Triathlon-Star Daniela Ryf im Interview

Mein Freund,
der Schmerz

Text: Alexander Lisetz
Fotos: Philipp Mueller
Styling: Claudia Hofmann
Make-up: Tanya Koch

Schmerz besiegen? Überwinden? Verleugnen? Quatsch, sagt Daniela Ryf. Die Ironman-Weltmeisterin weiß, wie man Schmerz nutzt. Als Bestätigung, Motivation, Energiequelle.

Am Tag vor ihrem ersten Ironman machte Daniela Ryf alles, was man am Tag vor seinem ersten Ironman nicht machen sollte. 

Statt sich an diesem Samstag im Juli 2014 für 3,8 Kilometer Schwimmen, 180,2 Kilometer Radfahren und 42,2 Kilometer Laufen zu schonen, bestritt sie die olympische Distanz (1,5 km Schwimmen, 40 km Rad, 10 km Laufen). Ihre mentale Vorbereitung bestand daraus, dass sie das Rennen gewann. Und aus Angst um ihren Hintern. („Wird er mir nach fünf Stunden am Radsattel abfallen?“) Ihr Abendessen bestand aus Pizza, Bratwurst, Spaghetti Bolognese, Eiscreme und etwas Schokolade. 

Als sie sonntags am Start stand, sagte ihr Trainer Brett Sutton: „Sieh’s einfach als Training. Wenn du nicht durchkommst, ist es auch egal.“ „Okay“, sagte Daniela Ryf, die sich bis dahin als Spezialistin für die ­Kurzdistanz betrachtet hatte. 

Neuneinviertel Stunden später kam sie als Siegerin des Ironman in Zürich ins Ziel. 

Latex statt Neopren: Daniela Ryf zeigte sich beim Fotoshooting für The Red Bulletin von einer ganz anderen Seite.

„Ich hab dann zu vermuten begonnen“, sagt sie, „dass mir der Ironman doch irgendwie liegen könnte.“

Um einen Ironman durchzustehen – mehr noch: ihn zu gewinnen –, muss man ein ungewöhnliches Verhältnis zu körperlichen Qualen haben. Den meisten Athleten gelingt es, sie zu überwinden, sie wegzudrücken. Daniela Ryf, 28, Schweizerin, 1,75 Meter, macht das anders. 

Sie nutzt Schmerzen. 

 „Alles, was nicht wehtut, ist nur Komfortzone“
Daniela Ryf

„Schmerz ist das Zeichen, dass ich in einen neuen Level vordringe. Dass ich mit meinem Körper eine Grenze überschreite, zu der ich vorher keinen Zugang hatte“, sagt sie. Das bedeutet auch: Schmerz motiviert Daniela Ryf. Wenn’s wehtut, versucht sie, noch eins draufzulegen. Denn sie möchte wissen, was das Maximum ist, zu dem ihr Körper („diese faule Maschine“, sagt sie) fähig ist. „Weil alles, was nicht wehtut, nur Komfortzone ist.“ 

Wenn Daniela Ryf ihre Komfortzone verlässt, sind es nicht nur ihre Beine, die brennen, ihre Muskeln, die betteln, zetern, verdammt noch mal! endlich mit dieser Quälerei aufzuhören. Sondern auch die ihrer Konkurrentinnen. Seit 2013 wurde sie zweimal Europa- und einmal Weltmeisterin auf der Mitteldistanz, Europameisterin auf der olympischen Distanz und Ironman-Europameisterin. Daniela Ryf trainiert jeden Tag bis zu sieben Stunden dafür. Der sonntägliche Marathonlauf oder ein Radausflug von Bern nach Zürich sind für sie normal. 

Spielt der Schmerz, der sie durchs Training begleitet, auch im Wettkampf eine so motivierende Rolle?

„Nein“, sagt sie, „ich pusche mich im Training an meine Grenzen, damit ich es im Wettkampf nicht muss. Der Wettkampf ist nur so etwas Ähnliches wie eine Uni-Prüfung, in der man zeigt, ob man sich gut vorbereitet hat oder nicht.“

Daniela Ryf sexy

Obwohl Daniela Ryf ihr Leben rund ums Training führt, ist die Blase, in der so viele andere Spitzensportler leben, in ihrem Fall stark perforiert. Sport zum Beispiel interessiert sie nicht besonders. Präziser: Sport als Gesprächsstoff.

„Der Schmerz ist das Zeichen, dass ich in einen neuen Level vordringe.“
Daniela Ryf

 „Mit meinen Freunden rede ich über Wirtschaft, Politik, Persönliches, aber niemals über Sport“, sagt sie. Sie folgt auf Twitter Fiona ­Erdmann, Maria Scharapowa, Banksy und der Börse Frankfurt. Studiert in Bern ­Lebensmitteltechnologie und will später „ganz sicher“ etwas in diesem Bereich machen, „am liebsten gesunde Ernährung für Leute, die sich keine Gedanken über gesunde Ernährung machen“.

Einmal hat sie sich eine Viertelstunde lang mit Dave Scott unterhalten, dem sechsfachen Ironman-­Hawaii-Sieger, einer Ikone im Triathlon, ohne ihn zu erkennen. 

Der Bewegungsdrang, der Daniela Ryf nach jeder Uni-Vorlesung aufs Rad oder die Laufbahn treibt, ist eine Familienkrankheit: Vater Bergführer, Mutter Marathonläuferin, Stiefvater Triathlet.

Daniela Ryf nackt

Mit vierzehn hat sie das Geld für ihr erstes Rennrad selbst aufgetrieben, im Ferienjob am Fließband in der Werkzeugmacherei ihres Stiefvaters. „Da habe ich 10-Stunden-Schichten geschoben, 60-mal pro Minute der gleiche Knopf, damit so viel Geld wie möglich zusammenkommt.“ 

2000 trat sie bei einem Schülertriathlon an, danach einem Nachwuchs-Triathlon-Team bei. Die Faszination am Triathlon? „Es gibt keine Taktik und keine Tricks. Der Schnellste gewinnt. Fertig.“ Ryf sind nicht nur Tricksen und Taktieren fremd, sie beherrscht auch eine andere grundlegende Kulturtechnik vieler Spitzensportler nicht: das diplomatische Geschwafel. Stattdessen sagt sie Sätze wie: „Ich will Erste werden.“ oder „Ich vergleiche meinen Körper manchmal mit dem von Konkurrentinnen und bin eingeschüchtert, wenn sie fitter aussehen als ich.“ 

Im Oktober 2014, nach ihrem Debüt beim Ironman in Hawaii, dem prestigeträchtigsten Triathlon des Jahres, wurde sie von der Fachwelt gefeiert: Sie war Zweite geworden, Vizeweltmeisterin, geschlagen nur von der dreifachen Weltmeisterin Mirinda Carfrae aus Australien. Und das lediglich ein paar Monate nach ihrem Ironman-Debüt in Zürich. Aber Daniela Ryf hatte keine Lust, sich feiern zu lassen. „Ich bin enttäuscht, denn ich wollte gewinnen“, sagte sie trotzig in die Mikrofone. 

Heute treibt sie der Gedanke an Revanche bei jedem Training an. Dann denkt sie an den Moment, an dem sie die WM verlor: Sie war mit mehreren Minuten Vorsprung von der Radstrecke gekommen, 35 Kilometer lang solo vorangelaufen. Doch dann zog ihre Hauptkonkurrentin an ihr vorbei, zu schnell, um mitzuhalten. 

Wenn sie heute auf dem Laufband trainiert, stellt sie die Pace auf jenes Tempo ein, mit dem sie von Mirinda Carfrae überholt wurde. 

Wenn der Schmerz kommt, dreht sie höher. Und hält die Pace, so lange, bis der Schmerz sich fügt.

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09 2015 The Red Bulletin

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