Stefan Glowacz' Abenteuer auf Baffin Island

Die Vergrößerung der Welt:
Stefan Glowacz und sein Abenteuer auf Baffin Island

Text: Werner Jessner
Fotos: Klaus Fengler

In einer Zeit, in der du binnen 24 Stunden jeden beliebigen Punkt auf der Erde erreichen kannst, liegt das Abenteuer in der bewussten Entschleunigung, findet Stefan Glowacz und geht zu Fuß durch Baffin Island an die Wand, in die er sich verliebt hat.

Allein steht er da, seine Form erinnert an El Capitán im Yosemite-Nationalpark, Standard-Desktop-Bild auf Millionen von Apple-Computern. The Turret erhebt sich 800 Meter über das Wasser eines Fjords auf Baffin Island am Ende der Welt. Die majestätische Westwand wurde 1987 von vier Schweizern erstbestiegen – auf einer Route, die Kletter-Legende Stefan Glowacz ­„ästhetisch und logisch“ nennt. Beinahe 24 Stunden würde die reine Kletterei in Anspruch nehmen, so die Kalkulation, einsamer Höhepunkt der Expedition.

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Aus Respekt vor der Großartigkeit dieser Welt sollten auch An- und Abmarsch zum Berg komplett ohne technische Hilfen passieren. Das bedeutet: Alles, was man zum Überleben braucht – und es gibt unzählige Arten, Baffin Island nicht zu überleben –, muss in einem eigens konstruierten Carbonschlitten ausschließlich mit Menschenkraft einen Monat lang über Stein und Scholle, durch Furten und Rinnen gezogen werden.

Hinter dem 900-Seelen-Dorf Clyde River, Ausgangspunkt der Expedition, beginnt das Nichts. Keine Wege mehr, nur noch Eiswüste und tagelang ein weiter Horizont. Unliebsame Gesellschaft kommt einzig von streunenden Eisbären. Ohne Waffe und Munition unterwegs­ zu sein wäre fahrlässig: Beinahe täglich gab es Kontakt.

Endlich in der Wand, trifft bereits nach wenigen Stunden Kletterei ein fallender Stein Stefans Hand. Das Unternehmen steht an der Kippe, doch er beißt sich durch. Nach 20 Stunden steht er auf dem Turret (deutsch: Gefechtsturm). Zeit zum Verschnaufen bleibt nicht: Das Tauwetter hat bereits eingesetzt, jeder Tag Verzug macht das Unternehmen noch gefährlicher. Das nächste menschliche Lebewesen ist 15 Tagesmärsche entfernt.

„Aufbruch soll man als Bereicherung verstehen, nicht als Bedrohung.“
Stefan Glowacz, Abenteurer

Stefan Glowacz par Klaus Fengler

THE RED BULLETIN: Was hast du eigentlich gegen Snowmobile oder Hubschrauber?

STEFAN GLOWACZ: Früher waren die Menschen zu Fuß unterwegs, weil es nicht anders ging. Heute haben wir die Möglichkeit, uns an jedem beliebigen Punkt absetzen zu lassen, wenn wir die finanziellen Mittel und die Logistik dafür haben. Da müssen wir uns die Frage stellen, wie wir das Abenteurertum definieren. Ich für meinen Teil definiere es so, dass ich versuche, die technischen Hilfsmittel auf ein Minimum zu reduzieren, und mich auf meine Erfahrung, mein Können und meine mentale Stärke konzentriere. Alles andere wird beliebig.

Weil Abenteuer im Kopf entstehen?

Genau das ist das Schöne am Bergsteigen: Jeder kann es auf seine Art machen. Es gibt kein absolutes Richtig oder Falsch, bloß ein subjektives. Für mich fühlt es sich eben richtig an, zu Fuß durch eine Region zu gehen, um mein Ziel zu er­reichen, mich langsam anzunähern, an­statt bloß eine Wand zu klettern – egal wie schön sie sein mag.

Traineaux, rickshaws, sac à dos…

Schlitten, Rikscha, Rucksack: wie man seine Habseligkeiten durch absolute Weglosigkeit transportiert

Moment: Du kommst aus der Sportkletter-Szene und warst jahrelang einer ihrer großen Stars …

Pure Geschwindigkeit war für mich nie das Kriterium. Mir ging es immer um die Ästhetik der Linie und die Heraus­forderung. Eine Wand, ein Berg muss mich begeistern. The Turret siehst du, und du weißt, du musst da rauf. 

Warum spricht Baffin Island so zu dir?

Zum einen faszinieren mich kalte Regio­nen mehr als der Dschungel. Die Hitze dort, alles, was du anlangst, ist stachelig und giftig: nicht so mein Ding. In Baffin, Grönland oder der Antarktis sind die Felsformationen vom Gletscher geschliffen. So was findest du sonst nirgends. Wände auf Baffin Island sind einfach schön zu klettern, und The Turret ist eine Formation, in die du dich schon rein optisch verliebst.

Bitte beschreibe den Moment, in dem du in die Wildnis aufbrichst und klar ist, dass es ab jetzt keinen einfachen Weg mehr raus gibt.

Die Spuren werden weniger, es gibt keine Häuser und Wege mehr. Das ist auf der einen Seite ein sehr erhabenes Gefühl, weil ich es immer noch als großes Privileg erachte, das machen zu können: bewusst aufzubrechen und dann wieder heimzukommen. Das zweite Gefühl ist die Freude, dass es endlich losgeht, in Verbindung mit der Unsicherheit, ob alles gutgehen wird, ob ich tatsächlich alles bedacht habe. Die Vorbereitung auf diese Expedition hat ­immerhin ein Jahr gedauert.

Wie waren die ersten Tage unterwegs?

Man gestaltet den Tag, bringt ganz unbewusst Struktur rein. Am Abend baut einer die Zelte auf, der andere pumpt die Matten auf, der dritte stellt den Eisbären-Warnzaun auf. Dieses blinde Agreement ergibt sich ganz beiläufig, ohne viele ­Worte. Man etabliert Routinen.

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„Es gehört zu meinem Lebensgefühl, die Freiheit zu haben, aufbrechen zum können.“

Man ist auf einer Expedition, erfüllt sich einen riesigen Traum, auf den man ein Jahr lang hingearbeitet hat, und das Erste, was man unterwegs macht, ist: „Man etabliert Routinen.“?

Das steckt ganz tief im Menschen drin: Wenn du nur das große Ganze siehst, verzweifelst du. Auf Baffin Island siehst du irgendwo ganz hinten eine Felsformation und weißt, dass du sie erst in Tagen erreichen wirst. Zu Hause siehst du einen Berg und weißt, mit dem Auto bist du in sieben Minuten dort. Die Definition von Weite bekommt eine Bedeutung, wenn du dir jeden einzelnen Schritt erarbeiten musst. Dann brauchst du diese Routine-Abläufe. In dieser Routine denkst du ständig, aber nicht strukturiert. Der Geist beginnt zu wandern, und du entschleunigst dich – weil du das Langsame nicht mehr ­gewohnt bist. Du kriegst einen Spiegel vorgehalten, wie wir im Alltag so ticken.

Le camp de base

Wo das Abenteuer wohnt: Alles, was du brauchst, musst du selbst mitnehmen. Also denk vorher gut nach, was du wirklich benötigst.

O.K., der Mensch braucht also Routinen.

Ja, und ein Ziel. Jetzt wird es philo­sophisch. Wir sind ja immer auf der Suche nach einem großen Ziel. Sind wir auf der Welt, um uns zu vermehren, und das war’s schon? Vielleicht ist es tatsächlich so banal.

Le Turret

The Turret: ein Anblick, der dich nicht mehr loslässt, wenn du erst einmal einen Narren an der Wand gefressen hast

Die Erfüllung aber findest du, indem du dich von einem Zwischenziel zum nächsten hantelst. Bei einer Expedition wie meiner ist das meist ganz einfach das nächste Biwak, das Basislager, endlich an der Wand zu sein. Ich glaube, der Mensch wäre gar nicht lebensfähig ohne diese Krücken und Zwischenziele, die er sich steckt.

Manche fürchten sich auch vor der ­großen leeren Fläche.

Genau. Das ist der Moment, wo wir Orientierungspunkte suchen. Ein GPS-Punkt ist mehr als Zahlen auf dem Display. Es ist ein tatsächlicher, konkreter Fleck auf der Erde. Das kann Eis sein, Fels, ein Gipfel, ein Sehnsuchtsort. Schwieriger wird es bei Wasser, am Ozean: Bewegte Masse ohne Fixpunkte, und du musst darauf vertrauen, dass es am anderen Ende wieder etwas Festes gibt. Es muss unglaublich gewesen sein für die Leute früher, die mit dem Boot losgezogen sind und nicht wussten, was da kommt und ob da überhaupt was kommt. Heute können wir das – zumindest abstrakt – antizipieren und werden nicht mehr überrascht. Das nimmt viel von der Mystik des Entdeckertums. Du kannst heute nichts Absolutes mehr entdecken, nur für dich selbst.

„Eine Wand, ein Berg muss mich begeistern. The Turret siehst du, und du weißt, du musst da rauf.“ 

Und wie?

Geschwindigkeit rauszunehmen ist ein gutes Mittel. Eine Blumenwiese sieht aus dem fahrenden Auto anders aus, als wenn ich sie zu Fuß entlanggehe. Zu Hause trainiere ich viel mit dem Rennrad und benutze dafür Seitenstraßen und Umwege. Wege, die ich mit dem Auto nie befahren würde, weil du mit dem Auto immer den schnellsten Weg nehmen willst. Auf Umwegen nimmst du die Welt ganz anders wahr und siehst Dinge, die du aus dem Auto niemals sehen würdest. Das ist auch der Sinn dahinter. Gehst du zu Fuß durch Regionen, in die du eigentlich nicht gehörst, wo du nur Gast sein darfst, stellt sich dieses Gefühl noch viel stärker ein. 

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Science-Fiction lebt doch von dieser Idee: Ich breche auf und weiß nicht, was mich erwartet.

Genau. Das gilt auch für Abenteuer- und Entdeckerromane. Was die einen als bedrohlich empfinden, macht die anderen neugierig. Wenn du dich darauf einlässt, kann aus dem Neuen unglaubliche Erfüllung entstehen. Wäre ich je gestartet, wenn ich gewusst hätte, was mich in Baffin Island erwartet? Die Antwort ist nein, weil die Neugier ja schon befriedigt gewesen wäre.

En Terre de Baffin

Die Schlitten wurden so konstruiert, dass sie auch als Flöße funktionierten.

Was sagst du Zauderern?

Ich möchte dazu inspirieren, neue Hori­zonte zu entdecken, die Komfortzone zu verlassen, aus dem Auto auszusteigen und sich den Schlitten umzuschnallen. Es muss ja nicht gleich eine Eiswüste sein, die nächste Blumenwiese reicht. Man soll seine gewohnte Umgebung verlassen, um mehr über seine Umwelt und sich selbst zu erfahren. Aufbruch soll man als Bereicherung verstehen, nicht als Bedrohung.

Der Allzweck-Schlitten

Dazu braucht es aber Selbstvertrauen.

Das baust du dir von Aufbruch zu Aufbruch auf. In meinem Bekanntenkreis gibt es Mädels, die wochenlang allein durch Südamerika oder Asien reisen. Ich würde mich das an ihrer Stelle nicht trauen! Aber die machen es einfach. Die Grenze zwischen Abenteuer und Fahrlässigkeit muss jeder für sich ziehen.

Woher kommt deine Liebe zum Aufbruch?

Vermutlich von meinen Eltern. Wir sind jedes Wochenende zum Bergsteigen aufgebrochen. Dieses Abenteuer habe ich immer sehr genossen. Der Lebenstraum meines Vaters war, sich einen VW Bus zu kaufen und einfach loszuziehen. Er hat das zwar nie gemacht, aber mich hat seine Sehnsucht zum überzeugten Bus-Fahrer gemacht.

Es gehört zu meinem ­Lebensgefühl, die Freiheit zu haben, aufbrechen zu können. Und stehen bleiben­ zu können, wo ich will, und nicht, wo andere wollen. Wenn du diese Sehnsucht einmal entwickelt hast, stellst du dich selbst nicht mehr so in Frage. Dann akzeptierst du das als deine Lebensweise, und viele Dinge fallen leichter. Je früher du deine Leidenschaft entdeckst, desto leichter tust du dir. Bei mir war es eben das Klettern, verbunden mit dem Unter­wegssein. Wer marschiert schon einen Monat lang durch Baffin Island und steht dann auf der Spitze vom Turret? Das ist ein großes Glück.

Glowacz le grimpeur

Das Durchklettern der Turret-Westwand dauerte in Summe 20 Stunden. Schwierigkeitsgrad: bis 9–/A1

Heute sind die Bilder deiner Expedition vor dir selbst zu Hause. Findest du das eigentlich gut?

Früher hast du auf Magazine mit der einen Route gewartet, die du selbst auch mal klettern wolltest. Heute gibt es die eine schwierigste Route nicht mehr, weil sie quasi täglich überholt wird. Natürlich spiele ich da auch mit, und zwar nach meinen Regeln: volle Transparenz und Ehrlichkeit. Ich persönlich habe kein Problem damit, eine Woche lang ohne Smartphone aus­zukommen, weil ich mich noch sehr gut erinnern kann, als wir unser erstes Telefon bekommen haben. Ich war zehn oder zwölf, es stand im Flur, ein Zähler hing dran, und jeder musste genau notieren, mit wem er wie lang gesprochen hat. Ich habe die ersten Satellitentelefone mitgemacht, Riesenkästen, wo eine ­Minute 100 Dollar gekostet hat. Die junge Generation tut sich mit diesem Verzicht sicher härter. Für mich ist es einfach bloß ein wenig wie früher.

La grimpe du Turret

Endlich in der Wand: das Ziel, ohne das man nie aufbrechen würde – selbst wenn es sich nur als ein weiteres Zwischenziel im Leben herausstellt

Man versäumt nichts?

Das ist eine wunderbare Erkenntnis! Man versäumt nämlich wirklich nichts, wenn man in der Kommunikation Tempo rausnimmt. Die wirklich wichtigen Dinge kannst du an einer Hand abzählen. Wichtig ist, dass ich die Wand erreiche, auf den Berg raufklettere und heil wieder nach Hause komme. 

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11 2016 The Red Bulletin

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