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Neymar jr.: „Die WM ist das härteste Turnier“

Interview: Simon Kuper
Bilder: David Clerihew
Produktion: Josef Siegle

Neymar spricht im exklusiven Interview mit The Red Bulletin über jene Weltmeisterschaft, die das Leben von 192 Millionen Menschen verändern wird. Und sein eigenes.

Das Erste, was einem bei der persönlichen Begegnung an Neymar Jr. auffällt, am einzigen wirklich großen Fußballer, den Brasilien im letzten Jahrzehnt hervorgebracht hat, am Mädchenschwarm, am globalen Superstar: Der Bursche ist noch viel dünner und kleiner als im Fernsehen. Der Stürmer, der mit 22 Jahren die Hoffnungen seines Landes auf den sechsten WM-Titel auf seinen Schultern trägt, wirkt zerbrechlich.

Als er das alte, zum Studio umgebaute Industrie-Loft in einer ruhigen Ecke Barce­lonas betritt, grüßt er uns mit diesem magischen Lächeln, mit dem er dich zugleich um den Finger wickelt und auf Distanz hält. Dann geht er in die Umkleidekabine, und wir bekommen das zu sehen, wofür einige wohl töten würden: Neymar Jr. zieht sein Shirt aus. Unter den Tätowierungen steckt ein zierlicher, sehniger Körper. Man wundert sich fast darüber, wie unversehrt der nach einem Jahr in Europa aussieht, Ende Juli des Vorjahres bestritt er sein erstes Spiel für den FC Barcelona. 

Die Kamera liebt Neymar Jr.. Er ist nicht klassisch schön, nicht im David-Beckham-Sinn schön, doch sein Lächeln ist zauberhaft, und er hat Ginga – diese ureigene ­brasilianische Art, sich rhythmisch-schwungvoll zu bewegen, es ist fast ein Tanzen. 

Schließlich setzt er sich hin, die Schultern hochgezogen, dieses Lächeln im ­Gesicht, und spricht eine Stunde lang darüber, wie es ist, Neymar Jr. zu sein.

THE RED BULLETIN: Wie erträgt man den Druck von 192 Millionen Menschen, die einen WM-Titel von einem erwarten?

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Hoffnungsträger

Die Hoffnungen einer ganzen Nation ruhen auf den schmalen Schultern von Superstar Neymar Jr.


Neymar Jr.: Von der WM träume ich, seit ich ein Kind war. Jetzt ist dieser Traum zum Greifen nah. Ich bin Brasiliens Nummer zehn, ich werde an der Weltmeisterschaft teilnehmen, noch dazu in meiner ­Heimat. Da ist kein Druck. Nur Freude und Stolz.

Kein bisschen Unsicherheit, Angst?

Ich höre zwar ständig: „Du stehst unter Druck, weil du der große Name in der Mannschaft bist“, ich höre es von allen Seiten. Aber ich stehe nicht unter Druck. Ich bin glücklich. Nichts als glücklich. Wissen Sie, ich habe die Dinge immer schon auf meine Art gemacht. Seit ich dreizehn bin, stehe ich unter Beobachtung der ­Presse, der Öffentlichkeit. Ich bin jemand, der sich über so was nicht wirklich den Kopf zerbricht. Ich ­verspüre keinen Druck. Vielleicht fehlt mir das ­Sinnesorgan, mit dem man Druck wahrnimmt.

Sie waren zehn Jahre alt, als Brasilien 2002 ­zuletzt Weltmeister wurde. Ihre Erinnerungen?

Ich bin noch vor Tagesanbruch aufgestanden, um mir das Finale anzusehen, es wurde ja in Japan gespielt. Ich trug sogar Ronaldos Frisur. Meine Eltern und ­meine Schwester sahen sich das Spiel gemeinsam mit mir an. Danach grillten wir bei meiner Oma, und wie es sich für richtige Fans gehört, brüllten wir die ganze Zeit „Wir sind die Champions!“.

Wie war Ihre Kindheit?

Wir hatten wenig Geld, aber mein Vater sorgte dafür, dass ich nie hungern musste. Ich glaube nicht, dass ich jemals unglücklich war – auch wenn ich nicht alles hatte, was meine Freunde hatten. Zu meiner Mutter sagte ich mal: „Wenn ich reich werde, kaufe ich mir eine Keks-Fabrik. Dann kann ich Kekse essen, wann immer ich will.“ An solche Dinge erinnere ich mich. Aber ich habe mich nie beschwert, habe nie gejammert. Ich habe immer um alles gekämpft. Meine ganze Familie tat das.

Sie gelten als begnadeter Dribbler. Haben Sie sich Tricks von anderen Spielern abgeschaut?

Ich habe Robinho studiert, als ich zu Santos kam, er war dort der absolute Star. Ich habe mir Ronaldinho, Ronaldo, Messi und Cristiano Ronaldo angesehen. Von jedem talentierten Spieler habe ich mir immer wieder Videos angesehen, bis zu Zidanes „Roulette“. Im Training oder beim Rumkicken habe ich dann jeden Trick so lange probiert, bis er mir in Fleisch und Blut übergangen war. So sehr, dass ich ihn in einem Match einsetzen konnte.

Woher kommt dieses Talent zum Dribbling?

Es ist nicht so sehr eine Frage des Talents. Es geht einfach um Üben, Üben, Üben. Ich beobachte, kopiere, übe. Ich habe noch keinen Trick selbst entwickelt.

Ihr Fußball sieht nach purer Freude aus. Emp­finden Sie noch immer Freude beim Spielen, oder ist es mittlerweile eher ein Job?

Es ist geordneter Spaß. Ja, so kann man das sagen, geordneter Spaß. Spaß, den man ernst nehmen muss. Aber ich bin immer glücklich, wenn ich spiele. Wenn man glücklich ist, klappen Dinge ganz von selbst; wenn man unglücklich ist, klappt gar nichts.

Was würden Sie über Ihre erste Saison in Barce­lona rückblickend sagen?

Sie war nicht perfekt, aber sie war auch nicht schlecht. Es ist das erste Mal, dass ich außerhalb meines Heimatlandes lebe. Ich vermisse meine Freunde und meine Familie. Anfangs war das wirklich hart. Aber ich habe in Europa vor allem eine Menge gelernt, auf profes­sioneller wie auf persönlicher Ebene. Ich lerne von meinen Mitspielern, worüber sie sprechen, wie sie mit anderen Leuten umgehen. Ich schaue mir von vielen Spielern Kleinigkeiten ab und passe sie meinem Stil an. Manche Leute sind gut auf dem Spielfeld, andere abseits davon, manche zeigen besonders gutes Verhalten im Training. Man kann von jedem lernen.

Hat Sie an Lionel Messi etwas überrascht, nachdem Sie ihn ja nun jeden Tag sehen?

Er hat mich in jeder Hinsicht überrascht. Bevor ich hierher kam, hörte ich nur die Dinge, die die Leute über ihn erzählen: dass er sehr reserviert sei und mit niemandem rede. Aber er ist völlig anders. Abgesehen davon, dass er auf dem Feld ein Genie ist, ist er auch sonst immer toll zu mir – und nicht nur zu mir. Es gibt nur Gutes, was ich über ihn sagen könnte.

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Seit Sommer 2013 spielt Neymar in ­Europa, bei Barcelona, an der Seite des großen Argentiniers Lionel Messi. „Ich habe ihm schon mal gesagt: Diesmal gehört der Pott uns!“

Beschreiben Sie uns die Stimmung in der Barça-Kabine.

Es geht echt lustig zu, jeder plaudert, ­albert rum, ähnlich wie bei den Brasilianern. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum sie so gut zusammenspielen. Es wird auch Musik gespielt in der Kabine – vor dem Match und danach, wie in ­Brasilien. Auch bei Santos haben wir ­immer Songs gespielt, wenn wir aufs Feld gelaufen sind. 

Es könnte passieren, dass Sie bei der WM gegen einige Teamkollegen von Barça spielen. Sprechen Sie mit denen über so was?

Wir scherzen rum, klar. Jeder von uns sagt: „Wir ­gewinnen die WM!“ Wir wissen, dass die WM für uns alle ziemlich schwierig wird. Deshalb machen wir Witze. Ich habe mit Messi rumgeblödelt und ihm schon mal gesagt: „Diesmal gehört der Pott uns!“

Wie kam es zu Ihrer Social-Media-Kampagne ­#somostodosmacacos („Wir sind alle Affen“) gegen Rassismus? Das Bild von Ihnen und Ihrem Sohn mit Bananen ging um die Welt …

Rassismus ist eine Sache von Hirnlosen. Und ich weiß aus eigener Erfahrung, aus anderen Spielen, wie es sich anfühlt, von Rassismus betroffen zu sein. Also wollten wir etwas dagegen tun. Ich sprach mit meinem Vater und mit ein paar Leuten, die für uns arbeiten, und wir entwarfen diese Kampagne. Die war quasi startklar, dann passierte dieser Zwischenfall mit Dani Alves (Barça-Teamkollege, hob eine Banane, die man während eines Matchs nach ihm geworfen hatte, einfach auf und aß sie; Anm.). Ich dachte, das ist der richtige Moment, um die Kampagne zu starten.

„Oh Gott, lass mich ein so berühmter Fussballer werden, damit ich meiner Familie alles geben kann, was sie will – darum habe ich schon als Kind gebetet.“
Neymar Jr.

Sie stehen mit Ihren Fans über Social-Media-Plattformen in engem Kontakt, aber die Fans verlangen Ihnen auch eine Menge ab. Stört Sie das?

Nicht wirklich. Was mich stört, ist, wenn man vor meinem Privatleben nicht haltmacht. Ich verstehe, dass die Fans gerne alles wissen wollen, aber wenn’s um mein Privatleben geht, bin ich wie jeder andere. Das soll meine Sache sein und bleiben.

Diego Maradona hat sich nach den Tagen vor dem Ruhm zurückgesehnt. Geht es Ihnen auch so?

Nein. Ich verstehe aber, worum es ihm geht. Es ist schwierig für mich, Dinge zu machen, die eine ­normale Person macht. Zum Beispiel kann ich nicht mit meinem Sohn in Santos an den Strand gehen. ­Unmöglich. Wir hätten sofort eine Menschenmenge um uns, die Leute würden Fotos machen und alles. Auf der Straße erkennt mich ein Brasilianer aus einem Kilometer Entfernung. Dann kommt er angerannt und brüllt „Neymar, Neymar!“. Hier in Barcelona sind die Leute relaxter, mehr in die Richtung „Neymar, dürfte ich ein Foto mit dir machen?“.

Fehlt Ihnen dieses normale Leben?

Man vermisst es natürlich, mit seinem Kind an den Strand gehen zu können, ganz normale Sachen zu machen. Ich glaube, das ist, was Maradona gemeint hat. Aber ich beklage mich nicht darüber, denn ein berühmter Fußballer zu werden ist das, worum ich Gott gebeten habe. Ich habe immer zu Ihm gesagt: Ich möchte als Fußballer so gut werden, dass ich meiner Familie alles geben kann, was sie will. Da gehört die Kehrseite dazu. Wenn ich mit fünfzig Leuten reden muss, rede ich eben mit fünfzig Leuten. Sobald ich auf die Straße gehe, muss ich mich daran erinnern, dass ich Neymar bin, dass das jeder weiß, dass ich mich entsprechend verhalten muss. Aber zu Hause bin ich der Neymar, den die Familie kennt. Zu Hause bin ich nicht mal „Neymar“. Da bin ich „Juninho“.

Steckbrief

NAME: Neymar da Silva Santos Júnior

GEBURTSDATUM/-ORT: 5. Februar 1992, Mogi das Cruzes, São Paulo

GRÖSSE, GEWICHT: 175 cm (das sind 6 mehr als Lionel Messi), 64 kg (3 weniger als Messi)

VEREINE: 2003 – 2013 FC Santos (Brasilien), ab Sommer 2013 FC Barcelona (Spanien, Vertrag läuft bis 2018)

RÜCKENNUMMER: 10 (Seleçao), 11 (Barcelona)

ERFOLGE: Copa Libertadores 2011, Olympia-Silber 2012, spanischer Supercup 2013, Confed-Cup 2013

Sprechen wir über die brasilianische Nationalmannschaft, die Seleção. Wer wählt die Musik in der Umkleidekabine aus?

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„Die WM ist das härteste Turnier. Sie ist so kurz, du darfst dir keinen Fehler erlauben. Du musst von der ersten bis zur letzten Sekunde alles geben.“


Mal der, mal der. Die Stereoanlage ist da, und jeder kann sich einen Song aussuchen. Am häufigsten ­spielen wir Pagode, Funk, Sertanejo. Auf meinem Weg zum Stadion höre ich immer Gospelmusik aus dem Kopfhörer. Bevor wir rausgehen, spielen wir in der Kabine einen Pagode-Song über die Stereoanlage, laut. Wir stehen da, scherzen rum, die Egos bleiben draußen vor der Tür. Wir wissen, wir haben nur ein Ziel, und das ist ein gemeinsames Ziel. 

Brasiliens Nationaltrainer Felipe Scolari gewann die WM 2002. Was erzählt er darüber?

Er sagt, dass die WM das härteste aller Turniere ist. Weil sie ein so kurzes Turnier ist, darfst du dir keine Fehler erlauben. Du musst von der ersten Sekunde an alles geben. Und er spricht häufig darüber, wie phantastisch es sich anfühlt zu gewinnen.

Wie unterscheidet sich das Spiel Brasiliens vom Spiel Barcelonas?

Taktisch und technisch ist es sehr ähnlich. 

Mit weniger brasilianischem Ginga bei Barcelona?

Mit ein bisschen weniger, ja.

Während des Confed-Cups im Vorjahr gab’s in Brasilien Proteste gegen Korruption, den Zustand des öffentlichen Dienstes und die Kosten der Stadien. Auf einem der Banner war zu lesen: „Ein Lehrer ist mehr wert als Neymar.“ Was sagen Sie dazu?

Lehrer sollten genauso viel verdienen wie Leute in anderen Berufen. Auch wie Fußballer, denn man ­vergisst so leicht, dass vielleicht fünf Prozent von uns mehr verdienen als die anderen. Ich stimme voll zu, dass wir alle für eine bessere Welt mit Bildung, ­Gesundheit und Sicherheit kämpfen müssen.

Soll auch während der WM protestiert werden?

Solange es ohne Gewalt passiert, sehe ich kein Pro­blem darin, dass Leute für ein besseres Brasilien kämpfen. Ich stehe auf ihrer Seite. Aber wir sollten die WM genießen, denke ich. Wir haben die Gelegenheit, der Welt zu zeigen, was für ein Gastgeber wir sind, und wir sollten vor allem zeigen, was toll ist an Brasilien, nicht nur die schlechten Seiten. 

Wird Brasilien Weltmeister?

Das wünsche ich mir mehr als alles andere.

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07 2014 The Red Bulletin

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