Ilija Trojanow: Olympia im Selbstversuch

Ilija Trojanow: Olympia im Selbstversuch

Interview: Robert Sperl
Fotos: Thomas Dorn

4 Jahre Zeit, 80 Disziplinen zu bewältigen und 1 Amateur - So lesen sich die nackten Zahlen des olympischen Selbstversuchs von Ilija Trojanow. Eine literarische und athletische Weltreise, die ihresgleichen sucht.

Vier Jahre lang hat Schriftsteller Ilija Trojanow die Welt bereist, um rechtzeitig vor den Olympischen Spielen in Rio alle Sommer-Einzelsportarten zu absolvieren. Was ihm am Ende blieb? Die Euphorie jener Momente, in denen er das Wesentliche der Disziplinen begriff. Und: ein Schrank voller Ausrüstung.

Was wir im Interview von Ilija Trojanow lernen:

  • Scheitern ist gewinnbringend
  • Turnunterricht vergisst man nie
  • Wissen kann man erwerben, Erkenntnis muss man erfahren
  • „Dabeisein ist alles“ ist mehr als ein Spruch

 

 

THE RED BULLETIN: Weil die Mannschaftssportarten wegfielen, blieben 80 Disziplinen in 23 Sportarten übrig. Welche Disziplin haben Sie am meisten unterschätzt?

ILIJA TROJANOW: Eigentlich keine. An Respekt hat es mir nie gemangelt, aber die Gefahr ist für einen Ignoranten nicht immer evident, bis der Trainer von Querschnittsgelähmten (Trampolin) oder Ertrunkenen (Wildwasserkajak) sprach.

Welche ging Ihnen am einfachsten von der Hand?

Schießen, wenn die Hand halbwegs ruhig ist. Aber dann kommt Trap und Skeet hinzu, orange Scheiben fliegen einem um die Augen, da ist die Hand schnell überfordert.

Ilija Trojanow beim Diskuswerfen

Wofür hatten Sie das geringste Talent?

Turnen, denn es schwappte bald das Trauma des Schulunterrichts auf. Ich war wie gelähmt. An den Reaktionen bei Lesungen zu urteilen, können das viele Menschen hierzulande nachfühlen.

Verzichtet haben Sie auf Disziplinen, in denen ein Pferd vorkam.

Nein, überhaupt nicht, das Kapitel über Dressurreiten ist ja eines der längsten, da habe ich viele Vorurteile abgebaut. Nur war Springreiten einfach nicht möglich, zum Schutz von Reiter - aber auch Pferd.  

Ilija Trojanow beim Boxen

So richtig gescheitert sind Sie offensichtlich nur im Kanadier-Paddeln …

Da besonders eindrücklich (also nass). Aber es gab viel Scheitern, nur erwies sich das Scheitern oft als gewinnbringend, da es mit intensiven Erlebnissen und mit Erkenntnis einherging. Außerdem hat das Scheitern eine poetische Komponente.

Sie haben in jeder Disziplin einen Meister gebeten, sie zu unterrichten. Wie schwierig war Zuhören und Nachmachen?

Ich habe mich den Trainern völlig anvertraut. Ich bin gern in der Situation des neugierigen Schülers. Schwierig wurde es nur, wenn ich genügend wusste bzw. erfahren hatte, um auch kritische Fragen zu stellen. Da wurde dann die Souveränität der Trainer einige Male getestet.

Ilija Trojanow beim Schwimmen

Was erfährt man alles über sich selbst im Lauf einer solchen Olympiade?

Dass man manchmal stärker ist, als man denkt und oft schwächer, als man es sich einbildet. Dass Erfolg und Glücksempfinden von der Haltung abhängen und Sport eine spannende Reise bietet vom Ich zum Selbst.

Warum der Leitspruch der Lakota-Indianer zu Beginn Ihres Buchs: Wer dreimal hintereinander gewinnt, ist ein schlechter Mensch?

Um unsere Fixierung auf Gewinnen und Leistung zu hinterfragen.

Ilija Trojanow: Meine Olympiade

Ilija Trojanow: Meine Olympiade. Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen. S.Fischer Verlag

Fabelhaft auffällig ist das Fehlen jeglicher Koketterie im Buch. Sturz bleibt Sturz, Schmerz bleibt Schmerz. War’s schwierig, in der permanenten Niederlage stets den rechten Ton zu treffen?

Ich vermute, weil ich es nicht als Niederlage empfunden habe, sondern als Bereicherung gemäß der Einsicht: Wissen kann man erwerben, Erkenntnis muss man erfahren.

Dank des Phänomens der Euphorie spielt es im Sport keine Rolle, ob man erster oder Letzter wird: Wobei war Ihre Euphorie am stärksten?

Stets am Ende eines Wettkampfs, sei es Triathlon oder Marathon oder Radrennen, als mich ein so starkes Glücksgefühl erfasste, dass ich mich beseelter fühlte als der Olympiasieger (zumindest habe ich mir das eingebildet). Da begriff ich den Satz „Dabeisein ist alles“ wirklich.

Das Buch steckt voll erfrischender Anekdoten und Weisheiten. Etwa: Was beim Rudern vor einem liegt ist der zurückgelegte Weg. Sport durchlüftet offenbar auf spezielle Weise das Hirn?

Ja, es ist mehr Geist im Schreiben als man denkt, und bei mir mehr Körperlichkeit im Schreiben als die meisten Leser vermuten. Der Gegensatz Körper – Geist ist Unsinn. Ich hoffe, dass dieses Buch das ein wenig aufzeigt.

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07 2016 The Red Bulletin

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