Sehgal

Tino Sehgal: Konstruierte Situationen

Bild (links): Wolfgang Stahr/laif

Tino Sehgal schafft Kunst, in der es um … tja, man weiß einfach nicht worum es geht.

Du musst dabei gewesen sein. Nur dann kennst du Tino Sehgals Kunst. Offizielle Fotos oder Videoaufnahmen gibt es keine. Nur Nacherzählungen. Kleine urbane Legenden. Zum Beispiel die von den Galerieaufsehern, die vor den Bildern an der Wand plötzlich zu tanzen und entzückt zu singen beginnen: „Oh, this is so contemporary!“ Oder die von dem kleinen Mädchen, das durchs Museum schlendert und wildfremde Besucher in tiefgründige Diskussionen über den Kapitalismus verwickelt. Oder die von der riesigen Menschenmenge, die plötzlich …*

Sehgal

* Da steht ja nichts? – Genau! Darum geht’s hier. Denn sonst entgeht dir Sehgals Kunst: Sei dabei, wenn sie passiert!

Oh, this is so contemporary!

Tino Sehgal, geboren in London und aufgewachsen in Deutschland, schafft „konstruierte Situationen“, wie er seine Kunst nennt. Darsteller treten nach Anweisungen des Künstlers in Aktion, die umstehenden Menschen sind immer Teil des Werkes. Sehgal ist penibelst darauf bedacht, dass keinerlei Aufzeichnungen seiner Arbeiten gemacht werden.

Katalogtexte oder Werkbeschriftungen? Macht er nicht. Klar: Gerade dann tauchen umso mehr verwackelte Handymitschnitte im Netz auf. Doch Sehgals Kunst ist und bleibt immateriell. Es geht immer um das Jetzt, das Überraschende. Nichts bleibt. Und obwohl – oder weil? – er sich so den gängigen Kriterien des Kunstmarktes widersetzt, legen Museen wie die Tate Modern in London oder das New Yorker Guggenheim zigtausende Euro für einen original Sehgal auf den Tisch. Ohne schriftlichen Vertrag übrigens. Man muss eben dabei gewesen sein.

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07 2015 The Red Bulletin

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