Thomas Raffl Winnipeg Jets

„Ich muss zwei Klassen besser sein als ihre jungen Draftpicks“

Interview: Werner Jessner
Bild oben: Getty Images

Mit neunundzwanzig, zehn Jahre nach seinem ersten Anlauf, hat Thomas Raffl endlich die Möglichkeit zu einer NHL-Karriere bekommen: Die Winnipeg Jets haben ihn unter Vertrag genommen. Im Interview spricht „Pomsche“ über seinen großen Traum.

Kyle Okposo, Jeff Petry, Trevor Lewis, Tyler Myers, Alexander Edler, Blake Comeau, Luke Schenn, Dale Weise …

… ja, mit all denen habe ich schon einmal in einem Team gespielt. Vor genau zehn Saisonen. Zuerst bei den Current Swift Broncos und den Kelowna Rockets in der WHL, dann bei den Des Moines Buccaneers in der USHL.

Aus ihnen sind NHL-Stars geworden, teilweise Superstars. Andere deiner damaligen Kollegen waren in ihrem Alter dominant, haben aber drei Jahre später ihre Karriere beendet. Erkennst du da ein System?

Gar nicht. Junioren und Profis sind zwei Paar Schuhe. Manche brauchen länger, andere sind schon in jungen Jahren sehr weit, manchen steigt der frühe Ruhm zu Kopf. Der ist meistens das Entscheidende im Spitzensport: der Kopf.

Warum hat das bei dir damals nicht geklappt? Nach einem Jahr warst du wieder retour in ­Villach.

Ich war noch ein Kind, und mein Timing war nicht gut. Die meisten Europäer, die gedraftet werden wollen, gehen schon im Frühling rüber, um eine Eingewöhnungsphase zu haben. Ich erst im Herbst, und ich hätte gleich produzieren sollen.

Wie warst du mit 19 Jahren so drauf?

Körperlich im oberen Drittel und ein sehr eifriger Spieler. Ich wollte mich immer verbessern. Wenn aber die Erfolgserlebnisse ausbleiben, beginnst du Sachen zu hinterfragen. Wenn du niemanden hast, der hinter dir steht und dir hilft, wieder aufzustehen, wird es in diesem sehr kompetitiven Umfeld schwer.

Thomas Raffl Winnipeg Jets

Nordamerika statt Mitteleuropa: Thomas Raffl darf sich künftig in Kanada beweisen.

Hilft eine gewisse Präpotenz, sich in Amerika durchzusetzen?

Im Endeffekt zählt es am Eis. Jeder, der dort ist, will spielen. Er und nicht der andere. Das weiß man, wenn man eine Kabine betritt.

Hilft dir, dass dein Bruder Michael bei den Philadelphia Flyers so eingeschlagen hat?

Der Name ist jetzt bekannter. Das hilft mir genau so lang, bis ich in Winnipeg aus dem Flieger steige. Dann nimmer.

Hast du Michi um Tipps für das Verhalten abseits der Eisfläche gefragt?

Jeder Mensch ist anders. Ich werde dort in die Kabine und aufs Eis gehen und einfach ich sein. Ich verstelle mich nicht. Jetzt liegt es an mir, zu zeigen, was ich kann.

Waren die Jets die einzigen Interessenten?

Nein, die Pittsburgh Penguins, Vancouver Canucks und Calgary Flames sind ebenfalls an uns herangetreten. Im Herbst, als es eigentlich schon zu spät war, waren die Winnipeg Jets das einzige Team, das noch übrig war.

„Dass mein Bruder Michael bereits in der NHL spielt, hilft mir genau so lang, bis ich in Winnipeg aus dem Flieger steige.“
Thomas Raffl

Warum zu spät?

Das Transferfenster, auf das sich der Internationale Eishockeyverband IIHF und die NHL geeinigt haben, hat sich am 15. Juni geschlossen. Salzburg hätte mich nicht gehen lassen müssen. Aber Hochachtung und Dankbarkeit für die Reaktion des Clubs: Sie haben mir nichts in den Weg gelegt, im Gegenteil. Ich hatte den Eindruck, sie würden sich für mich freuen, wenn ich es drüben schaffe.

Wie siehst du persönlich deine Chancen, dich durchzusetzen?

Alles ist möglich. Wenn ich spielen will, muss ich nicht um eine, sondern wahrscheinlich um zwei Klassen besser sein als ihre jungen Draftpicks. Klingt brutal, ist aber so. Mein geradliniges Spiel durchziehen, Pucks zum Tor. Als Filigran­techniker für die erste Sturmlinie bin ich sowieso nicht vorgesehen.

Thomas Raffl Winnipeg Jets

Kann man sagen: Diese Einladung ist eine ­Belohnung für zehn Jahre Hockey auf höchstem europäischem Niveau? Villach, Luleå, Salzburg, in verletzungsfreien Jahren grob gerechnet immer einen Punkt pro Match …

… kann man. Zehn Jahre lang durchbeißen, das musst du schon wollen. Doch selbst wenn es bei mir nicht klappen sollte, ist es ein perfektes Signal für alle Jungen: Du kannst in der EBEL, der Champions Hockey League und in Österreichs Nationalteam die NHL-Scouts auf dich aufmerksam machen.

Woher kommt dein Arbeitsethos?

Mein Vater ist täglich um fünf Uhr in der Früh aufgestanden, hat bis 15 Uhr als Elektriker bei den ÖBB gearbeitet, ist nach dem Essen in die Eishalle, hat dort Schuhe geschliffen, ist zuerst mit der U20 aufs Eis und hat danach noch den Nachwuchs trainiert. Vor 22 Uhr war selten Schluss, und am nächsten Tag ging es von vorn los. Das vergisst du nicht. Er hat zu Michi und mir immer gesagt: „Wenn ihr die Karriere als Spitzensportler einschlagen könnt, dann betrachtet das als Job. Investiert Zeit. Es gibt nichts geschenkt.“ So was prägt.

Es heißt, du trainierst manchmal zu viel …

… stimmt. Der Satz „Nimm dir einen Tag frei“ ist in meiner Karriere jedenfalls deutlich öfter gefallen als „Geh trainieren!“.

Fitter denn je?

Ja, ich habe mich wieder verbessert. In den letzten vier Jahren habe ich 20 Kilo an Muskelmasse zugelegt, bin dabei aber noch spritziger geworden. Am Ergometer fahre ich Grundlagenausdauer-­Einheiten mit 290 Watt. Auch im Sommer habe ich locker 20 Wochenstunden trainiert. Im Moment wiege ich 108 Kilo auf 1,94 Meter.

„Das ist meine letzte Chance für Amerika. So realistisch bin ich schon.“
Thomas Raffl

Wo hast du NHL-Niveau, wo fehlt es dir noch?

Ich habe beispielsweise bei der letzten A-WM gegen die großen Nationen gezeigt, dass ich mithalten kann. Dank der Champions Hockey League rücke ich schon mit Game Shape ins Camp ein. Das ist sicher ein Vorteil. Ob es reicht? Das werden wir sehen.

Hättest du auch einen „2-way contract“ für AHL und NHL unterschreiben?

Sicher. Das ist meine letzte Chance für Amerika. So realistisch bin ich schon.

Wie ist die Neuigkeit eigentlich in der Kabine angekommen?

Die Jungs haben sich alle mit mir gefreut. Ich lebe den Traum, den sie alle haben.

Was wirst du an den Red Bulls vermissen? 

Alles! Die Stadt, den Zusammenhalt, die Organisation, die Fans. Ich hatte selten so viel Spaß am Eishockey wie hier. Wenn ich die Zeit zurück­drehen könnte: Ich würde jederzeit wieder hierherkommen. Das letzte Jahr hat dem Ganzen noch die Krone aufgesetzt. Eine Traum-Saison wie die letzte passiert dir mit Glück einmal im Leben. Das vergisst du nie.

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10/2015 The Red Bulletin

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