Stefan Küng

Warum Stefan Küng nicht so gerne feiert

Interview: Alex Lisetz
Fotos: Dan Cermak

Radprofi Stefan Küng reicht es nicht, Erster zu werden – er will besser werden. Uns hat der 23-Jährige verraten, wieso Triumphe faul machen und Unzufriedenheit erfolgreich.

Radprofi Stefan Küng vertraut dem strengsten Coach, den er finden konnte: sich selbst. Der Leuteschinder in seinem Kopf findet in jeder Suppe ein Haar, in jedem Erfolg einen Schwachpunkt. So macht er Küng Tag für Tag schneller, härter, gefährlicher. Küng, gerade 23, hat schon wichtige Rennen gewonnen, aber er will die größten gewinnen: Paris – Roubaix, die Weltmeisterschaft, schwere Tour-de-France-Etappen.

Zu unserem Gespräch kommt er am Rennrad, nach dem Fotoshooting hängt er noch zwei, drei Stunden Training an, bei Nieselregen und Temperaturen knapp über null. Küng will 2017 stärker werden, als er je war. Denn er denkt: Jeder von uns kann besser und erfolgreicher werden, wenn er kritischer zu sich selbst ist.

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THE RED BULLETIN: Herr Küng, die Fachleute sagen Ihnen eine große Radsportzukunft voraus. Sie sind Bahnwelt­meister und Zeitfahrspezialist, doch in einer Disziplin lassen Sie völlig aus …

STFEAN KÜNG: Ich bin für einen Radsportler relativ groß und schwer (1,93 Meter und derzeit 82 Kilogramm; Anm.), darum wird es für mich bei über sieben Prozent Steigung am Berg etwas zäh …

Wir meinten eigentlich: beim Feiern Ihrer Siege. 

Stimmt, ich feiere nicht so gern. Sobald ich aus dem Sattel bin, denke ich mir: Ich hätte noch besser sein müssen.

Seien Sie nicht so streng mit sich. Was war denn zum Beispiel an Ihrem Weltmeistertitel in der Einerverfolgung auszusetzen?

Ich fuhr die siebentschnellste Zeit der ­Geschichte. Aber nicht die schnellste.

Egal, Sie haben gewonnen!

Ja, das war ein wertvolles Feedback. Ein Sieg zeigt mir, dass ich mehr richtig als falsch gemacht habe. Auf dieser Er­fahrung kann ich aufbauen. Ich nenne das „Learning from Winning“ oder „Vom Siegen lernen“.

Wir möchten lieber von Siegern lernen. Was muss man denn besser machen als andere, um Erfolg zu haben – im Radrennen, im Job, im Leben?

Zuallererst müssen Sie sich die Frage ­stellen, warum Sie überhaupt Erfolg ­haben wollen. 

Warum? Na ja, wegen des Geldes, ­wegen des Ruhms …

Wenn Ihnen das reicht. Ich würde es ­anders angehen.


Folgende Fragen solltest du dir stellen:

  • Habe ich Freude daran?
  • Will ich es?
  • Was bin ich bereit, dafür zu tun?
  • Was sind die Dinge, die ich verbessern kann? 

Radrennfahren ist anstrengend, gefährlich, schlecht bezahlt.

Party ist Silber. „Learning from Winning“ ist Gold.
Stefan Küng, 23

2015 gewann Stefan Küng zuerst den WM-Titel im Mannschaftszeitfahren und dann den Europameistertitel in der Einerverfolgung.

© imago/EQ Images

Haben Sie wirklich Freude an dem, was Sie tun?

Ich habe schon als Kind jede Minute am Velo verbracht. Wenn ich nicht brav war, bekam ich keinen Hausarrest – sondern das Fahrrad wurde in den Keller gesperrt. 

Und das klappte?

Ich war brav wie ein Engel. Meine Mutter hatte aber auch noch andere unkonventionelle Erziehungsmethoden. Mit zehn wollte ich zum ersten Mal bei einem ­Rennen mitfahren. Sie hat es erlaubt – unter der Bedingung, dass ich mir selbst im Telefonbuch einen Verein suche und dort anrufe. Der Präsident war ein bisschen erstaunt und wollte dann lieber doch einen Erziehungsberechtigten sprechen. Aber ich bekam eine Woche später mein erstes Rennrad. Und gewann drei Wochen später mein erstes Rennen.

Angenommen, wir hätten wie Sie die Fragen eins bis drei abgehakt. Wie verbessern wir uns, um Erfolg zu haben?

Wir müssen da hinschauen, wo’s wehtut: auf unsere eigenen Schwächen. Das fällt uns oft nicht leicht. Darum ist es wichtig, dass wir ehrliche Menschen um uns haben, die uns schonungslos die Wahrheit sagen. So einen wie meinen ersten Trainer. Er hat sich eine Weile angeschaut, wie ich mich mit meinem Talent durchschummelte und Rennen um Rennen gewann, obwohl ich zu faul zum Trainieren gewesen war. Dann nahm er mich zur Seite: „Entweder, du nimmst die Sache jetzt ernst, Stefan“, hat er gesagt, „oder du wirst bald fürchterlich auf die Schnauze fallen.“ Das hat mir zu denken gegeben.

Sollen wir lieber unsere Schwächen in den Griff kriegen oder – Stichwort „Learning from Winning“ – unsere Stärken ausbauen?

Beides ist wichtig. Besonders im Radsport, wo jeder Fahrertyp nur bei bestimmten Rennen eine echte Chance hat. Mir fällt dazu mein Etappensieg bei der Tour de Romandie ein, von dem ich einiges gelernt habe.

Was denn? 

Welchen Vorteil wirklich akribische Vorbereitung bringt. Ich habe im Streckenplan eine Etappe entdeckt, die perfekt zu meinen Stärken passte. Vor dem Rennen bin ich alle Schlüsselstellen dieser Etappe abgefahren und habe mir überlegt, wo ich attackieren könnte. Am Renntag habe ich dann noch den Wetterbericht studiert. Und erfuhr: Auf den letzten zehn Kilo­metern erwartet uns Rückenwind. Darum habe ich noch kurz vor dem Start den ­Mechaniker gebeten, ein 54er-Kettenblatt zu montieren – also eine schwerere Übersetzung, mit der man auf einer Soloflucht schneller fahren kann. 

Sie waren vielleicht nicht der Stärkste­ an diesem Tag. Aber Sie waren am besten vorbereitet.

Ja. Erfolg ist immer auch Kopfsache. In jedem von uns sitzt dieses kleine Teufelchen, das uns Selbstzweifel einreden möchte. Wenn wir unsere Hausaufgaben wirklich gut gemacht haben, hat es nichts mehr zu melden. Das gilt für eine Uni-Prüfung oder ein Job-Interview genauso wie für eine sportliche Herausforderung. Aber ich war auch mit diesem Sieg nicht völlig zufrieden.

Nicht?

Ich hatte eigentlich vor, erst näher am Ziel zu attackieren. Aber ich war so heiß auf den Sieg, dass ich mich nicht mehr zurückhalten konnte. Es ist gutgegangen. Aber ich hätte meine Kräfte auch zu früh verpulvern können. Wir fassen zusammen: Erfolgreiche Menschen müssen immer mit sich selbst unzufrieden sein.

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Das klingt so negativ.

Alles, was du auf dem Weg zum Erfolg erlebst, macht dich kompletter, schlauer und letztendlich auch glücklicher – egal ob du deine Ziele am Ende erreichst oder nicht. 

Selbst ein Seuchenjahr wie Ihr letztes?

Es bringt nichts, über äußere Umstände zu lamentieren. Es gibt Dinge, die man beeinflussen kann, und Dinge, mit denen man sich arrangieren muss. 

Sie brannten darauf, es 2016 allen zu zeigen. Doch Sie sind zuerst an Pfeifferschem Drüsenfieber erkrankt und dann bei 75 km/h so schwer gestürzt, dass Sie erst wieder gehen lernen mussten. 

Ich lag auf der Straße und sah rund um mich die schönsten Weinberge der Schweiz. Zugleich spürte ich, dass drei Knochen gebrochen waren, darunter mein Becken. Ich wusste sofort: Alle meine ­Ziele für dieses Jahr waren dahin. Es ging nicht mehr darum, auf hohem Niveau das letzte Quäntchen besser zu werden – sondern wieder von null zu beginnen.

Können wir aus unverschuldeten Niederlagen genauso viel lernen wie aus Siegen?

Erstens: Ganz unverschuldet war das nicht. Ich habe eine Kurve zu schnell ­genommen, obwohl ich sie vom Training kannte und schon da als gefährlich ein­gestuft hatte. 

Wie schon gesagt: Sie sind ganz schön streng mit sich selbst. 

Zweitens: Dieser abgedroschene Spruch, gemäß dem Sport eine Lebensschule ist, ist hundertprozentig wahr. 

Inwiefern?

Der Sturz erinnerte mich daran, dass es nicht reicht, schneller oder stärker werden zu wollen. Man muss sich ganz konkrete Ziele setzen und auf sie hinarbeiten. Also habe ich diese Ziele gleich am ersten Tag im Krankenzimmer definiert: Ich will nach zwei Wochen zurück auf die Rolle, nach vier Wochen ohne Stock gehen, bei der WM in Doha am Start stehen und den Prolog der Tour de France 2017 in Düsseldorf gewinnen.

Drei dieser vier Ziele haben Sie schon erreicht. Aber das ist für Sie wahrscheinlich kein Grund zum Feiern

Ich glaube, den meisten Leuten geht es so wie mir: Sie spüren, dass sie noch nicht das Bestmögliche aus sich gemacht haben. Und das motiviert sie, an sich zu arbeiten und besser zu werden. Das ist eine kerngesunde Haltung, die wir uns nicht durch allzu frühe Selbstzufriedenheit kaputt­machen sollten.

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02 2017 The Red Bulletin

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