Marcel Reif Kolumne

Die Marcel-Reif-Kolumne:
FIFA-Präsident Gianni Infantino - Vom Paulus zum Saulus

Text: Marcel Reif
Illustration: blagovesta bakardjieva

Kommentatorenlegende Marcel Reif hinterfragt in seiner exklusiven Kolumne die zweifelhafte Performance des neuen FIFA-Präsidenten.
Marcel Reif

Sportjournalist, TV-Kommentator, Buchautor: Der Fußballspezialist hat dank seiner Leidenschaft und Präzision eine Fangemeinde – und doch spalten seine scharfen Analysen bisweilen das Publikum.

Gianni Infantino ist ein sympathischer, vielsprachiger und weltgewandter Mann, der die Aus­losungen der Champions League wunderbar und mit großem Spaß zelebriert hat. Nachdem er Ende Februar 2016 zum Chef des Fußball-Weltverbandes gekürt worden war, kündigte der schweizerisch-italienische Anwalt vollmundig an, dass sich ab sofort alles ändern werde.

Sein Vorgänger Sepp Blatter hatte sich als kleiner, raffgieriger Ganove aus dem Wallis entpuppt, der in der Zentrale auf dem Zürcher Sonnenberg eine elende Bakschisch-Kultur etabliert hatte, korrupt bis in die Haarwurzeln. Wenn man dieser Schlange den Kopf abschlüge, dann ­würde sich alles zum Besseren drehen – meinten gutgläubige Optimisten.

Doch die FIFA ist wie eine Hydra: Kaum ist das kriminelle Haupt weg, wachsen auch schon die bestechlichen Köpfe wie Metastasen nach. 

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Und Gianni Infantino hat in einem atemberaubenden Tempo seine Maske fallen lassen und sämtliche Kontrollinstitutionen aufgelöst. Vom Paulus zum Saulus in gerade mal 270 Tagen.

„Vielleicht muss man jetzt sogar Sepp Blatter Abbitte leisten, der ein ganzes Leben brauchte, um so viel Porzellan zu zerdeppern wie Infantino binnen weniger Monate.“
Marcel Reif: Sportjournalist, TV-Kommentator, Buchautor

Muss man jetzt vielleicht sogar Blatter Abbitte leisten, der ein ganzes Leben gebraucht hat, um so viel Porzellan zu zerschlagen wie Infantino in seiner bisherigen kurzen Amtszeit?

Blatter ist längst eine tragische Figur. Zu Beginn seiner Ära konnte man ihm noch guten Willen und Visionen für eine bessere Zukunft des Fußballs attestieren. Wenn du heute mit dem Schweizer redest, versteht er nicht, was ihm vorgeworfen wird, und zeigt keinerlei Unrechtsbewusstsein, dass er die FIFA wie einen Basar in Istanbul geführt hat.

Der Mann aus Infantinos Nachbardorf ist im Grunde ein armes Schwein und wird sich vielleicht irgendwann in einer stillen Stunde fragen: Ist es das, was von meiner Lebensleistung überbleibt?

Doku-Tipp: Der verkaufte Fußball

© YouTube // Doku Channel Deutschland

Infantino aber ist schlimmer als Blatter. Sein einziges Ziel: Stimmen für die Wahl 2019 zu besorgen. Koste es, was es wolle.

Da es sich mit Ländern wie England oder Deutschland nicht ganz so leicht mauscheln lässt, nimmt sich Infantino die kleinen Nationen liebevoll zur Brust. Da ein Geben, dort ein Nehmen, und die Weltmeisterschaft wird nonchalant zu ­einem Monstrum mit 48 Teilnehmern aufgeblasen.

Dass dabei ein erfolgreiches Produkt, auf das sich die Fans alle vier Jahre wie kleine Kinder freuen, nach­haltig beschädigt wird, stört anscheinend niemanden mehr.

Klaus Fiala on Twitter

Fußball-WM mit 48 Teams? Wäre wohl Anfang vom Ende. Sollte sich #FIFA wirklich gut überlegen, mMn ein Riesenfehler. https://t.co/IJfJNuWliP

Auch nicht, dass wir aufgrund von ­Terminzwängen frühestens in dreißig Jahren wieder eine WM in einem europäischen Kernland des Fußballs erleben werden, mit all der Tradition und Liebe zum ­schönen Spiel. Und es regt offenbar auch keinen mehr auf, dass England als Mutterland des Fußballs wahrscheinlich an die achtzig Jahre auf eine Neuauflage von Wembley 1966 wird warten müssen.

Es gäbe nur eine einzige Chance: Die FIFA müsste sich auflösen und neu aufstellen, Infantino schnellstens abgewählt werden. Wo Milliarden bewegt werden, heißt es, penibel zu kontrollieren. Unser Fußball hat eine bessere Führung verdient, und es laufen ja auch in dieser Szene nicht nur Gangster mit Kalaschnikows herum.

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„Unser Fußball hat eine bessere Führung verdient, und es laufen ja auch in dieser Szene nicht nur Gangster mit Kalaschnikows herum.“

Obwohl Infantino auf seinem Weg zum Generalsekretär der UEFA im „System Blattini“ sozialisiert worden ist, dachte ich naiv, er macht’s besser. Er hat mich leider allzu schnell eines Schlechteren ­belehrt und die Schraube ungebremster Macht eine Umdrehung weiter angezogen.

Infantinos frisch installierter Günstling Aleksander Čeferin – ein UEFA-Präsident, den keiner kennt – zeigte unlängst mit ­einer wahren Königsidee auf: Man könnte doch, sinnierte der Slowene mit dem schwarzen Gürtel im Judo, das Finale der Champions League außerhalb von Europa stattfinden lassen. China wäre dafür eine überaus attraktive Adresse.

Nun darf man keinesfalls pauschal ­unterstellen, Martial Arts hätten zwangsläufig Gehirnschäden zur Folge. Aber ­solche Menschen müssen zum Arzt und auf Herz, Nieren und vor allem auf Verstand untersucht werden. Der Höhepunkt des europäischen Klubfußballs in China? Ich habe mir angesichts der grotesken Kasperliaden längst abgewöhnt, mich aufzuregen. In diesem Falle jedoch stellen sich auch bei mir die Haare auf.

Thomas Riederer on Twitter

Ceferin ist nicht clever. Das CL-Finale verhökern nach Irgendwo. Die cleveren vermarkten Pre Season Games nach China. Fans? Uns doch egal.

Infantino kauft unverfroren die kleinen Verbände, die auf die Leckerlis der reichen FIFA angewiesen sind. Dabei missbraucht er einen demokratischen Eckpfeiler unserer politischen Gesellschaft: One man – one vote, der Traum von Nelson Mandela, für den dieser sogar viele Jahre ins Gefängnis gegangen ist. (Natürlich ­bezweifelt keiner, dass alle Nationen das gleiche Recht haben, eine WM auszu­richten. Man ist ja Demokrat. Aber ist es wirklich sinnvoll, einem Miniverband wie jenem Andorras bei Abstimmungen das gleiche Gewicht einzuräumen wie beispielsweise dem spanischen?)

„Infantino kauft unverfroren die kleinen Verbände, die auf die Leckerlis der ­reichen FIFA angewiesen sind.“

 

Stadionruinen in Südkorea, Südafrika und Brasilien zeugen vom Wahnsinn und der Unverfrorenheit der utopischen Pläne des Weltverbands. Die WM und die FIFA waren rasch wieder gegangen, Schulden und verbrannte Erde sind vielerorts geblieben. Wir können ja die WM nicht auf einer Südseeinsel veranstalten? Vorsicht! Zwergstaat Katar richtet ja auch die WM 2022 im klimatischen Ambiente einer ­finnischen Sauna aus.

All dies ist Infantino selbstverständlich bewusst. Sepp Blatter wurde mit großem Bohei ausgeschlossen, Bauernopfer Michel Platini durfte hingegen gar eine rührende Abschiedsrede vor dem UEFA-Forum ­halten. Und der selbsternannte Reformpräsident kann die miesen Geschäftchen mit seinen Kumpanen weiterführen.

Das Champions-League-Finale im Mai in Mailand werde ich nie vergessen – nicht nur, weil ich dort mein letztes Spiel kommentierte. In San Siro feierte sich in dieser Nacht der wahre Fußball. An Infantino, der sich peinlich in die vorderste Reihe gedrängt hatte, war keiner interessiert. Da stand einer, der sich an der infantilen Unschuld des Fußballs vergangen hatte.

Als Infantino den Großen des Spiels wie Toni Kroos, Sergio Ramos, Antoine Griezmann oder Juanfran ihre Medaillen umhängte, waren die frostige Stimmung und blanke Abneigung intensiv zu spüren: „Lass uns in Ruhe mit deinen abgekarteten Spielchen“, war in den Mienen der Stars zu lesen. Das sollte sogar Gianni Infantino bemerkt haben. Ob er daraus gelernt hat, wage ich zu bezweifeln.

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11 2016 The Red Bulletin

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