Greg Poss Eishockeytrainer

Eishockey-Coach Greg Poss über nackte Anfänge und giftige Siege

Text: Werner Jessner
Foto: oliver jiszda

Greg Poss wurde mit 27 Jahren eher zufällig und ohne jede Erfahrung Eishockeytrainer – und hatte von Anfang an Erfolg. Warum, erzählt er im Interview.

Eine Knieverletzung hatte die Eishockeykarriere des Amerikaners Greg Poss 1992 früh gestoppt. Mit einem Wirtschaftsstudium schien der Weg ins Management vorgezeichnet. Dann kam im Herbst desselben Jahres ein Anruf aus Schweden: ob er sich vorstellen könne, bis Weihnachten das Team von Olofströms IK in der Unterklasse zu trainieren. Zwei Tage später saß Poss im Flugzeug. 24 Jahre später ist er immer noch Coach – und mehrfacher Meister und Chef der Red Bulls Salzburg.


THE RED BULLETIN: Woher nahmen Sie einst das Selbstvertrauen, das Angebot anzunehmen? Sie hatten null Erfahrung.

GREGG POSS: Genau das war vielleicht auch mein Glück. Ich dachte nicht lang nach, sondern sprang ins kalte Wasser. Ich hatte keine Zeit, jemanden zu kopieren. Ich musste ich selbst sein. Ich. Nackt.

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„Ich hatte weder Erfahrung noch Ausbildung – das Team hat mich trotzdem akzeptiert. Spieler durchschauen sofort, wenn du ihnen was vorspielst.“

Welche Tools hatten Sie?

Fleiß. Den Willen, es zu schaffen. Liebe zum Metier. Begeisterung für die neue Aufgabe: Als Trainer kannst du so viel mehr bewegen als ein Spieler am Eis. Dieses Gefühl wollte ich um alles in der Welt auskosten, solange es nur ging. Und ich war bereit, alles dafür zu tun, dass es lange ging.

Das hat gereicht?

Ich hatte weder Erfahrung noch Ausbildung – das Team hat mich trotzdem akzeptiert. Spieler durchschauen sofort, wenn du ihnen was vorspielst. Ich habe gemerkt, dass ich mit Menschen umgehen, gemeinsame Ziele definieren und verfolgen kann. Mein Vorgänger hatte das Gefüge zerstört. Ich konnte also nur gewinnen.

Ihre ersten sieben Spiele als Cheftrainer haben Sie gewonnen und durften drei Jahre lang bleiben. Was konnten Sie, was andere nicht konnten?

Als Trainer ist deine Hauptaufgabe nicht, der Mannschaft Powerplay oder Spielzüge beizubringen. So etwas kannst du nachlesen. Die Kunst ist, ein Team zu formen, das auch ohne dich funktioniert. Was ich auf der Spielerbank mache, darf nicht mehr wichtig sein. Wichtig ist nur, was ich im Training mache.

Weil?

Weil du als Boss eine Kultur etablieren musst, in der gute Dinge belohnt werden und schlechte Dinge erst gar nicht passieren. Eine Kultur, in der alle mit Druck umgehen können. Du musst die Leader im Team identifizieren. Wenn du die erreicht hast, folgt der Rest automatisch – egal ob das in einem Mannschaftssport ist oder in einer Firma.

War das Wirtschaftsstudium dabei ein Vorteil?

Was für ein Unternehmen der Jahresabschluss, ist bei uns der Titel. Wenn meine Kultur falsch ist, werde ich nicht positiv bilanzieren.

„Was ich wirklich hasse, ist, Spiele zu gewinnen, in denen wir schlecht waren. So etwas ist Gift.“
Greg Poss, Chef der Red Bulls Salzburg

Und ich werde auch nicht Meister. Um nachhaltig zu wirtschaften, musst du prozessorientiert denken, nicht ergebnisorientiert. Entscheidend ist die Lernkurve: Solang du besser wirst, wirst du auch Erfolg haben.

Welche Fehler haben Sie als junger Coach gemacht?

Ich war viel zu emotional und habe Niederlagen persönlich genommen. Erst mit den Jahren habe ich verstanden, dass das Team genauso verloren hat wie ich. Als Teamleiter hat es keinen Sinn, auf die Jungs böse zu sein. Man muss die Emotionen rausnehmen.

Niederlagen sind egal?

Nicht egal. Wenn wir schlecht gespielt haben, haben sie auch ihr Gutes. Dann merkt das Team, dass es mehr braucht. Was ich wirklich hasse, ist, Spiele zu gewinnen, in denen wir schlecht waren. So etwas ist Gift.

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Was inspiriert Sie?

Ich sauge Einflüsse aus anderen Feldern auf. Ich will Meinungen, Gedankenaustausch. Stammt vermutlich aus meiner Anfangszeit, als ich mir meinen Werkzeugkasten erst Schritt für Schritt befüllen musste. Jeder kann etwas besser als du.

Wollte ich Ihr Co-Trainer werden, ganz ohne Erfahrung: Welche Eigenschaften müsste ich mitbringen?

Fleiß. Lernbereitschaft. Den Willen, mit mir zu streiten. Gut mit Menschen umgehen können. Unbändige Liebe zu dem, was wir tun. Wer das Wasser liebt, wird schwimmen lernen. Ganz unabhängig davon, wie kalt es ist.

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03 2017 The Red Bulletin

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