Breel Embolo

Breel Embolo - Warum der Schweizer das Zeug zum Weltstar hat

Text: Juan Moreno
Fotos: Bettina Matthiessen/EQ Images

Schalke-04-Neuzugang Breel Embolo wird eine Weltkarriere vorausgesagt. Weil der Schweizer Stürmer etwas weiss: Nicht allein dein Talent zählt, sondern wie klug du es einsetzt.

Die Welt bekam das womöglich nicht mit, aber vor ziemlich genau zwei Jahren, am 1. Oktober 2014, wurde ein Star geboren, einige würden sagen: ein Weltstar. Breel Donald Embolo war damals 17 Jahre alt und bereits ­einer der besten Stürmer, die der FC Basel je gesehen hatte. Ein körperlich starker, beidfüßiger Angreifer, der zentral und auf den Flügeln spielen konnte, robust und selbstbewusst in jedem Zweikampf, was allerdings nicht immer nötig war, weil sein Antritt es vielen Abwehr­spielern schlichtweg unmöglich machte, überhaupt in eine solche Situation zu kommen.

Gute zehn Jahre war es her, dass Breel Embolo mit seiner Mutter Germaine von Kamerun nach Basel gekommen war. Fußball hatte in seiner Familie nie eine Rolle gespielt. Keiner weiß, ­woher dieses Riesentalent kommt. Es ist einfach da.

Der 1. Oktober war ein Mittwoch, 15 Grad hatte es in Basel, bewölkt, viertel vor neun, erstes Saison-Heimspiel der Champions-League-Gruppenphase. Liverpool, eine der traditionsreichsten Mannschaften des Planeten, war in den St. Jakob-Park gekommen. Die Stadt war elektrisiert. Englische Experten waren sich vor dem Spiel sicher, dass Liverpool, mochte es auch nicht in seiner besten Verfassung sein, als ein Team, in dem Leute wie Steven Gerrard, Martin Škrtel oder Mario Balotelli spielen, gegen jede Mannschaft aus der Schweiz Favorit ist, selbst wenn der Gegner Serienmeister Basel heißt.

Die Experten irrten sich, Liverpool verlor verdient mit 0:1. Nicht zuletzt, weil Embolo, der blutjunge Stürmer, von dem die Welt bis dahin noch nie gehört hatte, mit seiner Kraft, seinem Tempo, vor allem aber mit einigen sehr klugen Pässen die Abwehr der Engländer immer wieder demontierte. Unter anderem mit einem Zuspiel, das er mit der Hacke an der Strafraumgrenze ansetzte und seinen Mitspieler Derlis González damit völlig frei zum Schuss kommen ließ. Ein unglaublicher Pass. Sein Sturmkollege Marco Streller sagte einige Zeit später: „Viele Leute haben auf ihn eingeredet, dass er vom Talent her einmal auf einer Stufe mit Messi oder Cristiano ­Ronaldo stehen könnte. Er hat aber nie abgehoben, ­sondern beharrlich gearbeitet. Wenn er so weitermacht, steht er vor einer Weltkarriere.“

Embolo schoss an diesem Abend kein Tor – das holte er ein paar Wochen später gegen das bulgarische Team Ludogorez nach und wurde damit sechstjüngster Torschütze in der Champions-League-Geschichte, er bewies aber bereits gegen Liverpool, dass er viel mehr ist als nur ein weiterer sehr junger Spieler mit einer möglicherweise großen Zukunft. Embolo zeigte in diesem Spiel, dass er ein Talent dafür hat, sich der Situation anzupassen, ein Talent, im richtigen Moment die richtige Entscheidung zu treffen. Talent, das nicht zielgerichtet ist, ­Talent ohne Kopf ist in erster Linie eines: Verschwendung.

© Youtube // Vanemas

Wenn sehr junge sogenannte Wunderspieler in einem Champions-­League-Spiel auf dem Platz stehen, wiederholt sich gern das immer gleiche Muster: Sie sind hyperaktiv, versuchen sofort mit riskanten Aktionen ihren Einsatz zu rechtfertigen und das Publikum zu begeistern. Sie stürzen sich übereifrig in Dribblings, die sie meist nicht gewinnen. Embolo, dessen große Stärke ausgerechnet Eins-gegen-eins-Situationen sind, der normalerweise den Verteidiger regelrecht sucht, um ihn dann stehen zu lassen, machte diesen Fehler nicht. Er spielte klug, ruhig, mannschaftsdienlich, abgeklärt. Er spielte wie jemand, der weiß, was die Situation erfordert, jemand, der sich Gedanken gemacht und sich einen Plan zurecht­gelegt hat. Jemand, der alles Mögliche zu sein scheint, nur ­keine siebzehn.

© Youtube // FC Schalke 04

Es dauerte nicht lang, und Embolo war einer der beliebtesten Spieler Basels. Natürlich, er hat ein sonniges Gemüt, lacht viel, gibt Interviews, für die man sich nicht fremdschämen muss, und Kollegen, die über ihn reden, betonen immer wieder, wie „schwer in Ordnung der Breel“ ist, wie „gern und bereitwillig er Rat annimmt und verinnerlicht“. Einer, der bodenständig bleibt. Vermutlich schadete es seinem Image auch nicht, dass ein Berufsschulkollege am Morgen nach einem Champions-League-Spiel ein Video online stellte, in dem zu sehen ist, wie Embolo gerade sein Schulgebäude verlässt. Keine zwölf Stunden davor hatte er noch die höchste europäische Spielklasse aufgemischt, jetzt war er einfach ein nor­maler Azubi, der sich als angehender Kaufmann mit Buchführung herumzuschlagen hatte.

„Ich hatte es meiner Mutter versprochen“, erklärte Embolo, als man ihn auf das Video ansprach. Seine ­Mutter hatte auf einer Ausbildung bestanden, sonst hätte er nicht ihre Erlaubnis gehabt, Profi zu werden. Außerdem ahnte sie nicht, wie gut ihr Sohn wirklich war. „Natürlich hatte er Flausen im Kopf, aber ich wusste, dass er das Herz am rechten Fleck hat“, sagt die Mutter.

Frühere Trainer fügen noch etwas anderes hinzu: dass er schon als Zehnjähriger seine gleichaltrigen Mitspieler reihenweise stehen ließ. Er war ihnen körperlich und technisch weit überlegen. Niemand zweifelte damals, dass er es weit bringen würde. Es war absehbar.

„Embolos grosse Stärke: im entscheidenden Moment nicht das Spektakuläre, sondern das Richtige zu tun.“
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Breel Embolo

Er will doch nur spielen. Eine gewisse Leichtigkeit prägt Embolos Stil immer. Nicht nur auf dem Platz.

© Bettina Matthiessen/EQ Images

Darum konnte es auch nicht überraschen, dass Embolo im Sommer, nach einer ordentlichen Europameisterschaft 2016 für die Schweizer Nationalmannschaft, halb Fußball-Europa am Telefon hatte.

Eine ganze Reihe ­deutscher Klubs war schon länger an ihm dran gewesen, aber auch Teams aus Spanien und England, darunter Manchester United, einer der reichsten Vereine der Welt. Die Red Devils ließen José Mourinho, ihren neuen Trainer, bei Embolo anrufen, um den Jungen zu einem Wechsel von Basel nach Manchester zu überreden. Manchester United ist nicht unbedingt ein Verein, der das oft tun muss. Es gibt nicht viele Spieler, die man von einem Wechsel zu ManUnited überzeugen muss.

Was aber machte Embolo? Er sagte ab und entschied sich für Schalke 04, eine Mannschaft, die in der neuen Saison nicht in der Champions League spielen wird, weil sie zuletzt nur Fünfter in der Bundesliga wurde. Geschätzte 27 Millionen Euro überwiesen die Gelsenkirchener nach Basel, der teuerste Einkauf der Schalker Vereinsgeschichte.

„Für mich war wichtig, dass meine neue Mannschaft einen Plan Breel hat. Dass die Verantwortlichen verstehen, wie ich ticke, wie ich Fußball spiele, wie ich als Mensch bin. Und dass sie mich auch als Spieler voranbringen“, sagte Embolo.

Breel Embolo

Embolo bejubelt seinen 2:1-Führungstreffer gegen Tel Aviv in der Champions-League-Quali 2015

© Getty Images

Natürlich ist es riskant, einem Verein wie Manchester United abzusagen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein derart namhafter Verein in ein paar Jahren wieder anruft, ist nicht sehr groß. Aber Schalke hat mit Markus Weinzierl einen sehr guten, recht jungen Coach, jemanden, der vor zwei Jahren von der Vereinigung der Vertragsfußballspieler zum besten Trainer der Saison gekürt wurde, vor
Pep Guardiola und Jürgen Klopp.

Und außerdem: Schalke ist kein schlechtes Sprungbrett, wie man an Leroy Sané sehen kann, dem deutschen Riesentalent, das der neue Manchester-City-Trainer Pep Guardiola gerade nach England geholt hat.

Breel Embolo Fallrückzieher

Breels Fallrückzieher in der Super League im Spiel gegen FC Vaduz

© Getty Images

„Schalke weiss, wie ich ticke. Sie haben einen Plan Breel.“
Breel Embolo

Von außen betrachtet, mag die Entscheidung Embolos etwas seltsam wirken. Warum zu einem guten, aber ­keinem absoluten Spitzenverein, wenn doch die Möglichkeit bestand, ganz oben zu landen? Vielleicht ist der Grund in Embolos großem Talent zu finden, nämlich der Gabe, im entscheidenden Moment nicht das Spektakuläre, sondern das Richtige zu tun.

Der FC Chelsea beispiels­weise hat rund 60 Spieler unter Vertrag, die Mehrheit sind als Leihgabe bei anderen Vereinen. Real MadridBarcelonaManchester, sie alle horten gute Spieler, die auf eine Chance warten. Embolo wollte nicht warten, er wollte spielen, denn nur so wird man ein wirklich Großer. Stars werden auf dem Platz gemacht, nicht auf der Bank. Es erfordert Mut, so sehr auf sich zu vertrauen, dass man den vermeintlich einfachen Weg ausschlägt. Zu erkennen, dass die große Verlockung nicht unbedingt dein Freund ist, sondern vielleicht dein Feind. Man ist nur ein einziges Mal zwanzig, will man diese Zeit auf einer Reservebank sitzen, nur um etwas mehr Geld zu verdienen? Es ist ja nicht so, dass Schalke Lebensmittelmarken überweist.

Es bedarf eines elementaren Talents, zu erkennen, wann man sich wie zu verhalten hat: Embolo, dem ohne Frage eine große Zukunft bevorsteht, hat genau das.

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10 2016 The Red Bulletin

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