Der wahre Bud Spencer

Regisseur Karl-Martin Pold: So war der wahre Bud Spencer

Interview: Christoph Kristandl
Foto: Getty Images

Bud Spencer kennt jeder. Doch die wenigsten wissen von Carlo Pedersoli, dem wahren Menschen hinter der Kultfigur. Karl-Martin Pold schuf die erste Kino-Doku über den Italiener und gibt einen Einblick in das wahre Wesen von Bud Spencer.

Aus seinem Lieblingsbier Budweiser und seinem Lieblingsschauspieler Spencer Tracy formte Carlo Pedersoli in den 1960er Jahren seinen Künstlernamen Bud Spencer – und legte damit den Grundstein zu seinem Kultstatus.

Seine Filme laufen auch Jahrzehnte später noch auf und ab und begeistern mehrere Generationen von Zuschauern. Carlo Pedersoli war aber mehr als der große, knurrende Haudrauf den wir kennen. Er schwamm bei den Olympischen Spielen und studierte Rechtswissenschaften, war Erfinder und Musiker, Bibliothekar und Straßenarbeiter. 

Ein bewegtes Leben, dem Karl-Martin Pold mit „Sie nannten ihn Spencer“ ein erstes filmisches Denkmal setzt. Der Österreicher traf Pedersoli vor dessen Tod im Juni 2016 mehrmals persönlich, unterhielt sich mit Weggefährten und kennt Pedersolis …

  • wahren Charakter
  • Beziehung zu Terence Hill
  • Status als faules Genie
  • Stellenwert für die Filmbranche
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THE RED BULLETIN: Woher kommt Ihre große Begeisterung für Bud Spencer?

KARL-MARTIN POLD: Die Filme waren Teil meiner Jugend und sind für mich einfach nicht wegzudenken. Ähnlich wie Star Wars, Rocky oder Rambo. Das ist eine Kultur, mit der ich aufgewachsen bin. Jedes Wochenende lief irgendein Bud-Spencer-Film - es gibt ja auch wirklich viele. 

Und das ist heute nicht anders. Die Filme sind teilweise 50 Jahre alt – und funktionieren immer noch.

Bud Spencer hat einfach eine enorme Ausstrahlung. Mit seinem Lächeln und seiner Menschlichkeit ist er wie ein großer Teddybär. Manche können vielleicht mit den Filmen nicht viel anfangen, aber der Typ Bud Spencer berührt viele. Für mich war er immer der starke Riese mit dem großen Herzen, der sich für die Armen und Schwachen einsetzt. Manchmal etwas grummelig und launisch und immer hungrig - das war mein Bild von ihm aus dem Fernsehen.

Und wie war er im wahren Leben?

Genau so, das hat mich total fasziniert. Er hatte eine unglaubliche Freundlichkeit, war witzig und machte immer ein paar lockere Sprüche. Wenn er nach einer Stunde keine Lust mehr hatte zu reden, dann hat er dich aber auch einfach rausgeschmissen. Mit seiner ureigenen Herzlichkeit und dem Hinweis, dass man gerne wieder einmal vorbeikommen könne. Das war seine typisch neapolitanische Mentalität. Noch überraschender war aber, dass Terence Hill das komplette Gegenteil ist. Die beiden waren wie Tag und Nacht.

Inwiefern?

Im Film ist Terence immer dieser coole Typ, stets einen flotten Spruch auf den Lippen und der Held aller Frauen. Der echte Mario Girotti hingegen ist total zurückgezogen und schüchtern. Ein Intellektueller, sehr kultiviert. Während Carlo typisch Italiener war, das Laissez-Faire samt Essen, Feiern, Party genoss und es immer ruhig anging, trägt Mario eher deutsche Klischees in sich, die er von seiner deutschen Mutter mitbekommen hat. Er ist überpünktlich, übergenau, überkorrekt. Er spricht auch fließend Deutsch und freut sich immer, wenn er es anwenden kann.

Und seine blauen Augen …

Echt.

Wirklich?

Sie sind mittlerweile nicht mehr so intensiv blau wie früher und in den Filmen spielten natürlich auch immer Licht und Kameraeinstellungen mit. Aber ja, sie sind wirklich blau. 

Die beiden waren ein großartiges Duo. Hätte Bud Spencer auch ohne Terence Hill annähernd denselben Erfolg haben können?

Das ist schwer zu sagen, aber beide haben nach ihren ersten gemeinsamen Produktionen auch Solofilme gedreht und da hatte Bud die Nase immer etwas vorne. Terence hatte seine Rolle als Frauenschwarm und Trickser, Bud funktionierte auf mehreren Ebenen. Er drehte auch viele Kinderfilme, weil er diese Zielgruppe ebenso ansprach. 

Dass die beiden vor der Kamera zusammenfanden, war allerdings Zufall.

In „Gott vergibt … Django nie!“ sollte eigentlich Peter Martell an der Seite von Bud Spencer spielen. Nur weil dieser sich den Fuß brach, kam Terence zum Zug.

Der Beginn einer riesigen Erfolgsgeschichte …

… und der Anfang vom Ende des Brutalowesterns. Italien war in den 60er Jahren als Filmproduktionsland ganz groß, Italowestern wie „Django“ und „Leichen pflastern seinen Weg“ waren große Erfolge. Während die Amerikaner brave Western produzierten, in denen der saubere John Wayne mit seinem weißen Hut den bösen, dreckigen, vernarbten Banditen bekämpfte, baute der Italowestern Antihelden auf. Die Filme wurden immer brutaler und extremer. Das Credo lautete: Je mehr Tote, desto mehr Leute gehen ins Kino.

Als Kameramann Enzo Barboni, unter dem Pseudonym E.B. Clucher, das Drehbuch zu „Die rechte und die linke Hand des Teufels schrieb“, lehnten die Produzenten reihenweise ab. Ein lustiger Western, ohne einen einzigen Toten und mit komischen Gags – das kann nicht funktionieren, so der Tenor. Nur Italo Zingarelli, ein bekennender Pazifist, wagte es und produzierte 1970 damit einen Riesenhit. Die Fortsetzung „Vier Fäuste für ein Halleluja“ sprengte ein Jahr später alle Dimensionen, die Kinos wurden gestürmt. Bud Spencer und Terence Hill haben so auch die Filmgeschichte verändert und zugleich den Italowestern vernichtet. 

 

Wie war die private Beziehung zwischen Carlo Pedersoli und Mario Girotti?

Wenn du 40 Jahre gemeinsam arbeitest, gibt es natürlich auch mal Streit. Aber sie haben sich gegenseitig extrem respektiert und sich auch später jedes Jahr mindestens einmal getroffen. Es war wirklich bis zuletzt eine enge Freundschaft. Wenn man Marios emotionale Rede auf Carlos Trauerfeier hört, merkt man, wie sehr die beiden verbunden waren. Und man muss sich vorstellen; in Rom schwammen beide im selben Schwimmklub. Carlo war zehn Jahre älter und für den kleinen Mario ein unantastbarer Held. Mario war Fan und sah Carlo beim Trainieren zu, was ihn aber etwas enttäuschte. Er dachte, Carlo würde intensiv trainieren, doch der sprang in das Becken, schwamm zwei Längen und war fertig. Seine Wegbegleiter sagen, Carlo war ein Riesentalent und hätte locker eine Olympia-Medaille holen können – er brach ja auch etliche italienische Rekorde. Aber er war ein fauler Hund. Immer ein bisschen rauchen, ein wenig trinken, Mädels und Spaß haben - hartes Arbeiten entsprach nicht gerade seinem Naturell. 

Obwohl er so viele Dinge gemacht hat? 

Er war immer sehr unternehmungslustig und hat viel probiert. Vermutlich auch, weil seine Eltern ein erfolgreiches Möbelunternehmen betrieben. Vor seiner Filmkarriere baute er etwa an der Panamericana-Schnellstraßennetz mit, arbeitet als Bibliothekar und Botschafts-Sekretär und studierte Rechtswissenschaften. Er war Komponist und Erfinder einer Reiszahnbürste mit integrierter Zahnpasta, eines dreiläufigen Gewehrs und mehr. Dieser Mensch hat so viele Dinge gemacht, dieser Tatendrang war von seiner Jugend an in ihm drinnen. Aber er hat eben auch immer den Weg mit dem geringsten Widerstand gesucht.

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12 2016 THE RED BULLETIN

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