Bligg Stress Red Bulletin Fotoshooting

Bligg & Stress: Clash der Rap-Giganten

Interview: Adrian Schräder
Bilder: Sebastien Agnetti

Im November krachen die beiden Rapper beim Red Bull Soundclash aufeinander. Freunde seit 17 Jahren. Wissen alles voneinander. Dürfen sogar das Album des jeweils anderen als Erster hören. Doch aus dem Clash wird kein Wettkuscheln. „Wir sind hier nicht bei ‚Let’s Dance‘, in einem Freestyle-Battle reiss ich dich in Stücke!“

Am 8. November kommt es in Zürich zum grossen Schweizer Rap-Showdown: Bligg gegen Stress im direkten Bühnen-Duell. Der Zürcher Mundartist da gegen den Lausanner Rapper dort. Chartstürmer da gegen Gesellschaftskritiker dort. Urbane Klänge, abgeschmeckt mit Volksmusik und Rock, da, Power und Pop inklusive Hip-Hop dort. Für The Red Bulletin gab es schon mal einen ersten verbalen Schlagabtausch … Untergriffe inklusive, Ehrensache.

THE RED BULLETIN: In der Deutschschweiz kennt euch jeder zwischen fünf und fünfzig. Wie lange kennt ihr euch denn eigentlich schon?

Bligg Fotoshooting Red Bulletin

Bligg: „Wir wissen eigentlich immer, was beim anderen gerade so läuft. Stress kennt all meine Frauengeschichten …“

 Bligg: Puh, eine halbe Ewigkeit. Zwölf Jahre?

Stress: Noch länger! Unser erstes Treffen muss 1997 oder ’98 gewesen sein. Im Kaufleuten in Zürich, Dienstagabend, an einer Hip-Hop-Party. Ich hatte ein grauen­haftes blaues Avirex-Shirt an. Ich weiss noch, irgendjemand hat sogar Fotos ­gemacht von der Begegnung.

Stress, was dachtest du damals über Bligg?

Stress: Gar nichts. Ich kannte ihn nicht mal. Schweizerdeutsche Musik inter­essierte mich damals nicht. 

Und doch habt ihr schon 1999 einen ­gemeinsamen Track gemacht.

Stress: … weisst du noch? Hahaha.

Bligg: Klar. Wir waren da beide noch mit anderen unterwegs. Ich mit Lexx [Storrer] als Bligg ’n’ Lexx, du bei Double Pact mit Nega [Sérge Djoungong] und Yvan [Jacquemet].

Der Track wurde meines Wissens nie veröffentlicht …

Stress: … weil er scheisse war.

Bligg: Ich habe ihn noch!

Wessen Beitrag war scheisse?

Stress: Alles war scheisse. 

Der Kontakt blieb trotzdem bestehen.

Bligg: Ja. Ich hatte die Beats von Stress’ Produzent Yvan schon länger auf dem Schirm. Als ich 2001 an meinem Solo­album für Universal arbeitete, war die Zeit reif für die erste offizielle Zusammenarbeit. 

… die dann offenbar so viel Spass machte, dass ihr seither regelmässig auf den Alben des jeweils andern ­vertreten seid.

Stress: Und das kam manchmal auch ganz spontan. Ich erinner mich, als ich mit Noah Veraguth von Pegasus und Bastian Baker am Projekt „Noel’s Room“ arbeitete, kam Bligg eines Abends vorbei, wir grillten, und nebenbei entstand ein Song.

In den Anfängen hattet ihr mehr oder weniger dasselbe Publikum. Ist das heute noch so?

Stress: Es gibt sicher Fans von Bligg, die mit mir nichts anfangen können. 

… und zwar welche?

Stress: Die aus der Volksmusik-Ecke.

Bligg: Dafür gibt es einige von meinen Fans, die nicht verstehen, was du da auf Französisch faselst. Ich gebe zu, hin und wieder gehöre ich auch dazu, hahaha.

RED BULL SOUNDCLASH

Der Schlagabtausch zwischen Bligg und Stress am 8. 11. in der Maag Event Halle in Zürich geht über vier heisse Runden:

The Warm-Up

Aufwärmrunde. Die beiden Rapper spielen je drei Songs aus ihrem Repertoire. 

Runde 1: The Cover

Die Rapper müssen einen vorgegebenen Song eines Drittkünstlers covern – beide denselben.

Runde 2: The Takeover

Jeder Rapper muss zwei vom Kontrahenten angespielte Songs übernehmen und zu Ende spielen.

Runde 3: The Clash

Beide Rapper performen abwechselnd drei eigene Songs – im neuen Stil: von Polka bis Heavy Metal ist alles möglich.

Runde 4: The Wildcard

Hier präsentieren beide Rapper einen Song ihrer Wahl mit einem Überraschungsgast.

The Final

Cooldown und Hochspannung: Wen macht das Publikum jetzt zum Sieger?

Worüber reden Bligg und Stress eigentlich miteinander, wenn das Red Bulletin nicht dabei ist?

Stress: Immer wieder die gleichen ­Sachen. Sei’s musikalisch, sei’s menschlich. 

Bligg: Wir wissen eigentlich immer, was beim anderen gerade so läuft. Stress kennt all meine Frauengeschichten … 

Stress: Ist auch umgekehrt so. Ich kann mich erinnern, kurz nach meiner ersten ­Scheidung war ich in Spanien, und wir ­telefonierten über eine Stunde.

An welchem Punkt steht eure Freundschaft jetzt?

Stress: Wir sind reifer geworden. 

Bligg: Das liegt an all dem Scheiss, den wir durchgemacht haben. An den Erfolgen – so grosse Shows macht ja niemand hierzulande – und Erinnerungen: Ich weiss noch, als sich Stress’ „Renaissance“-Album 80.000 Mal verkauft hat. Das war damals für mich in weiter Ferne … 

Stress: Ja, und später kam dann dein „0816“. Das hat – bumm! – eingeschlagen wie eine Bombe … 

Wie man hört, seid ihr inzwischen auch eure jeweils grössten Kritiker?

Bligg: Absolut. Stress ist auch immer ­einer der Ersten, der ein neues Bligg-Album zu hören bekommt. 

Und er darf es auch beurteilen? Ohne dass die Freundschaft leidet?

Bligg: Ja.

Stress: Bligg ist dafür bei jeder meiner Pre-Listening-Sessions dabei.
bligg: … und ich sag ihm ehrlich meine Meinung. Wenn der Gesang nicht sitzt, zum Beispiel. Denn Talent für Melodien hat er zwar, aber Gesang ist nicht gerade seine Stärke, haha.

Im November kommt der endgültige Test für eure Freundschaft: Red Bull Soundclash. Wieso tut ihr euch das an?

Stress: Wir kommen aus der Hip-Hop-Kultur. Da misst man sich mit seinen Künstlerkollegen. Die Auseinandersetzung, das Battle hat eine lange Tradition. 

Bligg: Wir sehen das sportlich. Und ich sehe es überhaupt entspannt. Denn ich werde ja gewinnen.

Stress: … hahaha, träum weiter!

Bligg Stress

Stress: „Die Vor­bereitung auf Red Bull Soundclash ist wie die Vorbereitung auf einen Boxkampf. Du trainierst hart, ­studierst den Gegner. Am Tag selber kannst du dann nur dein ­Bestes geben. Da ­glaub ich an Karma.“

Was würdest du in einen Freestyle über Bligg packen, Stress?

Bligg: … wie soll er das tun? Er kann doch gar nicht freestylen!

Stress: Blablabla. 

Im Ernst, wie bereitest du dich vor?

Stress: Wie auf einen Boxkampf. Du ­trainierst hart, studierst den Gegner. Am Tag selber kannst du dann nicht mehr machen, als dein Bestes zu geben. Was passiert, passiert. Ich glaube da an Karma.

Als Boxer analysiert man ja besonders ­intensiv die Schwächen des Gegners. Stress, verrätst du uns die Schwächen deines Gegners?

Stress: Ich kann besser tanzen als er. 

Bligg: Kein Widerspruch. 

Stress: Genau deshalb werde ich mir den Arsch abtanzen. 

Bligg: Mach ruhig! Wir sind ja hier nicht bei „Let’s Dance“ … und in einem Free­style-Battle werde ich dich sowieso in Stücke reissen. 

Auf welche Schwächen von Stress zielt deine Strategie ab, Bligg?

Bligg: Ach, mit seinem Französisch versteht ihn ohnehin niemand richtig. 

Das ist aber nicht alles?

Bligg: Nein … (Überlegt lange.)

Stress: Mach nur. Ich kann’s verkraften. 

Bligg: Okay. Kann es sein, dass deine Freundin Ronja ein bisschen grösser ist als du?

Uh.

Stress: Kein Stress. Ist ja so. Ganz normal bei einem Topmodel. Netter Versuch. Aber lass uns doch über Musik sprechen!

„Bliggs Band ist ein Haufen Streber. Wir verkörpern Rock ’n’ Roll.“
Stress über Bligg

Gute Idee. Wer von euch hat die ­besseren Musiker?

Stress: Bliggs Band ist ein Haufen Streber. Wir verkörpern Rock ’n’ Roll. Wir bringen Energie. Was das angeht, sind wir die beste Liveband der Schweiz! 

Deine Jungs sind auch dafür bekannt, schon vor dem Konzert zu feiern.

Stress: Richtig! Und warum? Weil wir leben und geniessen! Wir sind keine ­Streber, die am Ende jedes Songs auf der Gitarre rumdudeln.

Bligg, hat Stress die bessere Band?

Bligg: Ach, jede Band braucht doch auch einen Sänger …

Stress: Bligg ist vielleicht ein toller ­Sänger, ich bin ein grossartiger Rapper.

Wer von euch ist körperlich fitter?

Stress: Wir sind beide sehr fit. 

Machst du immer noch Yoga, Stress?

Stress: Ja, jeden Tag. Ich gehe aber auch joggen und boxen. Und ab und zu ins Gym. 

Bligg: Sagen wir es doch ganz einfach: Du machst Mädchensport, ich mache Männersport. 

Stress: Du machst Schwachsinnssport. In dem es nur um dicke Oberarme geht. 

Bligg: Blödsinn. Ich mach auch Ausdauertraining. Aber beim Gewichtestemmen, da müsstest du definitiv einpacken. Da muss ich dir recht geben.

Stress: Unglaublich, wie optimistisch du klingst. Woher kommt dieses Selbstvertrauen? Hast du jemanden, der dir ­jeden Morgen den Nacken massiert und sagt: „Bligg, du bist der Beste?“

Bligg: Na klar!

Wer ist nun fitter? Das haben wir noch nicht geklärt.

Stress: Ich sag es mal so: Rein körperlich ist dieses Battle ein klarer Fall.

Bligg: So ist es. Ein klarer Fall.

Stress: Ein ganz klarer Fall sogar.

Na wenn alles so klar ist: irgendwelche letzten Worte?

Stress: Let the games begin! Das wird eine Nacht, die die Schweiz so schnell nicht vergessen wird. Das verspreche ich.

Bligg: Da wird Geschichte geschrieben. So etwas hat es noch nie gegeben.

Special Guests schon ausgewählt?

Stress: Wo denkst du hin? Ich komme aus der Welschschweiz, das organisiere ich ganz entspannt am Vortag. Bligg hat seinen Assistenten bestimmt schon vor Monaten darauf angesetzt. Typisch ­Streber eben! Weisst du, eigentlich tritt hier das Rock-’n’-Roll-Team gegen das ­Streberteam an.

Bligg: … Moment mal. Wer ist hier der Leitungsleger, und wer ist Akademiker? Wen nennst du Streber? 

Stress: Danke, dass du mich daran ­erinnerst, dass ich einiges mehr im Kopf habe. Rock ’n’ Roll bin ich trotzdem. Wie Mick Jagger. Der ist auch zugleich Genie und die Verkörperung von Rock ’n’ Roll.

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09 2014 The Red Bulletin

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