Matthias Walkner

Matthias Walkner: Comeback Hero

Foto: Flavien Duhamel/Red Bull Content Pool
Text: Werner Jessner

Ein halbes Jahr auf Krücken, und nun wieder im Favoritenkreis für die Dakar: Wie kämpft man sich nach so massiven ­Verletzungen zurück in sein ­altes Leben, Matthias Walkner?

9. Jänner 2016, 6.15 Uhr, ­irgendwo in Bolivien. Der ­österreichische Dakar-Starter und KTM-Werkspilot Matt­hias Walkner, 29, kommt schwer zu Sturz. Videoanalysen ergeben, dass er, von der auf­gehenden Sonne geblendet, eine Unebenheit im Gelände bei Vollgas übersehen hat.

Drei Minuten nach dem Unfall kommt Honda-Pilot Paulo Gonçalves an die Unfallstelle und löst den Notruf-Sender aus. Nur fünf Minuten später kommt ein Helikopter – allerdings mit Journalisten an Bord, die den soeben Gestürzten interviewen möchten. Walkner, dessen Oberschenkel völlig verdreht weghängt, lehnt ab. Er kann nicht einmal den Helm abnehmen, so heftig sind die Schmerzen. 20 Minuten später landet der Notfall-Hubschrauber, der auch Morphium an Bord hat. In den sieben Stunden Wartezeit auf den Flug nach La Paz in einem Zelt-Lazarett kommt es zu massiven Einblutungen im verletzten Bein. Muskeln, Sehnen und vor allem Nerven werden ernsthaft lädiert. Der Flug dauert drei Stunden …

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Nach weiteren sechs Stunden bewegungslosen Liegens im Hospital, ohne Essen, ohne Telefon, ohne Englisch sprechende Menschen ringsum, kommt endlich der Arzt.

Die Operation beginnt um Mitternacht und dauert bis in den Morgen. Eine Woche ­später fliegt Walkner nach Hause und denkt bereits an seinen Weg zurück ins Renngeschehen. Dass es bis zum 1. Juli dauern sollte, bis er wieder ein Motorrad würde starten können, einen weiteren Monat bis zum vorsich­tigen Wiederaufstieg auf das Rallye-Bike und weitere zwei bis zu seinem ersten Rennen, ahnte er nicht. Und das war vielleicht auch besser so.

Technik von heute....das nenne ich mal eine ...

Technik von heute....das nenne ich mal eine Auflösung wo man sogar die kleinen Löcher der Schrauben noch sieht!! Mein Dok Dr. Gerhard Oberthaler gibt grünes Licht und ich darf wieder ab aufs Bike, jetzt müsste es nur noch aufhören zu regnen...

THE RED BULLETIN: Kann man nach so einem Unfall stärker zurückkommen?

MATTHIAS WALKNER: Man kann versuchen, das Positive zu suchen, klar. Aber stärker zurückkommen? Eine Floskel, ich wär lieber nicht gestürzt.

© Markus Berger/Red Bull Content Pool

Suchen wir das Positive … 

Ich hatte viel Zeit, um dem intakten Teil meines Körpers Gutes zu tun. Körperlich bin ich in gewissen Bereichen ­fitter als vor meinem Sturz. 

Und geistig?

Mir ist sehr drastisch klar ­geworden, dass du in jeder Sekunde konzentriert sein musst. Hundertprozentig. ­Immer. Dass die Dakar saugefährlich ist. Anfang Oktober bei der Marokko-Rallye kam ich wieder in genau so eine Situation wie bei meinem ­Dakar-Sturz: flaches Licht, das mich blendet, Staub, Geländekanten. Da sind gleich alle Warnlampen angegangen.

Und du vom Gas?

Nein! Nachlassen darfst du nicht, sonst hast du bereits verloren. Die anderen geben ja auch hundert Prozent.

Aber die sind ja auch nicht so schwer gestürzt wie du. Zumindest nicht alle.

Von den Schnellen hatte jeder irgendwann seine Momente. Es ist halt oft auch Glück, wie schwer es dich erwischt.

Das Wesen der Rallye-Dakar ist simpel: Die Fahrer geben 100 Prozent, und das zu jeder Zeit.

© Kin Marcin/Red Bull Content Pool

Wie gehen die anderen ­damit um?

Kommt darauf an, wie du tickst. Vorjahressieger Toby Price zum Beispiel hat einen komplett fatalistischen Zugang. Der ist eine Rallye zu Ende gefahren, obwohl seine Bandscheiben nach einem Sturz so bedient waren, dass er kein Gefühl mehr im Bein hatte. Er war in seinem Leben schon so viel im Krankenhaus, dass er jede Sekunde am Bike genießt. Er sagt, er habe bereits so intensiv gelebt, dass jeder Tag eine Zugabe sei. Für ihn funktioniert das.

Für dich?

Bedingt. Es gibt schon auch ein Leben abseits vom Bike.

Kannst du von Tag zu Tag denken?

Klar. War wichtig in der Reha, als die Rückschläge kamen. Ein paar gute Tage, ein paar schlechte. Was mich geprägt hat, war die Wartezeit vom Unfall bis zur Operation: Nichts in meinem Leben hat sich so lang angefühlt wie diese 18 Stunden. 

Wegen der Unsicherheit?

Genau. Wie gut wird die Versorgung sein? Wie lange wird es dauern? Was ist sonst noch kaputt? Warum tut mir der Rücken so weh? Sind alle Wirbel okay? Warum sieht das Plastik, auf dem ich liege, so grindig aus? Von wem stammt das Blut? Das sind die Gedanken, die dich quälen.

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Dakar Champ Toby Price ist auf Besuch in Österreich und da schaute er auch bei mir Zuhause vorbei! War cool ihn zu sehen und seine Geschichten zu hören

Anscheinend hattest du Glück mit der Versorgung.

Das hatte ich wirklich. Die Operationsmethode war State of the Art. So arbeitet man auch in Europa erst seit wenigen Jahren. Das Problem war die lange Liegezeit bis zur Versorgung. Da sind die Schäden entstanden, die mich bis heute begleiten: der relativ dumme Oberschenkelmuskel vor allem, der sich erst wieder an seine Arbeit gewöhnen muss. Ein Oberschenkelbruch an sich ist ja nichts Weltbewegendes.

Aha.

Im Ernst. Knochen wachsen zusammen, kein Problem.

Wie übersteht man 26 Wochen, also ein halbes Jahr, Reha­bilitation, ohne verrückt zu werden?

Du machst es ja nur für dich selbst. Ich wollte nicht ohne Motorradfahren sein, ohne Berggehen, ohne Skifahren. Das wäre kein Leben für mich. Ich wollte einfach meinen alten Lifestyle zurück. Laufen gehen können. Das war meine Motivation. In Summe hatte ich vielleicht zehn Tage, an denen ich mich überwinden musste, zur Reha zu fahren.

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Wie hast du dich überwunden?

Ich musste nur diese verdammten Krücken anschauen. Versuch mal mit Krücken zu pinkeln oder den Einkauf zu befördern!

Du bist es wohl nicht gewohnt, auf Hilfe angewiesen zu sein.

Überall bist du der Arme, den man bedauert. Irgendwann zipft dich das an. Du bist dankbar über einen wie Ferdl Hirscher, den Vater von Marcel, der dir sagt: „Na ja, viel schöner bist du früher auch nicht gegangen.“ Bemitleidet zu werden zieht dich runter.

Marcel Hirscher analysiert Matthias Walkner...

und umgekehrt. Österreichs erfolgreichste Skilift-Freundschaft im ungewöhnlichen Interview. Matthias Walkner ist vieles, aber kein geeigneter Bundespräsident. Marcel Hirscher sollte endlich ein Haus bauen, damit er Platz schafft für seine fünfte große Kristallkugel. Kontert Matthias Walkner. Was haben der Dominator im alpinen Ski-Zirkus und der Rally Raid-Champion eigentlich miteinander zu tun?

Wie hat dein Alltag zwischen Jänner und Juli ausgesehen?

Ich war fünf Tage pro Woche im Diagnostik- und Trainings­zentrum von Red Bull in Thalgau bei Salzburg. Mittwoch und Freitag waren halbe Tage, die anderen dauerten von 8.30 bis 17 Uhr. Ein halbes Jahr lang habe ich 30 Wochenstunden an meiner Gesundheit gearbeitet:

  • ein Drittel Training
  • ein Drittel Physiotherapie und
  • ein Drittel Psychologie

Wobei die Physio­therapie immer mehr zum Training wurde.

Matthias Walkner ist Rennfahrer, „aber wenn es Spitz auf Knopf steht, ist mir meine Gesundheit letztlich am wichtigsten“.

© Robert Maybach

Wobei konnte der Psycho­loge helfen?

Ich musste während des Trainings Aufgaben lösen. Spiegel­verkehrt denken. Jonglieren lernen. Der klassische Ansatz von wegen „Du bist der Beste und kommst stark zurück“ würde bei mir sowieso hochkant scheitern. Ich weiß schon selbst, was ich tue und kann. Wenn ich mit dem ­Motorrad im Graben liege, war ich auch selbst schuld. Das kann mir kein Psychologe auf der Welt abnehmen.

Wie hast du die Rückschläge gemeistert?

In den ersten drei Monaten ist genau gar nix weitergegangen, da war ich fast am Durch­drehen. Ich konnte nicht schlafen. Das rechte Bein ist immer nach außen geklappt, weil die Leiste so bedient war. Dabei lautete die Prognose, ich würde drei Monate nach dem Sturz wieder am Bike ­sitzen. Du musst den Kalender wegräumen und dir vorsagen, dass es um nix schneller geht, wenn du dich stresst.

Also schön langsam bin ich wieder bereit... - Matthias Walkner | Facebook

Also schön langsam bin ich wieder bereit für meine KTM Factory Racing !!! ...sind zwar nur 40kg aber die Kurve geht echt steil nach oben

Wenn du dich am Start der Dakar siehst: Wirst du an diese Dinge denken?

Natürlich. Die Verletzungen, die Reha, all das ist jetzt ein Teil von mir. Vielleicht weiß ich es mehr zu schätzen, dass ich wieder in Südamerika sein und weiter meinen Traum ­leben darf. Tatsächlich dort zu stehen: Darauf werde ich wahrscheinlich stolz sein, wenn ich zum ersten Mal ­wieder Vollgas gebe.

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01 2017 The Red Bulletin

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