Max Stöckl - 4. Mountainbike Speed-Weltrekord

Max Stöckl:
167,6 km/h mit dem Mountainbike

Text: Werner Jessner
Fotos: Marcelo Maragni, Philip Platzer

Sein 4. Weltrekord. Weltruhm. Aber wie tickt der Mann unter dem Aero-Helm? Porträt von Max Stöckl, einem Mann, der alles gibt, um noch mehr zurückzubekommen.

Als die Welle der Begeisterung den frischgebackenen 2016er-Downhill-Weltmeister Danny Hart auf ihren Schultern durch die Zielarena von Val di Sole, Region Trentino-Südtirol, trug, hätte man den großen Mann mit dem grau werdenden Zottelbart für einen Roadie halten können, für einen Mechaniker vielleicht.

Die riesigen Hände, offensichtlich an Arbeit gewöhnt, der blaue Fingernagel, das T-Shirt mit den Logos von MS Mondraker, jenem Team, das beim letzten Weltcup die prestigeträchtige Teamwertung an sich gerissen hatte: Es war klar, dass dieser Bär mit den vielleicht ein klein wenig feuchten Augen irgendwas mit dem Triumph von Hart und dem zweiten Platz von dessen erst 19 Jahre altem Teamkollegen Laurie Greenland zu tun hatte. Bloß was?

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Nur wenige Außenstehende hätten in dem 42-jährigen Bären das Mastermind hinter MS Racing vermutet, Max Stöckl, dessen Initialen für jenes Team stehen, das im UCI Mountainbike-Weltcup derzeit die Standards setzt, und der ein Jahrzehnt lang all seine Energie und all sein mit harter körperlicher Arbeit verdientes Geld in seine Leidenschaft gesteckt hatte, um diesen Moment zu erleben.

Max Stöckl - 4. Mountainbike Weltrekord

Max Stöckl, ein Leben fürs Mountainbiken. Ursprünglich ist Max, der eigentlich Markus heißt und den seine Freunde Mäx nennen und die Bewunderer schon einmal Herkules, gelernter Koch. Man kann sich diese 1,90 Meter große und 102 Kilo schwere Urgewalt im Grunde nicht mit Saucieren und Kasserollen vorstellen, und doch, sagt er, „ist Kochen schon eine Leidenschaft von mir, bloß der Job hat mich nicht interessiert“.

Als Teenager kam er, der Tiroler Bub, der zum Ausgleich immer schon gern in der Natur gewesen war, mit dem Mountainbiken in Kontakt. Wie schon beim Schifahren ging’s ihm darum, bergab möglichst schnell zu sein. Der Rest, nämlich das Treten, war bloß Mittel zum Zweck, ein notwendiges Übel.

Einen „kleinen“ Weltrekord nennt Stöckl die aktuellen 167,6 km/h. Noch höheres Tempo verhinderte der recht weiche Untergrund. 

Red Bull Speed Weekend in Hintertux, Tirol, irgendwann in den frühen Neunzigern, mit Mountainbikes auf Schnee bergab, so schnell es ging, eine Art Rekordversuch in der damals noch jungen Disziplin. Max war der Erste vor Ort, die Location noch nicht bereit. „Beim Arbeiten zuzuschauen liegt mir nicht.“

Der Tiroler, der erst mit sieben Jahren Radfahren gelernt hatte, war plötzlich ungefragt in die Durchführung des Rennens involviert, schleppte, grub, schaufelte und wurde im Rennen auf Anhieb Zweiter hinter dem französischen Spezialisten Éric Barone.

Die Erfolge von Mäx im regulären Downhill-Sport gehen über national relevante Ergebnisse nicht hinaus. Bekannt wurde er durch seine Geschwindigkeits-Weltrekorde, immer auf Serienbikes aufgestellt, nur für den Fall, dass jemand das Verlangen verspüren sollte, es Mäx gleichzutun: 

  • 187 km/h auf Schnee im Jahr 1999
  • 210 km/h im Jahr 2007 ebenfalls auf Schnee
  • 2011 dann 164 km/h auf Geröll, auch das ein Weltrekord. 

2016 schließlich, als Familienvater und Unternehmer mit 42 Jahren, 167,6 km/h mit Lichtschrankenmessung in der Atacama-Wüste, in der Nähe der nordchilenischen Stadt Copiapó, bei seinem neunten Versuch auf eigentlich zu weichem, weil sandigem Untergrund.

„Speed-Fahren wird mir nicht langweilig. Und ich kann das auch ohne große Vorbereitung. Geschwindigkeit hat mich noch nie geschreckt. Das unterscheidet mich von Downhill-Profis, denen dieses Risiko zu groß wäre“, sagt Mäx zwei Monate davor im Garten seines Hauses in Kirchberg in Tirol. Greta, die vierjährige Tochter tobt rum, „sie ist genauso wild und unerschrocken wie ich“, und es ist ganz klar, dass sie und Freundin Julia das Wichtigste in seinem Leben sind. 

4 Geschwindigkeits-Weltrekorde hat Max schon aufgestellt, 2 auf Schnee, 1 auf Geröll und nun einen auf Sand.

167,6 km/h mit Lichtschrankenmessung in der Atacama-Wüste

© youtube // Revista BIKE

Was kommt danach? „Erst einmal lange nichts. Dann das Team, MS Racing. Danach die Arbeit. Meine Weltrekorde zum Schluss, weil sie im Grunde ein eigensinniges Vergnügen sind.“

Es ist das Rennteam, in das er den Hauptanteil seiner Zeit, seiner Energie und seiner finanziellen Ressourcen gesteckt hat. Seit seinen Zwanzigern baut Mäx Event-Locations – und zwar mit seinen eigenen Händen:

Einzelstück: Speed-Suit mit Spoilern, nach Gipsabdrücken seiner Schenkel gefertigt.

„Ich habe lieber einen Hammer in der Hand als einen Laptop.“ Vom Red Bull Air Race bis zu den Olympischen Spielen in Rio: Wenn jemand in lichten Höhen einhändig den 5-Kilo-Fäustel schwingt, dann ist das der Chef persönlich. (Was erklärt, warum man ihn eigentlich nur mit blauen Fingernägeln kennt.)

Das Geld, das er so verdient, steckt er seit 2003 in sein Rennteam: „Begonnen hat es damit, dass ich österreichischen Fahrern den Zugang zur internationalen Rennszene erleichtern wollte. Ich war zwar nicht der schnellste Fahrer, aber der am besten vernetzte.“ 

MS Racing wurde zum Anknüpfungspunkt heimischer Rider ans internationale Geschehen. Hier fanden sie bei aller Professionalität anheimelnde Nestwärme, den vertrauten Dialekt, internationale Stars als Maßstab im Team, dazu die Sicherheit, dass Big Daddy Mäx sämtliche Schwierigkeiten aus dem Weg räumen würde, selbst wenn der oft nicht wusste, wie das gehen, woher er das Geld nehmen sollte. Doch irgendwie ging es sich immer aus, Maßstäbe zu setzen, anders zu sein, auf die ureigene Tiroler Art Erfolg zu haben. Was seine Firma abwarf, steckte er in einen gebrauchten Doppeldeckerbus, den er schwarz lackierte und zum spektakulären Team-Mobil umfunktionierte. So brachte er nach und nach Konzerne dazu, mit ihm zusammenzuarbeiten, schlug aber im Zuge dessen auch lukrative Deals aus, wenn er der Meinung war, dass deren Material nichts taugte. „In meinem Rennteam kommen nur Komponenten ans Bike, denen ich auch bei 200 km/h vertrauen würde.“

Weltrekord, der nächste: Den Schauplatz in der chilenischen Atacama-Wüste sondierte Max parallel zu seiner Arbeit bei den Olympischen Spielen in Brasilien

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Die Kompromisslosigkeit, vor allem aber das Herzblut und die Geradlinigkeit von Max Stöckl waren es, die MS Racing vom kleinen Team mit VW-Bus plus Anhänger zur internationalen Top‑Adresse im UCI Mountainbike-Weltcup werden ließ. „Jedes Jahr habe ich mir die Frage gestellt, wie ich das finanzieren soll und ob ich mir das noch ein letztes Mal antue. Aber die Liebe zum Downhillen, das Gefühl, etwas besser machen zu können und damit meinen Sport noch ein wenig professioneller, hat über das Finanzielle gesiegt. Ich hatte immer Ideen, das hat mich angetrieben.“

Max Stöckl - 4. Mountainbike Weltrekord

Große Namen fuhren für MS Racing: Brook MacDonald, Matti Lehikoinen, der 2016 tödlich verunglückte Stevie Smith, der heutige Kommentator auf redbull.tv, Claudio Caluori, das australische Raubein Chris Kovarik, Doppelweltmeister Danny Hart, immer wieder auch schnelle Frauen wie Emmeline Ragot und Sabrina Jonnier. Wonach suchst du deine Fahrer aus? „Sie müssen für uns fahren wollen, weil sie wissen, dass wir ihnen die Chance auf Siege geben. Geld ist da nicht erste Priorität.“

Stöckl setzt sich schon mal selbst in seinen Bus – ein Bike im Laderaum, ein Mechaniker und ein Fahrwerkstechniker am Beifahrersitz – und besucht damit eine potenzielle Neuverpflichtung, um sie zu überzeugen. So geschehen mit Danny Hart, der zwei Jahre später mit perfektem Material den Weltmeistertitel holte. „Das ist das Um und Auf: Kann ich meinen Ridern alles geben, damit sie schnell sein können? Dieses Grundgefühl muss auf beiden Seiten passen. Über Geld wird man sich einig – oder eben nicht. Das ist der Geist von MS Racing.“

Was jetzt nicht heißt, dass Stöckl ein einfacher Chef wäre. Wenn er fehlende Professionalität ortet, ist man das MS-Racing-Trikot schneller los, als man „Mäx“ sagen kann: „Meine Fahrer sind Profis. Sie müssen mir sagen, was sie brauchen, um schneller zu werden. Eigeninitiative ist gefragt. Ich arbeite hart, und das erwarte ich auch von jedem meiner Fahrer.“

„Das ist das Um und Auf: Kann ich meinen Ridern alles geben, damit sie schnell sein können? Dieses Grundgefühl muss auf beiden Seiten passen.“

Geschafft! War das nun sein letzter Rekord? Eher nicht, meint Mäx und lässt erst mal seine lädierte rechte Schulter operieren.

Die totale Dominanz in der letzten Saison, die persönliche Erfolgsgeschichte mit dem Weltrekord, die Kleinfamilie in der Tiroler Idylle: Denkt man da nicht, zumindest ganz vorsichtig, ans Aufhören? Stöckl wiegt seinen großen Kopf und krault sich den Bart, wie er es immer macht.

Aufhören? Diese Frage hat er schon zu oft gehört. Wie will man mit etwas aufhören, das das Leben so ungemein bereichert hat, das ihn aus der Küche geholt und hinaus in die Welt gebracht, das ihm so viele Freundschaften und Emotionen beschert, kurz: das Leben wertvoll gemacht hat?

„Ich habe in den letzten 13 Jahren brutal viel Geld und Zeit in den Sport investiert. Aber nur herumsitzen: Das ist doch kein Leben. Wenn du etwas wirklich liebst, vergisst du, dass du zwischendurch hart am Limit warst und mehr riskiert hast, als du eigentlich wolltest.“

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03 2017 The Red Bulletin

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