Lara Vadlau

Lara Vadlau und ihre Lizenz zum Arschlochsein

Text: Alexander Lisetz
Foto: Philipp Jelenska

Lara Vadlau gilt als Favoritin für olympisches Segel-Gold. Sie kennt ein besonderes Erfolgsrezept: herzhaft mit seinen Kollegen zu streiten.

WAS WIR VON LARA VADLAU LERNEN:

  • Streiten ist gesund
  • Man muss nicht befreundet sein, um ein gutes Team zu bilden
  • Wer Erfolg will, darf nicht zimperlich sein

THE RED BULLETIN: Frau Vadlau, wird dieses Interview aus dem Ruder laufen?

LARA VADLAU: Warum denn? 

Ihre Vorschoterin Jolanta Ogar sagt, Sie neigen als Steuerfrau zu Wutausbrüchen. Sie flippen aus, ­sobald sie zum Beispiel nur zwei Zentimeter zu weit links oder rechts auf der Bootskante steht.

Ich fürchte, da ist was Wahres dran. 

Jolanta sagt aber auch, Sie seien die beste Teamkollegin, die sie je hatte. Sie würde Ihnen blind vertrauen und eher ihre Karriere aufgeben, als jemals wieder mit jemand anderem zu segeln. Wie passt das zusammen?

Das Gleiche würde ich auch über sie sagen. Wir sind ein perfektes Team. Weil wir ständig streiten – nicht obwohl.

Lara Vadlau und Jolanta Ogar beim gemeinsamen Training.

© Lara Vadlau // YouTube

Das müssen Sie uns näher erklären.

Streiten macht kreativ. Wenn in einem Team alle mit Nachdruck ihre Meinung einbringen, findet man gemeinsam zu einer starken Lösung. 

Aber dazu muss man sich doch nicht anbrüllen.

Kann sein. Ich habe allerdings den Verdacht, dass ein Team, in dem nicht die Fetzen fliegen, sein Ziel einfach nicht ernst genug nimmt. 

Macht das Segeln überhaupt noch Spaß, wenn man sich ständig beflegelt? 

Klar, obwohl es darauf nicht ankommt. Wenn wir starten, dann, um zu gewinnen. Und nicht, um am Wasser eine gute Zeit zu haben. Blöderweise sind die anderen Teams nämlich auch ganz schön ausgeschlafen.

LARA VADLAU

  • Geburtsdatum: 29. März 1994 in Feldbach
  • Größe: 1,67 m
  • Gewicht: 56 kg
  • Erfolge: u.a. Goldmedaille 470er-Segel-WM 2015, Goldmedaille 470er-Segel-WM 2014 (jeweils mit Partnerin Jolanta Ogar)

WORLD CHAMPIONS !! #secondtimeinarow !!! #amazingday

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Sie sind Welt- und Europameisterinnen und zählen in Ihrer Bootsklasse, der 470er Jolle, zum engsten ­Favoritenkreis für Olympia. Sie werden jetzt wahrscheinlich sagen: Man hat auf diesem Level nichts mehr verloren, wenn man ein ­Sensibelchen ist. Oder?

Wenn ich in einer Stress­situation nachdenken muss, ob ein scharfes Wort vielleicht meine Teamkollegin verletzen könnte, verliere ich den Fokus. Nein, du darfst nicht zimperlich und auch nicht sensibel sein, wenn du außergewöhnlichen Erfolg haben willst. Mitten in einer Regatta ist einfach keine Zeit für „Bitte“, „Danke“ und „Würdest du vielleicht“.

Aber jetzt. Würden Sie uns vielleicht die Geschichte von Ihrer ersten Begegnung mit Jolanta erzählen? Bitte!

Das war bei der Regatta in Palma de Mallorca 2011. Wir starteten damals in verschiedenen Teams, ich war die Jüngste im Starterfeld. Bei einem Manöver verletzte ich eine Regel, und Jolanta sorgte dafür, dass ich disqualifiziert wurde. Ich war unglaublich wütend auf sie. Aber sie fand, man dürfe der Neuen nichts durchgehen lassen.

„Du darfst nicht zimperlich und auch nicht sensibel sein, wenn du außergewöhnlichen Erfolg haben willst.“ 
Lara Vadlau, 22

Wir schließen: Man muss nicht miteinander befreundet sein, um ein schlagkräftiges Team zu bilden.

Nein, muss man nicht. Jolanta und ich sind allerdings nebenbei auch beste Freundinnen. 

Trotz der Lizenz zum Arschlochsein, die Sie sich gegenseitig ausgestellt haben?

Moment. Es gibt da noch einen wichtigen Punkt, über den wir bisher nicht gesprochen haben. 

Welchen wichtigen Punkt?

Der Trick ist nicht die Lizenz zum Arschlochsein. Sondern das Fundament, das darunter liegt. Jeder muss den anderen zutiefst respektieren. Nur so wird man ein gutes Team und ist bereit für den Erfolg.

#OneyeartoGo #RiodeJaneiro #OlympicGames #WirhabeneinZiel #lifeisbeautiful #thatishowwecelebrateit

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Das klang vorhin aber ein wenig anders.

Nein, ganz im Gegenteil. Ehrlicher Respekt und tiefes Vertrauen sind die Grundbedingungen für alles andere. Nur wenn man sich im Team durch und durch respek­tiert fühlt, kann man wirklich offen miteinander streiten. Es gibt dann nichts mehr, das bremst. Und man kann die gesamte Energie auf das gemeinsame Ziel fokussieren. 

Und das ist das Geheimnis Ihres Erfolgs?

Nur zur Hälfte. Der Rest ­besteht darin, dass alles, was ich jetzt erzählt habe, draußen nie ein Mensch mitkriegen wird. Denn wir streiten nur, wenn keiner zusieht. Sobald wir in der Öffentlichkeit sind oder auf unsere Konkurrentinnen treffen, geht kein Blatt Papier zwischen uns. 

Bis zum nächsten Training?

Genau.

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06 2016 The Red Bulletin

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