Rosy Hodge

Auf Wellenlänge - Rosy Hodges neues Leben

Text: Jazz Kuschke
Fotos: Miko Lim

Als Rosanne Hodges professioneller Surfkarriere ein vorzeitiges Ende drohte, bekam sie die Chance, ein Event ihres Sponsors Roxy live zu kommentieren. Das war der Moment, in dem eine Karriere begann, die sie zu den schönsten Plätzen der Welt führt. Und uns als Fans vor dem Webcast in ihren Bann zieht – gemeinsam mit Millionen anderen.

Der Reisepass von Rosanne „Rosy“ Hodge ist eine Sammlung bunter Stempel. Ihr Programm der ­ersten Wochen dieses Jahres war repräsentativ: 

  • zehn Tage Malediven
  • fünf Tage zu Hause in San Clemente, Kalifornien
  • drei Wochen auf Fidschi
  • zwei Wochen in ihre Heimat Südafrika 

… für die Live-Übertragung der J-Bay Open. Irgendwo dazwischen fanden sich fünf Tage Zeit für ein Frauenfitness-Event von Roxy in Marseille – die Marke sponsert sie seit dem achten Lebensjahr, „da hätte ich doch unmöglich absagen können!“.
 
„Ich habe den besten Job der Welt“, sagt die 29-Jährige aus East London an Südafrikas Ostküste.

Rosy Hodge

Wenige würden widersprechen. Als Teil des offiziellen Kommentatoren-Teams der World Surf League (WSL) wird Hodge dafür ­bezahlt, die exotischsten und renommiertesten Spots der Surfwelt zu besuchen und sich – frei vom Wettkampfdruck – dort auch in den Wellen auszutoben. „Ich glaube, ich ­surfe mehr denn je. Und ich merke, wie gut es mir tut, den Sport auszuüben, den ich liebe.“ Ihr ganzes Leben dreht sich ums Surfen, um den eleganten Tanz auf den Wellen, und sie ist wirklich gut darin.

Hodge wuchs im Umfeld mächtiger Wellen, heftiger Riffs und im Angesicht großer Surf-Konkurrenz auf. Schon früh bemerkte der Bruder ihr ­Talent, ermutigte sie, immer weiter an sich zu arbeiten. Bereits mit sieben ritt sie die Wellen aggressiv, mit vierzehn schlug sie die gleichaltrigen Jungs (was sie naturgemäß cooler fand als die). 

Inspiriert von der viermaligen Weltmeisterin ­Wendy Botha und den ehemaligen World-Tour-Mitstreitern Greg Emslie und Royden Bryson, gelang ­Hodge eine erfolgreiche Junior-Karriere mit neun South-­African-Championship-Titeln, bevor sie sich im ersten Jahr nach der Schule für die damals noch unter dem Namen ASP Women’s World Championship bekannte Tour qualifizierte. Sie reiste um die Welt und behauptete sich auf der ASP World Tour vier Jahre in Folge mit regelmäßigen Top-Ten-Platzierungen.

Rosy Hodge

Sooft es geht, verbringt Rosy ihre Zeit im Wasser. Insider meinen, sie hat noch immer das Zeug zur Profisurferin.

© Miko Lim

„Das Leben steckt voll von zweiten Chancen. Man muss sie nur erkennen.“
Rosy Hodge

Ende 2010 dann wurde ihr Erfolgslauf aber abrupt gebremst. Die Ergebnisse waren gut, aber nicht gut genug: Es reichte nicht ganz für die Vorqualifikation.

Surfer dürfen auf der Championship Tour – ausgetragen an den besten Surfspots der Welt – nicht zu sehr im Ranking abrutschen, sonst fallen sie in die Qualifying Series (QS) zurück. „Das war natürlich ein ziemlicher Schock. Seitdem ich klein bin, habe ich von der Tour geträumt“, sagt Hodge.

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„Damals brauchte ich Zeit für mich“, erzählt sie weiter. „Ich war am Rocky Point in Hawaii und traf zufällig eine der Frauen, die für Roxy und die Schwestermarke Quiksilver arbeiteten. Sie fragte, was ich jetzt tun werde.“ Hodge hatte darauf keine Antwort, sie wusste es selbst nicht: sich mühsam durch die Qualifikation kämpfen oder Sachen packen und zurück nach Südafrika, um einen soliden 9-to-5-Job zu finden? 

„Sie fragte mich, ob ich Lust hätte, die Roxy Pro an der australischen Gold Coast zu kommentieren“, erzählt Hodge. „Ich sagte nur: ‚Klar, ich hab ohnehin nichts zu tun!‘ Ich meine, die Goldie ist eine große Chance, und es ist immer toll, etwas Neues auszuprobieren.“ 

Anfang 2011 tauschte sie schließlich endgültig Surfbrett gegen Mikro. „Natürlich war es nervenaufreibend, aber ich hatte auch echt viel Spaß“, sagt sie. „Danach bat mich Rip Curl, das Bell-Beach-Event zu machen. Und dann auch die Events an der australischen Westküste. Die konnten gar nicht genug von mir bekommen!“

© Youtube // WorldofHeroesZA

Es folgten die Quiksilver Pro in Frankreich und bald sämtliche Roxy-Events. Zu dieser Zeit hatte sie eine kleine Rolle im Film „Blue Crush 2 – No Limits“; ein paar Jahre später folgte ein Auftritt in „Die perfekte Welle“ an der Seite von Clint Eastwoods Sohn Scott. 2013 erwarb das Medienunternehmen ZoSea die ASP und machte daraus die WSL.

Das bedeutete auch eine Abkehr vom bisherigen, vor allem von Männern geprägten Kommentarstil. Die Übertragungen wurden professioneller, das lag auch am neuen Vollzeit-Kommentatoren-Team. 

„Sie wollten die Übertragungen wirklich auf das nächste Level heben“, erklärt sie. „Ich war überglücklich, als sie auf mich zukamen und mir eine Vollzeitstelle anboten. Diese Arbeit bedeutet mir so viel, ich möchte mich ständig verbessern.“

© Youtube // Erwin Fortelny

Hodges Surfkarriere nahm eine ganz neue Form an – aber es blieb eine besondere Herausforderung. Ihre Bikinifigur und ihr einnehmendes Lächeln allein reichten nicht, um neben erfahrenen Profi-Kommentatoren wie Joe Turpel, den ehemaligen Champs ­Martin Potter („Pottz“) und Peter Mel und dem World-Tour-Veteranen Ross Williams zu bestehen.

Hodge musste sich erneut behaupten, so wie sie es schon als Kind getan hatte. Dass sie es aufs Neue schaffte, hat sie mehreren Faktoren zu verdanken: ­ihrer unkomplizierten Art, jahrelanger Erfahrung auf der Tour und dem direkten Draht zu den Athleten. Heute erobert sie die Surfwelt auf dem zweiten ­Karriereweg, bereist die Welt, nachdem vom einstigen Preisgeld lange nichts mehr übrig ist.

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Hat sie einfach nur unglaubliches Glück gehabt? Hodge ist überzeugt, dass sich das Prinzip ihres Werdegangs auf das Dasein jedes anderen übertragen lässt. „Das Leben ist voll von zweiten Chancen, man muss sie nur erkennen. Ich hatte ziemlich viel Glück, das Timing war perfekt. Aber ich hab die Gelegenheit auch beim Schopf gepackt“, sagt sie. „Ich liebe Surfen, ich brenne dafür. Du musst deiner Leidenschaft folgen. Und du wirst sehen, wohin sie dich führt.“ 

Red Bulletin-Shooting mit Rosy Hodge am T-Street Beach in San Clemente, Kalifornien:

Rosy Hodge

„Ich bewundere die Surf-Superstars, schaue zu ihnen auf. Aber den besseren Job, den habe ich.“

© Miko Lim

Manche Dinge erscheinen viel leichter, als sie ­tatsächlich sind – auch wenn man das Hodge nicht anmerkt. „Es macht mich wahnsinnig, vor Publikum zu sprechen“, sagt sie, nur halb im Scherz.

Bei Übertragungen sieht sie die Zuschauer nicht, aber Hodge weiß, dass Abertausende da draußen live dabei sind. Der Tahiti-Event 2014 erreichte das größte Live-Publikum in der Geschichte des Pro-Surfens, der Webcast generierte 2,2 Millionen Stunden Live-Übertragung und erreichte über zwölf Millionen TV-Haushalte.

„Wenn ich bloß daran denke, muss ich hyperventilieren“, sagt sie. Wie kommt sie mit dem Stress zurecht? „Es ist leicht, die Nerven zu verlieren und es zu vermasseln. Ich finde, man muss ruhig atmen und die Nervosität positiv nutzen. Du musst dir einreden: ‚Schon gut, diese Aufregung kann dir helfen‘, und einfach weitermachen. Und ich bin der Meinung, es ist besser, wenn du bei Interviews einfach du selbst bist – genauso wie sonst im Leben.“

Rosy Hodge

Sie begann ihre ­Karriere ganz ohne Sprecherausbildung: „Live-Übertragungen sind pure Emotion.“

© joliphotos.com

Hodge startete ihr Abenteuer ganz ohne Sprecherausbildung. Immerhin, dank des professionellen WSL-Umfelds und ihrer Kollegen sammelte sie eine Menge Berufserfahrung. „Ich werde immer noch nervös, das wird wohl nie weggehen. Ich atme dann ein paar Mal durch und fokussiere mich auf den Job“, sagt sie. „Ob es komisch ist, wenn ich mir meine Sendungen in der Wiederholung ansehe? Ich merke dann sofort, was ich besser machen kann. Ich stottere zum Beispiel ­gegen Ende immer noch zu viel und lasse das gefürchtete ‚Zurück zu euch, Jungs!‘ aus. Mist!“

Für Hodge sind Live-Übertragungen von der Tour eine einzigartige Erfahrung. „Das ist pure Emotion, besonders wenn es Surfer nicht in die nächste Runde schaffen. Ich beobachte genau, was im Wasser passiert, und hol die Surfer direkt von der Welle ab. Mit jedem Event wird es besser, ich spüre, wie mein Selbstbewusstsein wächst.“ 

Rosy Hodge in San Clemente, California

„Es war ein ziemlicher Schock, die Vorqualifikation nicht geschafft zu haben. Seitdem ich klein bin, habe ich von der Tour geträumt“

© Miko Lim

Natürlich bedeutet die Tour nicht nur Arbeit. ­Zwischen den Events der WSL World Championship liegen meist zehn Tage, die Veranstaltung selbst ­dauert (bei optimalen Bedingungen) nicht mehr als vier Tage. Es bleibt also genug Freizeit.

„Es macht ­irrsinnigen Spaß“, sagt sie. „Ich dachte ehrlich, ich hätte irgendwann genug von den Jungs, aber wir sind eine richtig eingeschworene Truppe. Sogar an wettbewerbsfreien Tagen senden wir uns Nachrichten und scherzen miteinander. Ich muss mich manchmal kneifen, denn ich arbeite mit Weltmeister Ross Williams, zu dem ich seit meiner Kindheit aufgeschaut habe, und Ronnie und Joe, die großartig sind und ihren Job richtig gut machen. Es ist ein echt cooles Team.“

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Was kann Stand-Up-Paddling, das ­Surfen nicht kann? Kennen Sie das, wenn im Wasser zu viel los ist und alle anfangen, um jede einzelne Welle zu kämpfen? Klar, mittlerweile bin ich eine Wettkämpferin, da hat sich vieles geändert ... Aber damals wollte ich ja vor allem Spaß haben, im Wasser sein und die Zeit im Wasser nutzen.

Ob sie die Zeiten vermisst, als sie selbst noch ­Contests surfte? „Das Niveau ist derzeit so hoch, dass es ein tolles Kompliment ist, wenn mir Pottz oder ein anderer sagt, ich surfe wirklich gut und könnte auf der Tour mitmachen“, sagt Hodge.

„Ich bin richtig stolz darauf, was die Frauen erreicht haben. Ich kenne Carissa (Moore, 23, dreifache Weltmeisterin; Anm.) und die anderen Mädels, seit wir klein waren. Ich bin einfach so stolz darauf, wo sie heute stehen. Besonders Bianca (Buitendag, 22, südafrikanische Surferin; Anm.), sie ist so gut. Ich ­bewundere sie alle, aber ich denke, ich habe den ­besseren Job.“

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10 2016 The Red Bulletin

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