Sebastian Steudtner - Deutschlands bester Big-Wave-Surfer

Sebastian Steudtner und sein beeindruckender Weg zum Big-Wave-Surfer

Text: Stefan Wagner
Fotos: Greg Funnell

Die Geschichte des deutschen Big-Wave-Surfers Sebastian Steudtner ist ein Lehrstück über die wundersame Wirkung von Leidenschaft, Trotz und Unvernunft. Notizen aus dem Leben von einem, der sich nicht abschütteln lässt.

Für Sebastian Steudtner fällt der Heilige Abend 2015 auf den 17. November. Ort der Bescherung ist der Hafen von Nazaré, 15.000 Einwohner, 100 Kilometer nördlich von Lissabon. Ein paar schlingernde Grad über null, beißender Wind vom Atlantik, kehliges Möwengekreisch, Geruch von Fischernetzen und Diesel. In der Rolle des Weihnachtsmanns: ein kettenrauchender osteuropäischer LKW-Fahrer mit unvorteilhaft losem Hosenbund. 

Weihnachten deshalb, weil an diesem Abend der Jet-Ski geliefert wird, funkelnd rot, verpackt in Styropor und Plastikfolie, verschraubt und verzurrt in einem Holzverschlag.

„Nach dem Tuning wird er 350 PS haben, bei 360 Kilo, macht 140 km/h Spitze“, sagt Sebastian Steudtner, blond, scharfer Blick, athletisch, drahtig. „Übliche Jet-Skis haben 200 PS, vielleicht 250. Er wird mir neue Dimensionen öffnen.“


Lies weiter und erfahre …

  • was Steudtner mit einem kongolesischen Skifahrer verbindet
  • mit welchen Argumenten man Eltern überzeugen kann 
  • wieso sich Wellen nie bezwingen lassen

  • wie man ohne großes Team der Beste wird
  • warum ein Auftritt bei Stefan Raab nicht glücklich macht
  • welche Kraft man aus Existenzängsten schöpfen kann
Sebastian Steudtner bekommt seinen Jet-Ski geliefert

Weihnachtsabend im November: „Dieser Jet-Ski eröffnet mir neue Dimensionen.“

Sebastian Steudtner ist einer der besten Big-Wave-Surfer der Welt und Deutscher. Das ist ungefähr so wie: einer der besten Skirennläufer der Welt und Kongolese. „Ich bin wie das jamaikanische Olympia-Bob-Team“, sagt er. „Mit einem Unterschied: Ich gewinne.“

Steudtner kam 1985 in Nürnberg zur Welt, auf halber Strecke zwischen Nordsee und Adria. Ein etwas missglückter Gag des Schicksals, denn Steudtners Gene haben wohl was Amphibisches. Mit einem Jahr, er konnte kaum laufen, trappelte er im Freibad zum Schwimmbecken, sprang hinein und brüllte vor Zorn, als ihn der Vater herauszog.

Mit neun kaufte er beim Badeurlaub in Frankreich ein Bodyboard aus Schaumstoff. Üblicherweise hält man sich irgendwie auf so einem Ding, wenn man sich bäuchlings drauflegt und festklammert. Steudtner warf das Brett ins Wasser und stellte sich drauf. Er wurde Windsurfer und beschloss mit dreizehn, nichts anderes im Leben mehr machen zu wollen. Also: Schule beenden, nach Hawaii gehen, Profi werden. Seine Eltern bezweifelten die Erstklassigkeit der Idee.

„Ich bin wie das jamaikanische Bob-Team. Mit einem Unterschied: Ich gewinne.“
Sebastian Steudtner, Big-Wave-Surfer
Sebastian-Steudtner lässt sich vom Jet-Ski in die Wellen ziehen

An der Leine: Wellen von der Größe mehrstöckiger Häuser können Surfer nicht mehr anpaddeln. Sie müssen sich von Jet-Skis hineinziehen lassen.

„Ich habe dann meinen Vater gefragt: ‚Was ist dein Gegenargument?‘ Er hat gesagt: ‚Du kannst dir ja nicht mal das Ticket für den Flug nach Hawaii leisten.‘ Also hab ich gejobbt. Als ich das Geld beisammenhatte, habe ich es auf den Küchentisch gelegt und gesagt: ‚Okay, Papa. Nächstes Argument?‘“

Mit vierzehn präsentierte er dem Vater einen Businessplan. Mit sechzehn hatte er alle Gegenargumente abgearbeitet und unterstützte die Eltern in der Endphase der Entscheidungsfindung durch Verweigerung der Teilhabe an Schul- und Familienleben.

Sie brachten ihn dann sogar zum Flughafen, als er allein in die USA flog, ausgestattet mit dem Rüstzeug der Erfahrung der Nürnberger Reviere Brombachspeicher und Rothsee und der Gewissheit, bald zur Weltklasse im Windsurfen zu gehören.

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Big Wave Surfer and Mercedes-Benz Brand Ambassador Sebastian Steudtner sometimes has to wait years for the perfect wave, so he needs to be in top shape throughout the whole year. Learn more about the daily training sessions that allow him to surf at the limit.

„Wasser ist Freiheit und Frieden. Im Wasser habe ich keine Angst, keine Sorgen. Ich bin vollständig. Ich kann mich bewegen, wie ich will. Ich kann umsetzen, was ich denke. Ich bin frei.“

Was ist das für ein Gefühl, eine Welle zu bezwingen, die mehr als 20 Meter hoch ist? Die die Kraft hat, Surfbretter und Gliedmaßen wie ungekochte Suppennudeln zu knicken?

„Ich mag nicht, wenn jemand sagt, er hat eine Welle bezwungen. Ein Mensch kann keine Welle bezwingen. Du kannst dir höchstens die Fähigkeit antrainieren, eine bestimmte Zeit lang teilhaben zu dürfen an der Macht der Natur. Menschen können böse sein. Die Natur nie.“

„Wasser ist Freiheit und Frieden. Im Wasser habe ich keine Angst, keine Sorgen. Ich bin vollständig.“

Steudtner war 16 und am Ziel. Hawaii. Windsurfen. Aber was nach Ziel aussah, war ein Anfang. Und nicht einmal ein guter. „Ernsthaft betrachtet konnte ich nicht windsurfen.“ 

Steudtners Reaktion: Er verbrachte noch mehr noch intensivere Zeit im Wasser. „Nach zwei Monaten konnte ich Manöver, für die talentierte Leute zehn Jahre brauchen.“ Kleinen Artikeln in Fachmagazinen folgten kleine Deals mit Sponsoren, größeren Artikeln größere Deals. Erstaunlich bald konnte er tatsächlich vom Windsurfen leben: Exot, Nobody, Shooting-Star, solche Plots funktionieren.

Steudtner spielte aber in dieser Situation sein besonderes Talent aus, den Versuchungen der Vernunft zu widerstehen. „Die ganze Politik, auf Partys abzuhängen mit wichtigen Leuten, das war nicht meins. Ich bin lieber früh ins Bett und am nächsten Morgen früh aufs Wasser. Ich liebte das Windsurfen, aber die Szene fand ich zum Kotzen. Und ich bin einer, der Dinge ganz direkt sagt, die ihm nicht passen. Das verstört viele Leute.“

Sebastian Steudtner mit seinem Surfbrett

Er finanzierte sich das Surfen als Bauarbeiter. Machte Schulden. Aufgeben? „Nie ein Gedanke.“

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Der erste Kontakt mit Big-Wave-Surfen dann auf Maui. „Jaws. Ich war sofort fasziniert. Ich sah diese riesigen Wellen, diese Leute, Laird Hamilton, ein Hüne, muskelbepackt. Einfach geil. Ich dachte, ich als halbes Hemd hätte da keine Chance.

Dann stellte mich ein Kumpel den hawaiianischen Big-Wave-Surfern vor: Da ist ein Deutscher, der will große Wellen surfen. Einer nahm mich mit dem Jet-Ski mit in die Wellen. Steckte mich in eine Rettungsweste, sagte: Spring. Und fuhr weg. Es hat mich natürlich völlig zerrissen in den Wellen. Ich dachte: ‚Was ist das für ein Arschloch?‘ Dann kam er zu mir, grinste und sagte: ‚Willst du immer noch Big-Wave-Surfer werden?‘ So begann unsere Freundschaft.“

Der einflussreiche hawaiianische Armitage-Clan wurde zu Steudtners zweiter Familie, Sohn Nelson zu einer Art Bruder. „Ein Jahr später habe ich das erste Mal die großen Wellen in Jaws gesurft.“ Steudtner war achtzehn und wieder am Ziel. Hawaii. Big-Wave-Surfer. 

Aber was nach Ziel aussah, war wieder nur ein schlechter Anfang. Standing und Sponsoren vom Windsurfen waren weg. Steudtner war pleite, verdiente sich seinen Lebenserhalt als Bauarbeiter. Von 2004 bis 2008 betonierte er täglich von sechs Uhr früh bis sechs Uhr abends Schwimmbäder und surfte nach Feierabend.

Im Sommer flog er nach Deutschland, um Sponsoren zu suchen. Im Herbst kehrte er ohne Sponsoren zurück, um Schwimmbäder zu betonieren. Aufgeben? „Nie ein Gedanke.“

Sebastian ist immer auf der Suche nach der höchsten Welle.

© SID // youtube

In der Weltklasse des Big-Wave-Surfens entscheiden nicht zuletzt Logistik, Organisation, Teamwork. Spezialisierte Meteorologen berechnen auf mehreren Kontinenten simultan die Chancen auf große Wellen. Die Superstars der Szene, Helden in ihren Heimatländern USA, Australien, Südafrika oder Brasilien, leben standby und jagen die größten Wellen in First-Class-Sitzen, begleitet von eigenen Betreuerteams. Vor Ort warten vollgetankte Jet-Skis, behördliche Genehmigungen und eine Rettungskette.

Steudtner hatte für das gesamte Jahr 2009 20.000 Euro zusammengekratzt, für Essen, Wohnen, Reisen, Surfen. Sein Meteorologe war eine Wetter-App auf dem Handy. Er war sein eigenes Reisebüro, sein Teammanager, sein Pressesprecher. 

Dennoch ritt er die größte Welle des Jahres, 20,1 Meter in Jaws auf Maui. 2010 erhielt er dafür den Big Wave Award. Das ist so, als würde jemand mit einem Handyvideo den Oscar gewinnen. Als Amerikaner wäre Steudtner jetzt reich gewesen. Als Deutscher war er pleite. Aber er hatte nun die Chance, daheim einen Sport zu vermarkten, den keiner verstand.

Sebastian Steudtner in Nazare, Portugal

Die Küste, die Witwen macht: Bei Nazaré, zwei Autostunden nördlich von Lissabon, knallt der Atlantik in bis zu 30 Meter hohen Wellen gegen die Küste. Die Strömung wird durch einen Canyon am Meeresgrund beschleunigt wie die Kugel im Lauf eines Gewehrs, das macht sie so gefährlich für Fischer, Urlauber und Surfer. 

„Ich saß in der MTV-Show bei Joko und Klaas. Die haben einen auf lustig gemacht, ich fragte mich die ganze Zeit nur: ‚Was mach ich hier eigentlich? Ich gehöre ins Wasser, auf die Welle.‘

Danach ging es zu Stefan Raab zur Aufzeichnung. Dann raste ich zu einem Kunden, ich jobbte damals als Türsteher. Als die Raab-Sendung ausgestrahlt wurde, stand ich an der Tür. Die Leute sagten: ‚Ey, krass, dich hab ich grad bei Stefan Raab gesehen.‘ 

Es war eine fürchterliche Zeit. Ich war wütend und verzweifelt. Ich wusste, ich war einer der Besten in der Königsdisziplin des Surfens. Aber ich war Deutscher. Ich hatte Schulden und keine Ahnung, wie ich die jemals zurückzahlen sollte.“ Aufgeben? „Nie ein Gedanke.“

Sebastian Steudtner bei -10 Grad im Wasser

Sebastian Steudtner, 31, im portugiesischen Nazaré. Big-Wave-Saison ist im Winter, Wassertemperatur kaum über zehn Grad.

Große Wellen wiegen mehrere hunderttausend Tonnen. Auf ihnen zu surfen fühlt sich an, wie mit dem Snowboard eine Lawine zu reiten. Wen eine Monsterwelle in die Tiefe reißt, den hält sie dort fest, 20, 30 Meter unter der Oberfläche, minutenlang.

„Wie ein Tennisball in der Waschmaschine“ wird man herumgeworfen, sagt Steudtner. „Man kann sich nur klein machen und die Luft anhalten. Entspannt bleiben. Und hoffen, dass man nicht gegen den Meeresgrund oder ein Riff geschleudert wird.“

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Steudtner hat gelernt, die Luft anzuhalten, bis er das Bewusstsein verliert. Das sind rund sechs Minuten. Wenn ihn die Wellen länger unten halten, wenn ihn sein Jet-Ski-Fahrer nicht rechtzeitig aus dem Wasser ziehen kann, säuft er ab.

Steudtner hält Surfen aber nicht für besonders riskant, „solange man seine Hausaufgaben gemacht hat“. Einzige ernsthafte Verletzung war der Riss einer Sehne in der linken Schulter. Kein Wipe-out, wie ein Sturz in der Fachsprache heißt. „Es ist eine Welle auf mich gefallen. Die ganze linke Körperseite war geprellt.“

Sebastian Steudtner trocknet sich nach einem erfolgreichem Surfgang in den Wellen

Trotz des Risikos, zu ertrinken, hält Steudtner Surfen nicht für besonders riskant. Er hatte auch erst eine ernsthafte Verletzung.

Steudtner hielt sich als Türsteher über Wasser und sprach vor Managern darüber, wie man auch in schwierigen Phasen motiviert bleibt. Im Herbst 2014 kamen 37.000 Euro dazu, er hatte es mit einem Crowdfunding-Projekt versucht.

Das Geld investierte er in Equipment und Logistik in seinem wichtigsten Revier Nazaré. Wenige Wochen später ritt er hier die größte Welle, die in diesem Jahr weltweit geritten wurde. Die brachte ihm 2015 zum zweiten Mal den XXL Big Wave Award.

Offiziell wurden 21,6 Meter gemessen, der Weltrekord des Amerikaners Garrett McNamara lag seit 2011 bei 24 Metern. Steudtner hätte dessen Weltrekord gebrochen, aber die Messmethode wurde just zu diesem Zeitpunkt geändert. „Die Surf-Szene ist eben amerikanisch“, sagt er.

Bis zu 20 Meter hohe Wellen sind kein Problem für den Big Wave Award-Gewinner. Angst um sein Leben? Für ihn ist das nicht gefährlicher als Autofahren.

© BR24 // Youtube

Wichtiger aber als die Diskussion über den Weltrekord: Diesmal sprang der Funke in Deutschland über.

Steudtner konnte sich und seinen Sport ernsthafter präsentieren als beim ersten Mal, erhielt Auszeichnungen, gewann Mercedes als Sponsor, wurde Laureus-Botschafter. Er konnte als Dreißigjähriger erstmals im Leben auf halbwegs tragfähiger wirtschaftlicher Basis seinen Sport betreiben, zumindest ohne Existenzängste.

„Jetzt beginnt ein neues Leben für mich“, sagt er. Dreißig ist für einen Surfer kein wirkliches Alter, man kann bis in die hohen Vierziger auf Top-Niveau surfen. Eigentlich hätte Sebastian Steudtner also jetzt Zeit, die neue Situation zu genießen. „Aber ich habe keine Zeit.“ Er lässt Sand durch die Finger rieseln. „Ich sitze seit 17 Jahren auf heißen Kohlen.“

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09 2016 The Red Bulletin

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