Raphael Honigstein erklärt, wie Verschwiegenheit Arsène Wenger den Job rettet(e)

Verschwiegenheit: Das Glück der Fußball-Trainer

Text: Raphael Honigstein
Foto: Getty Images / Boris Streubel / Contributor

Die Trainer-Methoden von Arsène Wenger sind seit über zehn Jahren überholt. Dennoch ist er bei Arsenal immer noch im Amt. Experte Raphael Honigstein erklärt, warum.
Raphael Honigstein
Raphael Honigstein

u.a. Fußball-Korrespondent bei „The Guardian“, Autor bei der „Süddeutschen Zeitung“ und seit 2016 Kolumnist bei „The Red Bulletin“
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Im August 2013 stand Arsène Wenger unter Druck. Teile der Arsenal-Fans drohten nach einer peinlichen 3:1 Heimniederlage gegen Aston Villa zum Saisonauftakt mit Revolte. Außerdem gab es lautstarke Forderungen nach dem Transfer eines Weltklassestürmers.

Wenger wusste, dass er sich ein weiteres schwaches Ergebnis im Auswärtsspiel bei Fulham kaum leisten konnte. Er entschied sich für einen ungewöhnlichen Weg in seiner Kabinenansprache. „Ich will, dass ihr heute spielt wie dieses Tier“, sagte der Franzose zu seinen Spielen in den Katakomben des Craven Cottage, als er mit einem Stift einen Wolf an die Taktiktafel malte.

„Ich will, dass ihr aggressiv seid, zubeißt, im Rudel jagt, wie Wölfe“, forderte Wenger. Die Spieler lauschten mit einer gewissen Überraschung. Es gab keine weiteren detaillierten Anweisungen.

In der Tat gewannen die Gunners nach überzeugender Vorstellung 3:1, auch dank eines Doppelpacks von Lukas Podolski, dem es in der Kabine gefiel, wie ein Wolf zu heulen. Wenger war ebenfalls damit zufrieden, wie seine Mannschaft auf die ungewöhnliche Herausforderung ihres Trainers reagierte.

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Der springende Punkt dieser Anekdote ist nicht, sich über Wengers Wolfsrudel-Taktik lustig zu machen. Zahlreiche Trainer haben Kniffe, Videoclips oder besondere Requisiten benutzt - darunter ein lebendiger Adler in der Kabine (Klaus Toppmöller bei Eintracht Frankfurt) - um Spieler zu kitzeln, die jede Ansprache schon mal gehört haben. Der springende Punkt dieser Anekdote ist, dass sie nie ans Tageslicht kam, bis jetzt.

Viele Europäische Top-Trainer und Manager - in der Premier League ganz besonders - arbeiten unter totaler Geheimhaltung. Man kann ihre Trainingseinheiten nicht sehen. Ihre Kabinenansprachen bleiben ungehört. Es gibt eine Kultur der „omertà“, der Verschwiegenheit: Spieler werden dringend angehalten, nicht darüber zu sprechen, was hinter verschlossen Türen passiert.

Der Schutz von Betriebsgeheimnissen ist in Teilen nachvollziehbar, so wie die Notwendigkeit, in Ruhe zu trainieren, ohne die womöglich störende Präsenz von Medien und Fans. In weiten Teilen, jedoch, ist die Betonung auf Diskretion nur ein Mittel zum Zweck der Ausübung von Kontrolle: Trainer isolieren sich so von jeder Form der genauen Überprüfung ihrer Methoden. Ohne Transparenz gibt es keine Rechenschaftspflicht.

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Arsenal fans are protesting outside the Emirates Stadium calling for Arsene Wenger to leave the club. More https://t.co/7eJYd73Oh3

Deshalb wird Analyse (von Journalisten oder Fans) zu einem Ratespiel. Spielte die Mannschaft schwach, weil es ihr an Charakterstärke mangelt, weil sie schlicht nicht gut genug ist oder, weil sie vielleicht nicht im Ansatz ausreichend von einem Coach vorbereitet wurde, der die meiste Zeit unter der Woche auf dem Golfplatz verbringt?

Leider sind Spieler der Premier League darauf gedrillt, zu akzeptieren ohne Fragen zu stellen. Die Kultur der „omertà“ greift sogar auf ehemalige Spieler über, die sich sträuben, über ehemalige Vorgesetzte auszupacken, die ihnen gut dotierte Verträge gaben. Als direkte Folge daraus haben wir - die Öffentlichkeit - nur eine rudimentäre Idee von den tatsächlichen Fähigkeiten der Trainer.

„Die Kultur der ‚omertà‘ greift sogar auf ehemalige Spieler über, die sich sträuben, über ehemalige Vorgesetzte auszupacken, die ihnen gut dotierte Verträge gaben.

Wir können sie an Ergebnissen messen, an Nettoausgaben (eine ziemlich irrelevante Zahl), an Punkteschnitten, am Spielstil ihrer Mannschaft, an ihrem Verhalten in Pressekonferenzen und ihrem Auftreten an der Seitenlinie; in anderen Worten: An Oberflächlichkeiten und Folgen, an Dingen, die sie often nicht direkt beeinflussen können, aber ironischerwesie nicht an ihrer Arbeitweise, der einen Sache, die sie direkt beeinflussen können, jeden einzelnen Tag.

Das lässt die Tür offen für Opportunisten und Blende, besonders bei Vereinen ohne echte Fußballexpertise oberhalb des Trainerpostens. Alles, was sie tun müssen, ist Erwartungen zu steuern und die dafür mindestens notwendigen Ergebnisse einzufahren. Und selbst wenn sie das nicht tun, könnten sie noch drei oder vier andere Trainerstationen erhalten, weil ihre schwache Arbeit nie offengelegt wurde.

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When Arsene Wenger questions himself... #LFCvAFC

Ein Mittelfeldspieler aus der Premier League sprach seinen Trainer vor einem Schlüsselspiel an, um zu fragen, ob er und sein Mannschaftskamerad im Spielfeldzentrum den Gegner pressen oder tief stehen sollten, um die Viererkette zu unterstützen. „Das werdet ihr auf dem Platz regeln“, bekam er zu hören. Sein Team, welch Überraschung, stieg am Ende der Saison ab.

Vielleicht hätte man es retten können, wenn die Unfähigkeit des Trainers weithin bekannt gewesen wäre, da dies den Vorstand dazu hätte treiben können, rechtzeitig einen Wechsel vorzunehmen. Selbst Monate später wollte der oben genannte Spieler sich nicht öffentlich über die totale Inkompetenz äußern, die er auf dem Trainingsplatz zu spüren bekam, weil er fand, dass der betreffende Trainer ein sehr sympathischer Mann sei.

Um auf Wenger zurückzukommen: Es gibt kaum Zweifel, dass sowohl Arsenal als auch er selbst enorm davon profitiert hätten, wenn Spieler seine überholten Methoden zu Tage gefördert hätten, nicht als geheime Quelle, sondern offen, in besonnener, faktischer Weise.

Weil sein passiver Ansatz in der Vergangenheit Erfolge lieferte war die natürliche Annahme stets, dass nun die Spieler für das Ausbleiben von frischen Erfolgen verantwortlich seien.

Es hat mehr als eine Dekade gedauert, bis die Leute realisiert haben, dass seine Arbeitsweise in der Tat nicht mehr zeitgemäß ist, da niemand sich getraut hat, ebendas in der Öffentlichkeit zu bestätigen. Die „omertá“ hat Wenger nicht nur im Amt gehalten, sie hat auch den Drang nach Wandel und Innovation ausgeschlossen. Und jetzt ist es zu spät.

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03 2017 The Red Bulletin

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