Raphael Honigstein Kolumne

Wieso Louis van Gaal bei Manchester United scheiterte und unter José Mourinho alles wieder gut wird

Text: Raphael Honigstein
Foto: Getty Images/Montage

Manchester United sucht seit Jahren einen würdigen Nachfolger für Sir Alex Ferguson. Ausgerechnet mit einem vielerorts verhassten Exzentriker ist dieser nun endlich gefunden - Experte Raphael Honigstein über Neo-Coach José Mourinho.
Raphael Honigstein
Raphael Honigstein

u.a. Fußball-Korrespondent bei „The Guardian“, Autor bei der „Süddeutschen Zeitung“ und seit kurzem Kolumnist bei „The Red Bulletin“
twitter.com/honigstein

Mit José Mourinho stellt Manchester United einen unverbesserlichen Egomanen, Provokateur, Gegner-, Schiedsrichter- und Medien-Beschimpfer, Paranoia-Verbreiter, unheimlich schlechten Verlierer und Ballonseide-Diktator ein. Wie kann man nur das von Alex Ferguson über Jahrzehnte hinweg gepflegte Vereinsethos mit all seinen hehren Werten so mit den Füßen treten?

Spaß beiseite, dass sich der Verein nun vollends dem Portugiesen ausliefert ist schon logisch, von den steigenden Einschaltquoten für die Old-Trafford-Soap dank des neuen Manns in der Hauptrolle mal ganz abgesehen. (Ken Early von der Irish Times hat dazu ein sehr schönes Stück geschrieben.)

Mourinho steht für den dritten, ganz ernsthaften Versuch des englischen Rekordmeisters, eine Überfigur Fergusonscher Prägung auf den Thron zu hieven. Das ist bei weitem nicht nur eine PR-Maßnahme: United sehnt sich nach einem Autokraten, da es ohne diesen überhaupt keine funktionierenden Strukturen und kompetente Entscheider gibt.

Die Glazer-Familie hat United in eine Geld-Maschine verwandelt, die auch unabhängig von sportlichen Erfolgen und Qualitätsware läuft - ähnlich wie die gesamte Premier League. Aber der Fußballverein United, eine ehemalige Weltmacht des Sports, ist als Ein-Mann-Klub konzipiert and kann anders in seiner derzeitigen Form gar nicht existieren. Puristen mögen Mourinho ästhetische Defizite nachsagen, doch er gibt den Red Devils genau, was sie brauchen: eine starke, kompromisslose Führung und eine vertikal-integrierte Transferpolitik. Er wird die Spieler kaufen, einsetzen und wieder verkaufen. Ed Woodward wird nur noch für die Unterzeichnung der Schecks gebraucht.

Ferguson hatte den sturen Schotten David Moyes als idealen Kandidat für die Chefrolle eingeschätzt. Doch der ehemalige Everton-Coach kam mit dem großen Druck und den vielen Stars in der Kabine nicht zurecht.

Louis van Gaal, sein Nachfolger, hatte sicherlich das nötige Sendungsbewusstsein für die Aufgabe, aber seine Herangehensweise unterschied sich sehr stark von Sir Alex. In allererster Linie sah sich der Niederländer als Trainer, nicht als Manager im englischen Sinn des Worts. Das Kaufen und Verkaufen von Spielern interessierte ihn nur am Rande.

Der größte Irrtum war es, in van Gaal eine Art Kopie von Ferguson zu vermuten, denn er arbeitete mit komplett gegensätzlichen Methoden.

Der 64-Jährige lieferte vor Saisonbeginn stets eine Liste mit erhofften Verpflichtungen bei Woodward ab, überließ es aber United, sich nach Alternativen umzusehen, wenn von den Wunschsspielern keiner zu bekommen war. Gegen seinen Willen wurde zwar niemand verpflichtet  - ein kleinerer Transfer scheiterte, weil van Gaal im Urlaub in Portugal nicht an sein Telefon ging - aber er vertraute weitestgehend dem Verein, Lösungen zu finden. Das war womöglich etwas naiv.

Der größte Irrtum war es jedoch, in van Gaal eine Art Kopie von Ferguson zu vermuten, denn er arbeitete mit komplett gegensätzlichen Methoden. Während der Schotte andere das Training leiten ließ und die Mannschaft an Spieltagen zu Höchstleistungen animierte, achtete van Gaal auf die penible Umsetzung seiner Trainingsinhalte und saß dafür in Partien meist still auf seiner Bank. Die unter Ferguson spürbare Angst vor dem Verlieren und den absoluten Willen konnte er seiner Elf nie eintrichtern.

Van Gaal verbrachte den Großteil seiner Zeit mit dem Versuch, Uniteds Fußball zu kontrollieren, bis ins kleinste Detail hinein und bestimmte Angriffsmuster. Fergusons Obsession war dagegen die Kontrolle über alles, was außerhalb des Platzes passierte. Der Fußball selbst blieb dabei oft aufregend chaotisch. Der Schotte beeinflusste Mediendebatten, schüchterte neugierige Journalisten ein und hielt die Spieler mit gezielten Ansprachen und einem engmaschigen Überwachungsnetzwerk an der Kandare. 

Jose Mourinho und die Journalisten - eine besondere Beziehung

© YouTube // WeTalkFootball

Van Gaal hatte mit seinem Schuldirektor-Aura, seinem putzigen Englisch und seine Faible für bizarre Aussagen („Sex-Masochismus“) weder die nötige Autorität noch die Verschlagenheit, unprofessionelles Verhalten zu verhindern. Memphis Depay wäre unter Ferguson sicher nicht im Rolls Royce zu einem Spiel der Reservemannschaft gefahren. Van Gaals tragikomische Versuche, sein Team dazu zu bewegen, Taktik-Video-Clips anzusehen, zeugen ebenfalls von mangelnder Führungskraft. Die United-Spieler erscheinen dabei jedoch ebenfalls in keinen guten Licht. (Van Gaal mag sich damit trösten, dass er nicht der erste Premier-League-Trainer war, der erfolglos hunderte von Taktik-Filmchen an seine Mannschaft verschickte.) 

Mourinho, der einst unter dem Niederländer beim FC Barcelona arbeitete, wird in Sachen und Training und Taktik ähnlich pedantisch wie sein ehemaliger Boss arbeiten, seinen Kader und alle anderen fußballrelevanten Abteilungen allerdings dabei viel stärker im Griff haben. Auf dem Höhepunkt seines Schaffens konnte der 53-Jährige seine Mannschaften formen, ohne sie dabei mit zuviel Information zu nerven oder wie ein Oberlehrer zu wirken. In der vergangenen Saison hatte der Portugiese sich beim FC Chelsea verrannt, doch nun hat er die Chance zu beweisen, dass er immer noch der große José ist -  der “special” Trainer, der Man United wieder zu einer allseits respektierten, gefürchteten und verhassten Instanz machen kann. 

Klicken zum Weiterlesen
05 2016 The Red Bulletin

Nächste Story