Javier Sotomayor

Höher springen

Text: Werner Jessner und Arek Piatek
Illustrationen: Alex Williamson

 …als Javier Sotomayor - wenn auch nur ein wenig. Im Hochsprung sind wir fast am Plafond.

Warum ist der Hochsprung­rekord des Kubaners Javier Sotomayor seit nunmehr 22 Jahren ungebrochen? Die Frage lässt seit einer Generation die Köpfe von Sportwissenschaftlern rauchen.

Sotomayors Technik (galoppierender Anlauf mit Riesen­schritten, präzise getimter Absprung, beid­armiger Armschwung) war nicht nur unnachahmlich, sondern auf ihre seltsame Art wohl auch perfekt. Nur: Kann, ja soll man seine Technik bei einer Rekordjagd überhaupt kopieren? Und: War sie wirklich perfekt?

Die Wissenschaft kann diese Fragen nach wie vor nicht beantworten. Denn: Eine Vielzahl ­technischer Feinheiten addiert, multipliziert, überlagert sich beim Hochsprung, darunter Schritt­länge, Kniewinkel, Schwerpunkt, Anlaufrichtung, Beinschwung und Armschwung, Körperneigung, Drehimpuls, Lattenüberquerung – alles dosierbar, alles variierbar.

Hochsprung

Aktueller Weltrekord: 2,45 Meter
(Javier Sotomayor, 1993)
Prognostiziert: 2,50 Meter

 Aus diesem Baukasten – und ein paar Unbekannten, die man als Athlet wohl nur erfühlen kann – gilt es, die 2,45-Meter-Weltrekord-Zauberformel zu generieren.

Zwei Jungstars arbeiten intensiv daran. Der Ukrainer Bohdan Bondarenko (Bestleistung: 2,42 Meter) und der katarische Ausnahme-Hochspringer Mutaz Essa Barshim (Bestleistung: 2,43 Meter; Porträt: weiter unten). Rekordinhaber ­Sotomayor traut speziell Barshim einen neuen Weltrekord zu. Und Barshim selbst? „Es braucht den perfekten Tag. Aber ich weiß: Der wird bald kommen.“

„Ich habe ­vorausgesagt, dass man irgendwann die 2,50-Meter-Marke überspringen wird.“
Dick Fosbury

Davon ist auch Dick Fosbury, 68, überzeugt, seines Zeichens Goldmedaillengewinner bei den Olympischen Spielen 1968 und ­Erfinder des Fosbury-Flops, der den Hochsprung revolutionierte: „Nach meiner Karriere hab ich ­vorausgesagt, dass man irgendwann die 2,50-Meter-Marke überspringen wird. Und heute denke ich, ich werde das sogar noch er­leben.“

Ob die 2,50 Meter bereits das Ende der Fahnenstange sind? Gut möglich. In dieser speziellen Disziplin scheint die Menschheit bereits sehr knapp am absoluten Limit zu sein.

Mutaz Essa Barshim beim Training
„Nicht perfekt“
Der Katarer Mutaz Essa Barshim, 24, will den Rekord auf seine Art brechen.

Seit er sechzehn ist, konzentriert sich Mutaz Essa Barshim auf den Hochsprung. Seither will er Javier Sotomayors mittlerweile 22 Jahre alten Weltrekord knacken. Athletisch trennen die beiden Welten: „Er war ein muskulöser Typ, ich hingegen bin schlank und beweglich.“ Den Kubaner zu kopieren brächte nichts: „Ich kann mich nicht erinnern, wann ich seinen Sprung zum letzten Mal auf YouTube angeschaut habe.“

Seit seiner Bestmarke von 2,43 Metern weiß Barshim, dass der Rekord in Reichweite liegt. Nun hat er sein Training im Detail angepasst, „vor ­allem den Laufstil. Tempo ist die Basis für alles.“

Hochsprung steht nur zweimal pro Woche am Trainingsplan: Je zehn Versuche, sagt Barshim, mehr seien wegen der hohen Intensität nicht sinnvoll. Selbst wenn dabei modernes Equipment wie Zeitlupenkameras zum Einsatz kommt: „Damit kannst du nur kleine Fehler korrigieren und ­Details verbessern. Am Ende ist Hochsprung eine Kunstform. Für einen ­guten Sprung musst du in dich hineinhören und in deiner eigenen Welt sein.“

 

„Für einen ­guten Sprung musst du in dich hineinhören und in deiner eigenen Welt sein.“
Mutaz Essa Barshim

Nicht jeder Tag sei dabei wie der andere: „Unsere Höhen sind schon wirklich extrem. Ein wenig verrückt zu sein hilft. An manchen Tagen klappt es einfach, an anderen nicht. Die mentale Komponente spielt eine große Rolle.“ Diese spielt selbst in die Ernährung hinein: „In der Vorbereitungszeit esse ich sehr viel, vor den Wettkämpfen versuche ich, Gewicht zu verlieren. Als Muslim bin ich gewohnt zu fasten. Das erleichtert mir die Vorbereitung.“

Zu wissen, mit Bohdan Bondarenko einen starken Gegner zu haben, motiviert ebenso wie die Unterstützung von Sotomayor selbst: „Er hat gesagt, dass ich seinen Rekord brechen kann. Und dass sein Sprung nicht perfekt war.“

Fazit

Mutaz Essa Barshim und sein ukrainischer Konkurrent Bohdan Bondarenko sind so knapp am Rekord wie schon lange niemand. Sollten sie scheitern, könnte Sotomayors Bestleistung durchaus noch länger bestehen.

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08 2015 The Red Bulletin

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