Alicia Keys

Alicia Keys im Interview: „Akzeptiere dich, wie du bist“

Text: Marcel Anders
Foto: Paola Kudacki

Alicia Keys ist eine Pop-Queen, die auf die ­Regeln des Business pfeift. Nach Perfektion ­streben? Hält sie für absurd.

Mit 75 Millionen verkauften Tonträgern und 14 Grammy Awards ist ­Alicia Keys ­einer der erfolgreichsten Popstars der Gegenwart. Was die US-Musikerin von den meisten Kolleginnen und Kollegen unterscheidet: Seit Beginn ihrer Karriere 2003 schreibt sie ihre Songs selbst – ebenso wie die Regeln, denen sie folgt.

„Die Konventionen des Showgeschäfts interessieren mich nicht.“

Vor kurzem gab sie ­öffentlich bekannt, sich nie wieder schminken zu wollen. Als klares Statement für natürliche Schönheit, gegen Perfektionismus. Denn nur Selbst­liebe führt zum Erfolg, sagt sie.

THE RED BULLETIN: Ihre neue Single „In Common“ ist ein Statement gegen das Streben nach Perfektion. Was stört Sie daran?

ALICIA KEYS: Lassen Sie mich eine Gegenfrage stellen: Wie definieren Sie Perfektion? 

Vollkommenheit? 

Damit kommen wir dem Kern des Problems schon näher. Ist das Streben nach Vollkommenheit als Mensch mit all seinen Makeln nicht absurd? Da sind Scheitern und Frustration doch vorprogrammiert.

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Sich hohe Ziele zu setzen ist doch nicht verkehrt?

Sie sollten sich fragen:

  • Wer setzt diese Ziele?
  • Sind es wirklich Sie selbst?
  • Oder werden sie Ihnen diktiert?

Schauen Sie sich um: Die Gesellschaft schreibt uns vor, wie wir auszusehen haben, was wir essen dürfen. Die Industrie drillt uns darauf, einem Ideal zu entsprechen, weil sie ihre Produkte verkaufen will. 

Aber Ihre Branche ist doch mitverantwortlich dafür!

Absolut richtig. Deshalb setze ich ein Zeichen dagegen. Ich schminke mich nicht mehr. Weder privat noch auf der Bühne. Weil mir irgendwann bewusst wurde, dass ich Make-up mein ganzes Leben lang als Schutzschild verwendet hatte. Um mein wahres Ich zu verstecken. Im Glauben, dadurch glamouröser zu sein. Ich dachte, dass ich geschminkt sein muss, um im Show-Geschäft erfolgreich zu sein. Totaler Blödsinn!

© Youtube // aliciakeysVEVO

Die meisten Manager würden Ihnen widersprechen.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe kein Problem damit, wenn Frauen Make-up tragen. Das ist eine persönliche Entscheidung. Ich fühle mich aber ungeschminkt wohler. Und es freut mich, dass ich für meine Entscheidung viel positives Feedback von jungen Frauen bekomme. Denn ich glaube fest daran: Um im Leben erfolgreich zu sein, musst du dich wohl in deiner Haut fühlen. 

Was können Männer von ­Ihrer Einstellung lernen?

Ganz einfach: Akzeptiere dich so, wie du bist. Und lass dir von niemandem einreden, dass du dein wahres Ich verstecken musst. Weder dein Gesicht hinter einer Wand von Schminke noch deine Ansichten hinter der vorherrschenden Meinung. 

„Wir können die Welt nur dann verbessern, wenn wir schwierige Themen offen und ehrlich ansprechen.“
Alicia Keys, 35

Das heißt konkret …?

Im Leben ist es oft einfacher und sicherer, seine Meinung für sich zu behalten und so Konfrontationen aus dem Weg zu gehen. Aber ich glaube fest daran, dass wir die Welt nur dann verbessern können, wenn wir schwierige Themen offen und ehrlich ansprechen. Mit meinen Songs versuche ich, Diskussionen in Gang zu bringen.

Zum Beispiel mit Ihrem neuen Stück „Holy War“, da singen Sie: „Krieg ist heilig, Sex ist obszön. Wir bringen da etwas gewaltig durcheinander.“

Genau. Denn es ist doch absurd: Wir empfinden Krieg als legitimes Mittel, um unsere Interessen durchzusetzen – während wir gleichzeitig etwas so Natürliches wie das Ausleben unserer Sexualität wie ein Tabu behandeln. 

Nicht jeder hat ein so großes Sprachrohr wie Sie. Wie kann ich selbst eine Diskussion in Gang setzen?

Sie fangen bei sich selbst an: Öffnen Sie die Augen. 

Ja?

Versuchen Sie, Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Brechen Sie aus Ihren Denkmustern aus, informieren Sie sich. Sie werden sehen, dass Sie dadurch selbstbewusster in Ihrem ­Denken werden. Und dass es Ihnen leichterfallen wird, Ihre eigene Meinung auch überzeugt zu vertreten.

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10 2016 The Red Bulletin

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