepal, und schon Monate davor entziehe ich mich jeder Kommunikation. Genau deswegen. Beantworte keine E-Mails, egal wer was von mir will. Das ist Teil meiner Vorbereitung und meiner Verantwortung. 

Meine letzte Frage geht jetzt doch ums Bergsteigen. Von 2007 bis 2015 wurde der Marathon-Weltrekord von 2:04:26 auf 2:02:57 verbessert, um anderthalb Minuten. Sie haben 2007 erstmals den Rekord für die Besteigung der Eiger-Nordwand aufgestellt, 3:54 Stunden. 2015 schraubten Sie ihn auf 2:22, anderthalb Stunden weniger! Wie sind solche Sprünge in einer ernsthaften Sportart heute noch möglich? 

Weil Bergsteigen als Sportart noch in den Kinderschuhen steckt. Als Leistungssport kommt es erst in die Gänge, sehr langsam. Ich weiß, dass ich mir da jetzt keine Freunde mache, aber wenn Sie sich das Himalaya-Bergsteigen ansehen, auch bei den Jungen, das hat immer noch das Niveau der 1980er Jahre. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe die Berge, sie sind weit mehr als ein Sportgerät, aber die sportliche, die leistungsorientierte Auseinandersetzung damit, mit zielgerichtetem, professionellem Training, da können wir Bergsteiger von den Marathonläufern noch sehr viel lernen. Das kann jeder so halten, wie er will, aber wenn Sie mich fragen: Wir stecken noch zu sehr in dieser Abenteurer-Mentalität.


*Ueli Steck verunglückte am 30. April nahe des Mount Everests. Das Interview wurde im März davor aufgezeichnet.

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05 2017 The Red Bulletin

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