Sébastien Buemis Erfolgsrezept

Sébastien Buemi: Mit Distanz zum Erfolg

Text: Werner Jessner
Foto: lukas Maeder

Sein Traum vom Sieg bei den 24 Stunden von Le Mans zerbarst nach 23 Stunden und 56 Minuten. Eine Woche später holte er den Gesamtsieg in der Formula E – weil die Enttäuschung ihn gelehrt hatte, lockerzulassen.

Es war das wohl ­dramatischste Finish, seit die 24 Stunden von Le Mans im Jahr 1923 erstmals aus­getragen wurden: Nicht einmal zwei Runden vor Schluss blieb der überlegen ­führende Toyota von Buemi/Davidson/Nakajima liegen. Selbst die Gegner trösteten ­danach die am Boden zerstörte Mannschaft.

Eine Woche später holte sich derselbe Sébastien Buemi in einem Wahnsinns­finish den Formula-E-Gesamtsieg. „Ohne das Drama von Le Mans hätte ich das wahrscheinlich nicht geschafft“, sagt er heute.


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SÉBASTIEN BUEMI: Wie willst du das ausgleichen, was in Le Mans passiert ist? Selbst wenn ich das Rennen noch fünfmal gewinnen sollte, wird die Wunde bleiben.

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„Mein Geheimnis: Sei locker, wenn es hart wird“
Sébastien Buemi, 28

Was tat am meisten weh?

Zu erkennen, dass all die Zeit, die wir von Jänner weg investierten, die 17.000 Testkilometer, die 1000 Reifen, all der Aufwand vergebens waren. Zu erkennen, wie viel es braucht, um überhaupt in die Lage zu kommen, Le Mans zu gewinnen: Das Auto, das Team, Glück, den richtigen Rennverlauf. Und dann implodiert der Traum eineinhalb Runden vor dem Ende.

Woran dachtest du beim Einschlafen nach Le Mans?

Motorsport war mir unendlich egal. So egal wie noch nie in meinem Leben. Ich habe meiner Familie sogar verboten, über das Rennen zu sprechen.

Wie hast du die Ent­täuschung weggesteckt?

Ich habe einen Sohn, Jules, er ist noch kein Jahr alt. Bei meiner Heimkehr hat er mich angeschaut. Da habe ich das echte Leben gesehen. Davor agierte ich ausschließlich als Pilot. Die Box, die Strecke, das Rennen: Das ist dein ­Leben, und du denkst, nur darum geht es. Aber das stimmt nicht. Das ist mir in diesem Moment, als ich in Jules’ Augen geblickt habe, klar geworden.

Distanz als Erfolgs­geheimnis?

Das ist für einen Athleten das Schwerste: alles zu geben und trotzdem zu lächeln, wenn es nicht gereicht hat. Selbst in harten Stunden das große Bild zu sehen.

24 Hours of Le Mans, Circuit de la Sarthe

Sébastien Buemi in seinem Toyota bei den 24 Stunden von Le Mans

© Dutch Photo Agency/Red Bull Content Pool

Die Entscheidung in der Formula-E-Saison 2015/16 war an Dramatik unüberbiet­bar: 

Buemis letzter verbliebener Gegner Lucas di Grassi rammte ihn absichtlich von der Strecke, damit war der Titel quasi weg. Immerhin war das Auto intakt.

Einzige Chance: die schnellste Rennrunde drehen und mit den dafür vergebenen Extrapunkten doch noch den Titel an Land ziehen. Di Grassi wusste das und blockierte den Westschweizer auf der Strecke. Da ließ sich Buemi absichtlich zurückfallen, bis er Letzter war und freie Bahn hatte – und knallte jene Rekordrunde hin, die ihm den Titel brachte.

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Schwierig, oder? Bei all diesen Emotionen cool zu bleiben und punktgenau abzuliefern.

Die Rekordrunde war meine letzte Chance. Alles andere durfte mich nicht mehr interessieren. Als es knallte, dachte ich: „Ich bin wirklich der Pechvogel vom Dienst.“ Aber schon im nächsten Moment war mir klar, dass nichts so schlimm sein würde wie der Ausfall in Le Mans.

Mit welcher Einstellung bist du ins Rennen gegangen?

Völlig locker. Sollte ich den Titel nicht holen, ginge die Welt auch nicht unter. Ich würde einfach mein Bestes geben, und wenn es reichen sollte: fein. Wenn nicht, geht am nächsten Morgen trotzdem die Sonne auf. Das war das Gute an der Woche nach Le Mans.

Dass du lockerer wurdest?

Ja. Ich weiß nicht, ob ich dem Druck sonst standgehalten hätte. Vor dem Rennen nahm mich mein Teamchef Alain Prost, dem 1984 ein halber Punkt zum Formel‑1-­WM-­Titel (den Niki Lauda gewann; Anm.) gefehlt hatte, zur Seite und sagte: „Genieß den Moment! Du bist einer von zwei Fahrern, die beim letzten Rennen noch die Chance haben, Meister zu werden. Das ist es doch, ­warum man diesen Sport ausübt.“ Vor Le Mans hätte ich über diese Aussage den Kopf geschüttelt. Nun verstand ich ihn und erkannte diese positive Energie.

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02 2017 The Red Bulletin

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