Marcel Reif Kolumne

Marcel Reifs Rundumschlag: Über Videobeweise, China und Vernunft im Fußball

Text: Marcel Reif
Illustration: blagovesta bakardjieva

Kommentatorenlegende Marcel Reif sehnt in seiner exklusiven Kolumne den Videobeweis herbei, um der akuten Schwalben-Unkultur ein Ende zu setzen.
Marcel Reif

Sportjournalist, TV-Kommentator, Buchautor: Der Fußballspezialist hat dank seiner Leidenschaft und Präzision eine Fangemeinde – und doch spalten seine scharfen Analysen bisweilen das Publikum.

Kurioserweise neigen wir dazu, zu glauben, der Fußball sei immun gegen alle Einflüsse und aus den Marketing-Kanälen würden ewig Milch und Honig sprudeln. Jetzt stehen bedeutende Veränderungen bevor, und ich mache mir nicht nur wegen der absurden WM-Pläne des völlig entfesselten FIFA-Präsidenten Gianni Infantino große Sorgen.

In der Bundesliga reden wir mittlerweile mehr über die Schiedsrichter als über das Spiel selbst. Dazu möchte ich zwei Dinge festhalten: Erstens haben wir in Deutschland ausgezeichnete Referees, zweitens pfeift keiner absichtlich falsch.

Was mich persönlich nervt, ist die kaum noch erträgliche Schwalben- und Quasselkultur in der Liga. Jeder (verbale) Einwurf führt zu einem Proteststurm, jedes noch so klare Foul wird gesten- und wortreich dementiert. Die Engländer mögen das schlechtere Essen haben, doch was den Sportsgeist betrifft, können wir lernen. Die Schwalbe ist dort verpönt. Wir hingegen haben uns in der Bundesliga langsam zu den Vorreitern dieser Unart hochgeschwindelt. Die Legitimation, mit dem Finger auf die „Schauspieler“ aus Italien und Spanien zu zeigen, haben wir längst verloren.

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Müssen wir uns damit abfinden, dass ein Timo Werner für seine Flugshow im Strafraum gegen Schalke auch noch belohnt wird? Ich würde den Spielern wünschen, sie freundeten sich langsam damit an, dass dreißig Kameras auf sie gerichtet sind, denen nichts verborgen bleibt. Jede Aktion wird entlarvt, jedes Fehlverhalten enttarnt. Wenn jemand davon ausgeht, er komme eventuell unentdeckt davon – dann gehört er schon wegen Dummheit gesperrt.

„Jede Aktion wird entlarvt, jedes Fehlverhalten enttarnt. Wenn jemand davon ausgeht, er komme eventuell unentdeckt davon – dann gehört er schon wegen Dummheit gesperrt.“
Marcel Reif, Videofreund

Ein halbes Leben habe ich dagegen polemisiert, heute denke ich anders: Der Videobeweis muss zwingend her. Und erwiesene Unsportlichkeiten müssen so sanktioniert werden, dass der Schaden größer ist als der Vorteil, den die Spieler daraus ziehen können. Ohne Videobeweis bleibt der Schiedsrichter der einzige Depp im Stadion. 

Appelle an Moral und Gewissen? No way! Ich kann nicht einklagen, dass Menschen plötzlich lieb, brav und ehrlich seien. Und der Sport ist die Krone des Darwinismus – nur einer kann gewinnen. Dass der Zweck alle Mittel heiligt, wissen wir. So geht es Tag für Tag im richtigen Leben zu – aussprechen wollen wir es jedoch nicht. 

Wir leben im Jahr 2017, und es kann nur die Lösung geben, die vorhandene Technik auch zu nutzen. Dann ist dieses Thema erledigt, und in Wahrheit gibt es keine vernünftigen Argumente dagegen. Das Spiel ist so schnell und athletisch geworden, dass auch hochqualifizierte Schiris überfordert sind. Sollen wir da noch an zwanzigjährigen Profis rummoralisieren oder nicht lieber doch die Chance nutzen, ihnen mit Hilfe des Videobeweises klare Grenzen aufzuzeigen? Wir dürfen gerne das hohe Lied von Anstand und Ehrlichkeit singen – wer aber dessen Text nicht kann, den müssen wir unterstützen.

Die erste Verwendung des Videobeweis im Profi-Fußball

© YouTube // Nachrichten HD

Das Trainerkarussell dreht sich

Während die Referees auf baldige Hilfe durch die Zeitlupe hoffen, dreht sich das Trainerkarussell mit einer immer atemberaubenderen Geschwindigkeit. Das liegt daran, dass plötzlich auch Vereine wie Wolfsburg, Leverkusen oder Mönchengladbach weit unter ihren konkreten Möglichkeiten geblieben sind – da wird die Panik noch viel größer. Das ganze Geld, das Weltkonzerne investiert haben, ist im Nichts verpufft.

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Trennung von Valérien Ismaël: https://t.co/kKZUIgUk91

Neu ist, dass auch bei den Sportdirektoren auf einmal genauer hingeguckt wird, und das halte ich für keine schlechte Entwicklung. Wir Journalisten neigen leider dazu, es zu dramatisieren, wenn die leitenden Angestellten der Klubs gefeuert werden. Das Tempo hat zwar angezogen, aber keiner der Fußballlehrer und -manager muss nun unter der Brücke schlafen.

Der Rote Drache

Gigantomanie war mir immer schon suspekt, daher graut mir vor der Entwicklung in China. Wenn ein alternder Carlos Tévez oder ein besserer Durchschnittskicker wie Axel Witsel dort mehr verdienen als ein Lionel Messi, dann wackeln unsere europäischen Koordinatensysteme. In Spanien ist es üblich, in den Verträgen fixe Ablösesummen zu verankern – für die Besten werden dabei fiktive Zahlen in dreistelliger Millionenhöhe festgeschrieben, die allein der Abschreckung dienen.

Heute denke ich mir: Großer Gott, wenn morgen der Anruf aus Schanghai oder Peking kommt, dann kann man nicht mehr ausschließen, dass diese obszönen Summen auch auf den Tisch gelegt werden. Die Schrauben werden derart weitergedreht, dass sogar der Manchester-Kapitalismus à la Paul Pogba fast wie ein Schnäppchen aus dem Aldi-Regal wirkt. Unfassbar, nicht mehr nachvollziehbar – aber wahrscheinlich bin ich zu sehr in alten Mustern verstrickt und zu romantisch.

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„Infantino und Konsorten haben jedoch längst ihre Seele verkauft und beten den Mammon an wie ein goldenes Kalb.“

227 Millionen Euro hat Cristiano Ronaldo offiziell im Jahr 2015 verdient, wie dessen Berater Jorge Mendes nach den Enthüllungen von „Football Leaks“ freiwillig und strategisch günstig kurz vor Weihnachten bekanntgab. Davon überweist Real Madrid nur schlanke 23 Millionen, der Rest stammt von den weltweiten werblichen Aktivitäten des Portugiesen. Da liegt der Verdacht doch sehr nahe, dass Fußball zu einem kalten Managerspiel mit perversen Monopoly-Summen verkommen ist.

Noch freue ich mich immer wieder auf dieses Spiel, auch wenn Weltmeistertrainer Jogi Löw kürzlich einmal mehr warnend den Zeigefinger gehoben hat, den internationalen Kalender endlich zu entrümpeln. Infantino und Konsorten haben jedoch längst ihre Seele verkauft und beten den Mammon an wie ein goldenes Kalb. Auch die sportlich sehr bescheidene, aufgeblähte Europameisterschaft in Frankreich kann offensichtlich nicht als ultimativer Weckruf dienen.

Die Superstars der EURO 2016 im Portrait: Cristiano Ronaldo

Ronaldo ist ein Fußballer, vor allem aber ein Profi, wie es ihn noch niemals gab. Sein Hobby sind Sit-ups. In Madrid ist es praktisch ausgeschlossen, ihn nach 21 Uhr in einem Restaurant zu sehen: ­Seine spezielle, eiweißreiche und kohlenhydratarme Ernährung duldet keine Ausnahme. Selbstverständlich trinkt Ronaldo keinen Alkohol.

Das ewige Duell

Und ich freue mich auch auf die Champions League mit dem ewigen Duell Lionel Messi gegen Cristiano Ronaldo. Über den großartigen Portugiesen mag ich trotz seiner fragwürdigen Attitüden nicht mehr streiten.

Und bei Messi denke ich schon seit Jahren: Wird er irgendwann müde, werden ihn demnächst fleischgewordene Abrissbirnen rustikal ins Nirwana treten? Doch sie erwischen den „Floh“ nicht, und er dreht wie sein großer Konkurrent Ronaldo Woche für Woche sein geniales Ding.

Zwei wunderbare Spieler, die dem Weltfußball seit mittlerweile mehr als einem Jahrzehnt ihren einzigartigen Stempel aufdrücken.

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03 2017 The Red Bulletin

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