Raphael Honigstein über Carlo Ancelotti und die Sorgen beim FC Bayern

Armer Carlo Ancelotti!

Text: Raphael Honigstein
Foto: Getty Images/Montage

Der italienische Star-Trainer kann gute Ergebnisse vorweisen. Doch das ist in München zu wenig. Fußball-Experte Raphael Honigstein über die Kritik am Guardiola-Nachfolger und das Problem der Vermögenswahrung.
Raphael Honigstein
Raphael Honigstein

u.a. Fußball-Korrespondent bei „The Guardian“, Autor bei der „Süddeutschen Zeitung“ und seit 2016 Kolumnist bei „The Red Bulletin“
twitter.com/honigstein

Carlo Ancelotti hat in seiner Trainerlaufbahn schon viel erlebt. Beim AC Milan musste er sich die Aufstellung bisweilen von Klub-Boss Silvio Berlusconi diktieren lassen, zwei Stürmer waren Pflicht. In London fungierten ein, zwei Spieler als Augen und Ohren von Chelsea-Besitzer Roman Abramowitsch, nach empfindlichen Niederlagen verlangte der Russe dazu vor versammelter Mannschaft eine detaillierte Erklärung des Übungsleiters. Und als Trainer bei Paris St-Germain hatte “Carletto” die recht undankbare Aufgabe, eine konfus zusammengekaufte Startruppe zu einem funktionierenden Kollektiv zu machen.

Aber selbst der viel gereiste Super-Dickhäuter wird sich in diesen Tagen vielleicht wundern, wo er gelandet ist. In München ist er Erster mit sieben Punkten Abstand an der Tabelle, sein Team steht im Viertelfinale des DFB-Pokals und ist vor dem Achtelfinale der Champions League gegen Arsenal Favorit auf den Einzug in die nächste Runde. Und doch ist niemand so richtig glücklich mit ihm beim FC Bayern. Dem Klub, der sich jahrzehntelang “Siege um jeden Preis” auf die Fahnen schrieb, sind Siege plötzlich nicht mehr gut genug, es geht jetzt um die B-Note. Für den Geschmack vieler Fans spielt Ancelottis Team zu behäbig, ohne Überraschungsmoment - Verwaltungsfußball.

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Wie Gabriele Marcotti in seinem Artikel in der Times am Montag überzeugend darlegte, sprechen die nackten Zahlen eine etwas andere Sprache. Ancelottis Elf liegt in vielen relevanten Statistiken (expected goals, Ballbesitz, Passgenauigkeit) nach 20 Partien nahezu gleichauf mit Pep Guardiola zum gleichen Zeitpunkt in der Vorsaison.

Das ist umso interessanter wenn man bedenkt, dass Peps Bayern in der Hinrunde 2015/16 ihre statistisch gesehen besten Leistungen überhaupt abrufen konnten. Gleichzeitig lässt sich belegen, dass der (leichte) Qualitätsabfall bereits mit dem Kalenderjahr 2016 unter dem Katalanen einsetzte. Ancelotti hat so gesehen keine Verschlechterung gebracht, sondern lediglich das verringerte Niveau gehalten. Zahlreiche Leistungsträger sind schlichtweg älter geworden, ihr Output weniger verlässlich. Und Thomas Müller steckt in einer persönlichen Formkrise.

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An der Säbener Straße ist die Hoffnung groß, dass Ancelotti  - “Mr. Champions League”, wie Müller ihn neulich in einem Interview nannte - Kraft und Konzentration der Elf so geschickt dosiert, dass sie nun, in der heißen Phase der Saison, auf den Punkt genau ihr Potenzial abruft.

„Es geht gar nicht so sehr um Punkte, sondern ums Geld, um Vermögenswahrung und Vermögensbildung.“
Was beim FC Bayern zählt

 Doch selbst ein überzeugender Erfolg gegen Arsène Wengers Gunners würde das Raunen nicht gänzlich verstummen lassen. Die grundsätzlichen Bedenken gegenüber der entspannten Arbeitsweise des Italieners würden wohl bleiben, denn Siege und vereinzelt schöner Fußball reichen einem Verein wie dem FC Bayern nach den Erfahrungen mit Guardiola nicht mehr. Der Klub sehnt sich nach einem Übungsleiter, der aus dem teuren Kader das Maximum herausholt, nicht das Minimum.

Es geht dabei gar nicht so sehr um Punkte, sondern ums Geld, um Vermögenswahrung und Vermögensbildung: so rasant, wie sich der Transfermarkt entwickelt, kann sich der Klub streng genommen keinen Trainer leisten, der „Assets“ wie den 35-Milionen-Euro-Mann Renato Sanches nicht unter gezielter Anleitung weiter entwickelt oder darauf vertraut, dass Jungnationalspieler Joshua Kimmich, eines der größten Talente des deutschen Fußballs, die richtigen Lösungen auf dem Platz alleine findet. 

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Ancelotti on Renato Sanches: "I have never seen a player with this much power. We all have a lot of faith in him." #UCL

Ancelottis passiver Führungsstil ist dauerhaft schwer mit den Notwendigkeiten des globalisierten Fußballs vereinbar; die Belegschaft ist zu teuer geworden, um sie sich weitgehend selbst zu überlassen. Mannschaften und Spieler brauchen Konzepte, Ideen, Methoden, die aus ihnen mehr machen als die Summe ihrer Einzelteile, ständige Veränderung und kontinuierlichen Fortschritt, um gegenüber der ähnlich finanzkräftigen Konkurrenz nicht an Boden zu verlieren.

Ancelotti wird bald merken, dass Ergebnisse nicht mehr das einzig entscheidende Kriterium sind. Nicht mal beim FC Bayern, dem Rekordmeister des Ergebnisfußballs. 

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02 2017 The Red Bulletin

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