Raphael Honigstein: Zwischen-Resümee der aktuellen Premier-League-Saison

Warum diese Premier-League-Saison an „Game of Thrones“ erinnert

Words: Raphael Honigstein
Photo: WIKIMEDIA COMMONS/MONTAGE

Experte Raphael Honigstein blickt auf die aktuelle Spielzeit in der Premier League und entdeckt dabei drei entscheidende Trainer-Duelle.
Raphael Honigstein

u.a. Fußball-Korrespondent bei „The Guardian“, Autor bei der „Süddeutschen Zeitung“ und seit 2016 Kolumnist bei „The Red Bulletin“
twitter.com/honigstein

Es war in den letzten Jahren häufig einfach, die übertriebene Eigenwerbung der Premier League zu belächeln, aber die erste Hälfte der aktuellen Spielzeit zeigt, wie nah Realität und Hype doch sein können. Nicht weniger als sechs veritable Spitzenmannschaften mit realistischen Titelchancen sowie ein starker Unterbau mit Teams aus der zweiten Reihe - Bournemouth, Everton, West Brom, Southampton - die jeden Gegner vor Probleme stellen können, sorgen für absolut unwiderstehliches Spektakel: Der Fußball selbst steht wieder im Mittelpunkt und hat den verschiedenen Kontroversen und Nebenkriegsschauplätzen, die von mangelnder Qualität ablenken sollten, die Schau gestohlen. Underdogs (Leicester City) und Wundertäter (Claudio Ranieri) müssen nicht vorstellig werden. Es braucht in dieser Saison keine überraschenden Heilsbringer.

Stattdessen ist zur Halbzeit der Saison klar geworden, dass der versprochene Großkampf zwischen einem halben Dutzend Titelaspiranten im Stil von „Game of Thrones“ in voller Fahrt ist (mit Pep Guardiola als Khaleesi und José Mourinho als Schattendämon), auch wenn das Drehbuch teilweise eher die (beinahe) genauso hochgelobte BBC-Sitcom „Coupling - wer mit wem?“ aus den frühen Neunzigern ins Gedächtnis ruft: Die Trainer der Spitzenteams in der Premier League gibt es diese Saison paarweise, zusammengeführt von geteiltem Erfolg, Konflikt oder irgendwas dazwischen.

Pep und Mou: Hinterm Mond in Manchester

Nur drei Punkte trennen die besten Feinde von der iberischen Halbinsel in ihrer ersten gemeinsamen Saison in England. Das Momentum ist augenblicklich auf Mourinhos Seite, mit sechs Siegen in Folge nach einem abenteuerlich schwachem Start, wohingegen Guardiola mehr und mehr erregt zu sein scheint ob der Unfähigkeit seiner Mannschaft, den gewünschten Fußballstil auf das Feld zu zaubern - genauso wie ob der fortwährenden Unterstellung, die Eigenheiten der Premier League seien schlicht zu kompliziert für ihn. Der atemberaubende Saisonstart (wettbewerbsübergreifend zehn Siege in Folge) ist lange vergessen.

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Der unterschiedliche Verlauf der Saison für City (4.) und United (6. in der Tabelle) vor der für den FA Cup reservierten Ligapause kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass beide Mannschaften deutlich hinter ihren Erwartungen geblieben sind.

Aller Wahrscheinlichkeit nach werden weder Pep noch José in ihrer ersten Saison mit neuen Teams die Meisterschaft gewinnen, trotz beträchtlichen Investments und kompletter Unterstützung durch die jeweiligen Clubgremien. „Versagen“ dürfte zwar angesichts der großen Konkurrenz ein zu starkes Wort sein, aber es besteht kein Zweifel, dass von beiden kontinuierlichere Verbesserung erwartet wurde, schon jetzt. Abgesehen von verletzem Stolz, allerdings, dürften die negativen Konsequenzen minimal ausfallen. Im Gegenteil, das unglückliche Paar in Manchester wird die Enttäuschung zu seinem Vorteil zu nutzen wissen und weitere hochpreisige Kaderanpassungen in den folgenden Transferfenstern einfordern.

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Conte and Klopp: Teilzeit-Liebhaber

Freie Tage unter der Woche sind sicherlich nicht der einzige Grund, warum Chelsea (Tabellenführer) und Liverpool (2.) bisher ein Quäntchen stärker als der Rest der Favoriten zu sein scheinen, aber sie tragen zweifelsohne dazu bei. Contes zeitintensive Taktikdrills und Klopps energiefressende Spielweise wären schwieriger durchzusetzen, wenn Spiele in der Champions League oder Europa League mentale und physische Ressourcen aufzehrten.

Beide Mannschaften weisen eine gewisse Frische auf, wichtige Spieler wirken verjüngt oder enorm verbessert, sie haben einen starken Zusammenhalt und, vielleicht der wichtigste Punkt, ein Gefühl von Demut. Gemessen an den galaktischen Standards von City oder Manchester United haben Chelsea und Liverpool nur relativ moderat in ihre Mannschaften investiert und vergleichsweise unbekannte Namen geholt, die in entscheidenden Positionen den großen Unterschied ausmachen. Vor allem anderen scheint jedoch die Qualität des Coachings hindurch, eine bestechende Kombination von Know-how und ansteckendem Man-Management.

Chelseas und Liverpools vorzügliche Leistungen werden sicherlich für europäische Nächte in der nächsten Saison sorgen, womit die Rückrunde eine goldene, nahezu einmalige Chance bietet, aus dem unüblich entzerrten Spielplan Kapital zu schlagen.

Wenger und Pochettino: Titelträume und die Angst vor dem Donnerstag

Sind die Spurs (3.) echte Titelanwärter? Überzeugende Heimsiege gegen Man City und Chelsea (je 2:0) legen das nahe. Zwischen diesen Ausrufzeichen, allerdings, flog Tottenham sang- und klanglos aus der Champions League und gewann nur eine Partie während einer zehn Spiele anhaltenden Formkrise. Die Kadertiefe kann immer noch angezweifelt werden, besonders im Sturm, genauso wie die Fähigkeit, den fordernden Spielstil bis zum Ende der Saison durchzuziehen. Vor sechs Monaten fiel Tottenhams Titeltraum auseinander, in der Kabine wurde hinter vorgehaltener Hand Pochettinos zu intensives Training als eine Ursache ausgemacht.

Tag #Chelsea fans👇🏽😁

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Diesen Vorwurf musste man sich auf der anderen Seite der Rivalität im Norden Londons noch nie gefallen lassen, aber Arsenals Bestimmung ist genauso obskur wie die der verhassten Nachbarn. Ein wundervoller Saisonstart hat die üblichen Hoffnungen auf den ersten Meistertitel seit 2004 genährt, die ob der üblichen Enttäuschungen wegen Verletzungen und der bekannten Schwächen gegen gut gedrillte Gegner schnell wieder begraben wurden.

Wengers Mannschaft, aktuell 5. mit einem Spiel in der Hinterhand, ist vom Titelfavoriten im September zu einem Team geworden, dass sich Sorgen machen muss, die Champions League zu erreichen. Ob die leidgeprüften Fans sich mit dieser Form von „Konstanz“ noch zufrieden geben werden, wird interessant zu beobachten sein - besonders, wenn die Entwicklung des Rivalen von der White Hart Lane und andernorts die gefürchteten Termine am Donnerstag Abend mit sich bringen sollte. Diesem Schicksal zu entgehen muss auch Pochettinos erste Priorität sein.

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01 2017 The Red Bulletin 

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