Bernd

„Auf der Runde bin ich in meiner Welt“

Foto: Philipp Schuster/Red Bull Content pool
Text: Robert Sperl

Bernd Wiesberger ist Österreichs bester Golfer. Was wir von ihm lernen können? Bleib am Boden, auch wenn du den Himmel kennst.

Auch wenn die mondänen Masters in Augusta, Georgia, schon Wochen zurückliegen und als nächstes das familiäre Heimturnier der Lyoness Open im Diamond GC nahe Wien ansteht: Im Kopf von Bernd Wiesberger sind die Erinnerungen frisch. Er qualifizierte sich als erster Österreicher, weil unter den Top 50 der Weltrangliste. Und er schlug sich mit Bravour: Rang 22, bester Rookie, am Finaltag spielte er mit Vorjahrssieger Bubba Watson – und um sechs Schläge besser als der US-Amerikaner. Nicht nur das beeindruckt, auch die Finesse seines Schlagrepertoires. Die coole Strategie. Das bescheidene Auftreten. Denn Augusta ist zwar der Himmel für Golfer, aber Übermütige schickt es ins Fegefeuer.

THE RED BULLETIN: Wie befriedigend war der Masters-Finaltag mit Bubba Watson?

Bernd Wiesberger: Für mich hat die Runde noch was bedeutet, aber für Watson ist es um nichts mehr gegangen. Deswegen war es nicht der große Sieg über den Titelverteidiger, sondern eine angenehme Runde auf Augenhöhe. Ich bin auch nicht das erste Mal in dieser Situation – da waren meine Runden mit Phil Mickelson und Rory McIlroy bei der PGA Championship 2014 intensiver.

Augusta war für Sie als Platz Neuland. Ziel war also: seriöse Vorbereitung …

Es war wichtig, nicht völlig blank nach Augusta zu fahren, deswegen habe ich mit meinen Trainern Phil De Busschere und Damian Taylor bereits vorher trainiert – im GC Fontana in Oberwaltersdorf. Dieser Platz ist von den Ondulierungen der Fairways und der Grüns her Augusta noch am ähnlichsten.

Die größte Überraschung in Augusta?

Wenn man aus dem Clubhaus rausschaut, erscheint alles als große, gemähte Wiese. Da und dort ein Grün, hie und da ein Bunker. Man weiß, wo man hinmuss, sieht aber keine Konturen der Spielbahnen – die werden erst durch die Zuschauer geformt.

„Der Erfolg hat mich wenig verändert. Meine Sonntage sind weiter die Dienstage.“
Bernd Wiesberger

Wie entschärft man die gefürchteten Grüns, die scherzhaft mit Marmorplatten verglichen werden?

Es ist weniger das Tempo als vielmehr die Welligkeit, die beeindruckt. Wegen des eher feuchten Wetters waren sie nicht so schnell, das war für mich als Rookie ein Vorteil.

Welche Rolle spielen die 50.000 Zuschauer?

Benutze sie zur Motivation, sieh sie nicht als Ablenkung. Obwohl: Auf der Runde bin ich sowieso eher in meiner Welt.

Platz 22 war es am Ende – Trainer De Busschere hatte sogar Platz 12 vorausgesagt.

Es wäre eine Enttäuschung gewesen, den Cut nicht zu schaffen, aber ich habe mir kein Platzierungsziel gesetzt. Für Rookies ist Augusta halt extrem schwierig: Du bist vom ersten Moment an gefordert.

Bernd Wiesberger

Geburtsdatum/-ort: Wien, 8. Oktober 1985

Beruf: Golf-Profi

Erfolge: fünf Turniersiege; erster Österreicher bei allen vier Majors (US Open, British Open, Masters, PGA Championship)

Karrierepreisgeld: ca. 4,2 Millionen Euro

Größte Show: Bei der PGA Championship 2014 in Walhalla (South Carolina), USA, nach drei von vier Runden Zweiter. Spielte am Finaltag mit dem Weltranglisten-Ersten Rory McIlroy im letzten Flight. Am Ende siegte der Nordire McIlroy, Wiesberger belegte Platz 15.

Man lernt, dass sogar simple Dinge kompliziert werden …

… etwa das bekannte Loch 12, das kurze Par 3 im „Amen Corner“. Du schaust rüber auf die Fahne am elften Grün, und der Wind weht aus Richtung eins. Du schaust auf die Fahne am zwölften Grün, und der Wind kommt aus Richtung zwei. Dann wirfst du zum Test Grashalme in die Luft – und der Wind kommt aus Richtung drei. Da kann man dann nur raten – und hoffen.

Der Masters-Sieger bestimmt im Jahr darauf das Menü beim Champions Dinner. Waren Sie vorbereitet?

Es hätte was Österreichisches gegeben, Wiener Schnitzel, oder was Deftiges, Schweinsbraten oder Stelze. Und Salzburger Nockerl.

Top 40 in der Weltrangliste, als erster Österreicher alle Major-Turniere gespielt, Preisgeld-Millionär: Wie bleibt man da am Boden?

Man muss sein Drumherum gezielter organisieren und strukturieren. Und öfter nein sagen. Mein Aufwand für Golf muss immer der gleiche sein. Meine Sonntage sind weiter die Dienstage. Und zwei Wochen Urlaub im Sommer gehen halt nicht. Ich glaube, ich habe mich insgesamt relativ wenig verändert.

Ein Golfturnier dauert eine Woche. Das Rezept Ihres Trainers Phil De Busschere für den weiteren Weg nach oben klingt simpel: „Create good weeks“. 

Ich kann schnell umsetzen, wovon Phil glaubt, dass es mein Spiel weiterbringt. Ich hinterfrage ihn, aber ich vertraue ihm blind. Wer besser werden will, muss auch Risiko nehmen. Für einen Athleten bedeutet jede Änderung Unbehagen. Es ist aber nicht so, dass wir das Rad neu erfinden, selbst kleine Dinge können entscheidendes Feedback geben. Man muss nicht unbedingt Rekordrunden schießen, es können zwei, drei gelungene Schläge sein, die dir sagen, dass du am richtigen Weg bist.

„Ich vergleiche das gern mit dem Skisport: Manche Abfahrer haben den pulvrigen Schnee in Kanada lieber, andere das Eis von Kitzbühel – genauso ist das auch im Golf.“
Bernd Wiesberger

Wo ist der Plafond?

Wenn ich auf einen Platz komme, der zu meinem Spiel passt, auf dem ich mich wohlfühle, dann kann ich um einen Major-Sieg mitspielen … es sind im Endeffekt auch nur 72 Loch Golf. Ich vergleiche das gern mit dem Skisport: Manche Abfahrer haben den pulvrigen Schnee in Kanada lieber, andere das Eis von Kitzbühel – genauso ist das auch im Golf.

Ein Top-5 und ein Top-50-Athlet sind im Golf leistungsmäßig näher beisammen als im Skilauf oder Tennis …

Unser Sport ist facettenreicher, da sind mehr Überraschungen möglich. Natürlich gibt es die Rory McIlroys, die Jordan Spieths, die Henrik Stensons, die noch einen, zwei Gänge raufschalten können. Aber an einem derartigen Getriebe arbeiten wir schon.

Konzentrieren Sie sich künftig mehr auf große Turniere?

Dank meiner Weltranglistenposition kann ich mich besser auf diese Rosinen vorbereiten und auch Neuland suchen – also Turniere auf der US PGA Tour spielen, gewissermaßen die Globalisierung als Sportler verstärken. Aber Turniere, die ich gern spiele, werden die BMW-Turniere, das Lyoness Open in Österreich bleiben.

Thema Heimvorteil: Österreich bewirbt sich mit dem GC Fontana um den Ryder Cup 2022 …

Wenn wir den Ryder Cup bekommen, wird der Platz derart umgebaut, dass ich keinen Heimvorteil mehr habe.

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07 2015 The Red Bulletin

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