Raphael Honigsteins Analyse: Warum englische Teams in der Champions League schwächeln

Warum schwächeln englische Teams in der Champions League?

Text: Raphael Honigstein
Foto: Wikimedia Commons/Montage

Experte Raphael Honigstein analysiert die am häufigsten genannten Antworten auf die Frage, warum Teams aus dem Mutterland des Fußballs in der Königsklasse nur eine untergeordnete Rolle spielen.
Raphael Honigstein

u.a. Fußball-Korrespondent bei „The Guardian“, Autor bei der „Süddeutschen Zeitung“ und seit 2016 Kolumnist bei „The Red Bulletin“
twitter.com/honigstein

Leicester City war der einzig verbliebene englische Vertreter, als am 17. März die Viertelfinalpaarungen in der Champions League ausgelost wurden. Der Gegner, Diego Simeones Atletico Madrid, mag zwar nicht mehr die unnachgiebige Maschine von vor zwei, drei Jahren sein, aber ein Weiterkommen des Premier League-Meisters wäre nächsten Monat dennoch als große Überraschung zu verbuchen.

Die reichste Liga der Welt ist seit der Saison 2008/09 (da waren es gleich drei) nicht mehr mit zwei Klubs im Halbfinale vertreten gewesen und war nur an einem Finale in den letzten fünf Jahren beteiligt – als Chelsea 2012 Bayern München das Finale Dahoam vermieste. Wie ist man von Dominanz im wichtigsten Clubwettbewerb Europas vor einem Jahrzehnt dahin gekommen, dass die Vereine reihenweise unter den Erwartungen bleiben?

Schauen wir uns einige Theorien an, die die Malaise zu erklären versuchen.

„ES IST DIE WETTBEWERBSSTÄRKE DER LIGA“

Es besteht kein Zweifel daran, dass englische Mannschaften es schwerer als einige ihrer Kontrahenten aus Kontinentaleuropa haben, sich für die Königsklasse zu qualifizieren, besonders in der laufenden Spielzeit.

Es lässt sich auch feststellen, dass die Glückssträhne der Premier League in der Champions League einherging mit einer Phase der Stabilität an ihrer Spitze, einer Zeit, in der England sechs Jahre lang die gleichen „Top Four“ (Chelsea, Arsenal, Manchester United, Liverpool) in die Gruppenphase entsendete. Manchester City und, in geringerem Maße, Tottenham haben dieses Gleichgewicht gestört und Spitzenspieler in ihren Reihen gesammelt (einheimische und ausländische), die anderweitig die alte Garde der Topclubs noch weiter verstärkt hätten. Als Folge daraus muss die englische Elite mehr Geld bezahlen, um Spieler zu locken und Talent bei sich zu behalten, als Teile der Großclubs auf dem Kontinent, die Spieler einfacher an sich binden können.

#PL top scorers 1️⃣9️⃣ - @harrykane 1️⃣8️⃣ - @rlukaku9 1️⃣7️⃣ - @diego.costa @alexis_officia1

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Warum diese sportliche und finanzielle Wettbewerbsfähigkeit an der Spitze allerdings die Chancen der englischen Teams in Europa so stark negativ beeinflussen soll, ist schwieriger nachzuvollziehen. Sind die Premier-League-Mannschaften vielleicht zusätzlich gehandicapt, weil der Rest ihrer Liga auf höherem Niveau spielt?

Um das Argument „es gibt keine leichten Spiele“ zu hinterfragen, müssen wir Ursache und Wirkung entwirren, was keine einfache Sache ist. Es ist ziemlich schwer zu sagen, ob die alten Top Four in Europa stärker unterwegs waren, weil ihre einheimische Konkurrenz schwächer war, oder ob diese Konkurrenz schlicht deshalb schwächer wirkte, weil die Topclubs regelmäßig um den Sieg in der Königsklasse kämpften.

Wenn das grundsätzliche Niveau in der Tat durch den Zufluss von TV-Geldern gesteigert wurde, stünde zu erwarten, dass das in der Tabelle ablesbar ist. Theoretisch sollte es für die Spitzenmannschaften heute schwieriger sein Spiele zu gewinnen, als es vor einem Jahrzehnt war. Aber dafür gibt es keinen Beweis. Die vier erstplatzierten Mannschaften sammelten zwischen den Saisons 2006/07 und 2010/11 durchschnittlich 78,8 Punkte pro Spielzeit ein.

Der Wert für die letzten fünf Saisons liegt nahezu unverändert bei 78,1 Punkten. Der gehypte Anstieg der Maßstäbe hat sich entweder nicht eingestellt, oder hat nichts dafür getan, die stärkeren Teams daran zu hindern, genauso gute Ergebnisse einzufahren wie es ihre Vorgänger taten.

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„DIE FEHLENDE WINTERPAUSE / ZU VIELE SPIELE“

Obwohl es unmöglich ist, den Effekt des rasanten Premier-League-Spielplans auf die Chancen der Vereine in Europa zu quantifizieren, erscheint die Annahme recht offensichtlich, dass die zusätzliche Belastung nicht hilft. Das Problem mit dieser Argumentation ist, dass sie keinerlei Aussage über den Abstieg der englischen Clubs über die letzten zehn Jahre macht. Sie kamen früher problemlos damit klar und, wenn überhaupt, sollten der Fortschritt in den Sportwissenschaften und noch breiter besetzte Kader über die Jahre diesen Nachteil aufgefangen haben.

Premier League festive fixtures 2017-18: Six games in 17 days next Christmas

Arsene Wenger calls it "unfair", Jose Mourinho says it "creates problems" and Sam Allardyce thinks the person responsible for it should be sacked. But with a shortened season next year to help England prepare for the 2018 World Cup, fixture congestion over the festive period could be even worse.

Das „Winterpause“-Argument verliert noch weiter an Glaubwürdigkeit, wenn wir uns die Teilnehmer der aktuellen Saison anschauen. Tottenham Hotspur war weit vor Weihnachten ausgeschieden. Arsenal hatte eine de-facto-Winterpause mit zehn freien Tagen zwischen den beiden Aufeinandertreffen mit Bayern und noch dazu die Chance, wichtige Spieler bei ihrem Sieg im FA Cup gegen das unterklassige Sutton United zu schonen.

Dasselbe gilt für Manchester City und Leicester City. Zehn spielfreie Tage erlaubten diesen Clubs Kurztrainingslager im Warmen zwischen ihren Achtelfinalpartien. Körperlich wirkten sie genauso auf der Höhe wie ihre Gegner vom Kontinent. Weihnachten für ein frühes Ausscheiden aus dem europäischen Wettbewerb im März zu beschuldigen, macht daher wenig Sinn.

„TOP-TEAMS BEFINDEN SICH IM ÜBERGANG“

Wenn wir den Fakt akzeptieren, dass englische Clubs nicht mehr wirklich englisch sind – Geographie außen vor gelassen –, ist die Fokussierung auf den gemeinsamen Nenner für das Versagen in der Champions League vielleicht fehlgeleitet. Es gibt eine Menge von individuellen Gründen, die man sich stattdessen anschauen könnte, von Tottenham Hotspurs Problemen im Wembley-Stadion und ihrer verhältnismäßigen Unerfahrenheit hin zu Arsenals chronischer taktischer Unfähigkeit auf der großen Bühne.

Manchester City befindet sich noch im Übergang unter Pep Guardiola und es schlicht Pech, dass das beste Team der Premier League, Antonio Contes Chelsea, sich nicht für den Wettbewerb qualifiziert hat. Manchester United unter José Mourinho wäre vielleicht besser für die Königsklasse geeignet gewesen als die beiden oben genannten Londoner Vereine.

🙌 #CFC #Chelsea

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Das Problem dieser Mikro-Analyse ist, dass sie uns nichts über das kollektive Versagen der englischen Clubs seit dem Höhepunkt des Finalspiels zwischen Chelsea und ManUnited in Moskau vor neun Jahren verrät.

Vielleicht werden individuelle Probleme durch eher strukturelle Faktoren verschlimmert und perpetuiert – zum Beispiel die übertriebene Abhängigkeit von mächtigen Trainern anstelle von langfristigem Planen. Mit der Ausnahme Chelsea hat keiner der englischen Großclubs es über die letzten Jahre geschafft, funktionierende Mannschaften aufzubauen und aufrecht zu erhalten, in krassem Gegensatz zu - zum Beispiel - Bayern, Barcelona, Real Madrid oder Juventus, die alle vergleichsweise wenig personellen Umbruch auf den wichtigen Positionen durchgemacht haben, obwohl auch dort die Trainer gewechselt wurden.

 

In England gibt es ständigen Umbruch, mit wenig Sachverstand auf der Vorstandsebene und neuen Trainern, die für einen Erneuerungsprozess zuständig sind, der keine Früchte tragen kann, bevor der nächste Neue alles von vorne beginnt. Nicht mal Arsène Wenger, der eine Trainer, der über einen langen Zeitraum arbeiten konnte, hat es geschafft, eine tragfähige Mannschaft mit Wiedererkennungswert aufzubauen.

Sofern nicht mehr Topmannschaften Chelseas Beispiel folgen und eine strategische Transferpolitik einführen, die unabhängig vom Mann auf dem Trainerstuhl ist, wird der Übergang vermutlich ein Dauerzustand sein, der die Chancen von Vereinen minimiert, die viel besser sein könnten, nutzten sie nur ihre beträchtlichen Ressourcen klüger.

Das ist das eigentliche Fazit: Bei allen Nachteilen, die das Ökosystem der Premier League hervorbringt, man hätte von den Vereinen erwartet, dass sie mit effektiven Strategien aufwarten, diese Nachteile zu überwinden. Das Scheitern in dieser Beziehung kann erklärt, nicht aber entschuldigt werden.

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03 2017 The Red Bulletin 

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