Clemens Doppler

„Wenn Körper, Geist und Laune passen, ist das ­Alter egal“

Text: Ulrich Corazza
Bilder: Jiszda & Jiszda

Beachvolleyball-Legende Clemens Doppler vor der großen Rückkehr nach ­Klagenfurt: wie Kreuzbandrisse klingen, welche Psychotricks wirken, warum er ein lausiger Partner war und wozu man in Wien ­Copacabana-Sand braucht.

THE RED BULLETIN: 2003 und 2006 riss Ihr ­linkes Kreuzband, 2013 das rechte. Kann man Kreuzbandrisse miteinander vergleichen?

Clemens Doppler: Klar. Jeder ist anders. Der schlimmste war der erste. Da war alles kaputt im Knie, Meniskus, Knorpel. Ich werde nie den Klang vergessen, schrecklich, als wäre ich auf einen morschen Ast gestiegen. Zuerst hab ich gedacht, das ist ein offener Schienbeinbruch, wegen des Klangs und der Schmerzen. Das war bei den ­anderen beiden nicht so, da war nur ein Schnapper und ein ganz kurzes, scharfes Brennen. 

Clemens Doppler

„Mein Aberglaube? Ich wechsle die Hose nicht, solange ich gewinne.“

Zwei der drei Kreuzbandrisse passierten in Klagenfurt. Zufall?

Ich hab mich das oft gefragt. Ich hatte ja auch Zeit zum Nachdenken, nach einem Kreuzbandriss bist du deine sieben bis zehn Monate weg. Natürlich war es Pech und Zufall. Aber in Klagenfurt ist der Sand auch härter als anderswo, du landest wie auf Beton. Das hat wohl mitgespielt. Dazu kam extreme Motivation. Klagenfurt ist neben WM oder Olympia das Highlight für alle. Gerade als Österreicher gibst du hier 300 Prozent. 

Was macht Klagenfurt so besonders?

Alles. Tradition, Organisation, Publikum, ­Location. Rainhard Fendrich hat gesagt, die ­Stimmung am Center Court ist besser als vor 50.000 Leuten auf der Donauinsel. Wenn sogar ein David Coulthard im VIP-Bereich meint, so gut ist es vielleicht noch bei der Formel 1 in Monaco, ist das für unsere kleine Sportart schon was ganz Besonderes. Du erlebst in Klagenfurt als Spieler Momente, die du dein Leben nicht vergisst. Als ich damals mit meinem Partner Nik Berger durch die Massen von oben in das Stadion eingezogen bin … Gänsehaut, wenn ich nur drüber rede. 

Hat man es als Lokalmatador in Klagenfurt einfacher oder schwieriger?

Du musst daran arbeiten, es als Vorteil zu sehen. Dir den Druck nehmen, es als Chance sehen. ­Daran arbeiten wir mit unseren Mentaltrainern, gehen die Situation durch, noch und nöcher. Aber wenn dir da unten was misslingt und 10.000 Leute stöhnen auf, das ist einfach nur beschissen. Da kann dir auch kein Mentaltrainer helfen. Es gibt für einen Österreicher nichts Schlimmeres, als ein Match in Klagenfurt zu verlieren.

Hilft es, sich bei der mentalen Vorbereitung an gute Spiele zu erinnern? Kann man sich mit positiver Energie aufladen?

Nicht an ganze Spiele, aber einzelne Aktionen. Ich versetze mich in die Situation – Geräusche, Geruch, Sonne, Wind –, spüre den Sand zwischen den Zehen. Das versuchst du zu verinnerlichen. Das machst du vor dem Schlafengehen. 

Klingt entspannend.

Wenn du darin nicht geübt bist, schläfst du fix ein, bevor du einen Ball gespielt hast. Sonne, Wind, schnarch, weg.

„Es gibt für einen Österreicher nichts Schlimmeres, als ein Match in Klagenfurt zu verlieren.“
Clemens Doppler

Das Besondere am Beachvolleyball ist, dass man einem Partner ausgeliefert ist …

… und andersrum einem der Partner ausgeliefert ist. Du kannst dich nicht auswechseln lassen. Wir sind aneinander gekettet. Da sind Reibereien unausweichlich. Die freilich nicht immer so extrem ausfallen müssen wie bei den Schweizer Laciga-Brüdern, die nicht einmal miteinander sprechen …
… sie haben sich sogar Zettel geschrieben: „Bin um elf am Strand. Komm, wenn du willst.“ Irre. Aber auch eine coole Form des Krisen­managements, irgendwie. 

Wie schwierig ist es, den richtigen Partner zu finden?

Extrem schwierig. Du musst gut befreundet sein, aber auch nicht zu gut, denn du brauchst deine Freiheiten. Dein Partner muss zuverlässig sein, berechenbar, darf dich nicht hängen lassen, wenn es nicht läuft oder du verletzt bist. 

Steckbrief Clemens Doppler

Geboren: 6. September 1980 in Steyr, lebt mit Freundin Bettina und Tochter Lilli (geboren im Februar 2014) in Wien. 

Größe: 2,00 m

Gewicht: 86 kg

Debütierte mit 15 bei VBC Steyr: als jüngster Spieler der Volleyball-Bundesliga. Je zweimal Meister und Cupsieger mit den hotVolleys. 

1996: Beachvolleyball-Start, anfangs nur als Ausgleich im Sommer.

2003: 1. Europameister-Titel mit Nik Berger, ­Vorstoß auf Weltrang­listenplatz 7; 

2007: 2. EM-Titel mit Peter Gartmayer.

2008 und 2012: ­Olympia-Teilnahme.

Seit 2012 mit Alexander Horst auf der Tour – nun als Blockspieler, davor war Clemens Doppler Verteidigungsspieler.

www.doppler-horst.com

Waren Sie in Ihrer Karriere immer ein guter Partner?

Nein. Ich war oft ein Trottel, ungeduldig, bin ­relativ schnell ausgezuckt, wenn der Partner nicht gut gespielt hat. Ich hab gewusst, das ist jetzt falsch, was ich mache, aber wenn du dich da draußen am Feld super fühlst, Asse schießt, alles verteidigst … und dann läuft es beim Partner nicht. Uh. Ich habe geschrien, geschimpft, gestritten …

Sie haben Ihren Partnern wirklich Vorwürfe nach Fehlern gemacht?

Ja, oft. Könnte ich die Zeit zehn Jahre zurück­drehen, würde ich vieles ganz anders machen. Wobei man aber sagen muss: Auf der Tour gibt es keine fünf Paarungen, in denen der Partner nach einem Fehler immer positiv supportet. Es gibt Teams, die machen sich richtig fertig.

Bekommt man mit, wenn es beim Gegner kriselt?

Sowieso, da sind diese Gesten … und das nutzt du natürlich aus. Auf wen werde ich wohl ser­vieren, wenn der keine Punkte macht? Wenn ich gegen einen spiele, der in negativer Körper­sprache versinkt, den fresse ich!

Klingt nicht nach Gentleman-Sport. 

Einen Sir gibt es: Emanuel Rego (Olympiasieger und 3facher Weltmeister aus Brasilien; Anm). Ein echter Gentleman. Persönlich ist er nicht mein engster Freund, aber auf dem Platz, Wahnsinn. Du siehst ihn praktisch nie den Partner anfahren. Sogar im Olympiafinale, als er von Partner Alison Cerutti so ein scheiß Aufspiel bekommen hat, das hättest du mit einer Hand besser hingekriegt. Emanuel schlägt den Ball ins Out, geht zu Alison und klatscht ab. Wahnsinn. Nur einmal gegen uns hat er die Ruhe verloren und zu seinem Kollegen auf Portugiesisch gesagt: „Du kannst dich sofort schleichen“, das hab sogar ich verstanden. Aber üblicherweise ist er das perfekte Pokerface. Brust raus, Kopf hoch. Immer. Das ist eine große Stärke von ihm. Dadurch wird er nicht angreifbar.

Clemens Doppler

„Mein erster Kreuzband­riss hat geklungen, als wäre ich auf einen morschen Ast gestiegen.“ Mittlerweile hat Clemens Doppler schon deren drei erlitten.

Psychotricks gehören zum Repertoire?

Ja. Besonders Alex kann das gut (Alex Horst, seit 2012 der Partner von Clemens Doppler; Anm.). Ich hab immer ungern gegen ihn gespielt. Der geht aufs Feld, ist einfach präsent und lässt dich das als Gegner wissen und spüren. Er macht einen Punkt, schreit einmal laut und schaut dich dann für den Bruchteil einer Sekunde zu lange an. So was regt dich relativ schnell auf.

Aberglaube?

Ich wechsle die Hose nicht, solange ich gewinne. 

Uh.

Bei der EM 2003 in Alanya (Türkei; Anm.), als Nik [Berger] und ich Europameister wurden, hatte es 50 Grad. Nach jedem Spiel waren wir im Meer baden. Nach dem Finale zog ich die Hose aus, um duschen zu gehen, und sie ist wegen dem ganzen Schweiß und Salz von allein gestanden.

Wer ist der kompletteste Spieler, den Sie live erlebt haben?

Phil Dalhausser. Mit dem gewinnt jeder. 2008 bei Olympia hat er überhaupt alles selber gemacht – Asse serviert, blockiert, Punkt. Da wäre jeder mit ihm Olympiasieger geworden. 

Sie haben in Ihrer Karriere schon sechs verschiedene Partner gehabt …

… was nach viel klingt. Ist aber gar nichts, wenn man bedenkt, dass ich schon seit 1996 spiele. 

Gibt es da einen, der hervorsticht?

Am meisten geprägt hat mich Nik Berger (Berger/Doppler spielten 2002 bis 2005; Anm.). Nik war damals der Beachvolleyball-Gott in Österreich. Ich war 21, er war 27 und schon bei Olympischen Spielen dabei gewesen. Da habe ich mich um nichts kümmern müssen außer ums Spielen.

„Ich war oft ein Trottel, ungeduldig, bin ­relativ schnell ausgezuckt, wenn der Partner nicht gut gespielt hat.“
Clemens Doppler

Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrem aktuellen ­Partner Alex Horst?

Ideal. Wir kennen uns ewig. Wir haben schon ­gemeinsam bei den hotVolleys gespielt, ein ­Dreivierteljahr zusammengewohnt, sind beide Familienväter. 

Sie haben die Spielposition gewechselt, vom Verteidigungs- zum Blockspieler. Wie wirkt sich das aus?

Clemens Doppler

Clemens Doppler holte in seiner Karriere schon zwei EM-Titel - und das mit zwei verschiedenen Partner. Aktuell ist er mit Alexander Horst unterwegs.

 Ich muss jetzt ein Spiel gestalten, das ist allein im Kopf ganz anders. Und der Unterschied ist auch strategisch, taktisch und körperlich riesig. Wenn du gegen ein Team spielst, bei dem du nicht weißt, wen du anservieren sollst, spielst du immer den Blockspieler an, um ihn körperlich fertigzumachen. Auf mich umgelegt, heißt das, dass ich doppelt so viele Sprünge habe wie Alex – bei jedem Service, jedem Blocksprung, die Sprünge beim Sideout. Wenn Alex 200 Sprünge im Match hat, habe ich 400.

Beachvolleyball ist ein Sport, der sich stark durch seinen Lifestyle definiert, jung, sexy, schön, denken wir nur an die Bekleidungs­vorschriften der Spielerinnen. Wie eitel muss man als Beachvolleyballer sein?

Je älter ich werde, desto uneitler werde ich. ­Natürlich spielt in unserem Sport das Image eine Rolle. Das gehört einfach dazu. Mit 22, 23 habe ich auch kein Fest ausgelassen. Aber in den ­letzten Jahren haben sich Professionalität und Niveau so gesteigert, das geht nicht mehr … ­außerdem wird der Körper ja auch älter.

Mit dem Start der nächsten Saison beginnt die Olympia-Qualifikation für Rio 2016. 

Da haben wir den Fokus drauf. Wir überlassen nichts dem Zufall, zum Beispiel trainieren wir auf unseren drei Courts im Maxx Sportcenter in Wien sogar auf Copacabana-Sand.

Wieso denn das?

Der Sand ist ein Detail, aber ein extrem wichtiges. Und in einem Sport wie Beachvolleyball können solche Details entscheiden. Brink/Reckermann haben ab 2009 auf dem Sand trainiert, der 2012 in London verwendet wurde. Das ist einer der Hauptgründe, warum sie Gold geholt haben.

Wie bringt man Sand von der Copacabana nach Wien? Pro Court sind das 150 Tonnen.

Wir haben vom Grand Slam in Rio eine Sand­probe mitgenommen. Die haben wir bei einem Quarzunternehmen analysieren und in Dichte und Körnung eins zu eins nachmachen lassen.

Sie wären in Rio 35 Jahre alt …

Wenn Körper, Geist und Laune passen, ist das ­Alter egal. Der Emanuel ist 41 und gewinnt noch Turniere.

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08/2014 The Red Bulletin

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