Der neue King Arthur Charlie Hunnam im Interview

Charlie Hunnam: Der nachdenkliche King Arthur im Interview

Text: Rüdiger Sturm
Fotos: Marc Hom / Trunk Archive

„Vergiss deine Rechnungen, vergiss deine Arbeit, vergiss deine Kinder!“ Das rät Schauspieler Charlie Hunnam. Was es damit auf sich hat und wieso du dich nicht mit ihm anlegen solltest, verrät er im Gespräch mit The Red Bulletin.

Wir kennen ihn als Testosteron-Helden aus Serien wie „Sons of Anarchy“. Als „King Arthur“ strahlt Charlie Hunnam eine ähnliche Aura von raubeiniger Männlichkeit aus. Bei näherem Hinsehen wirkt der 37-jährige Brite zerbrechlich und introvertiert, ist mehr Gelehrter als Krieger. Das ist kein Zufall: Es gibt wohl kaum einen Actionstar, der so tief in seiner Seele gewühlt hat.

THE RED BULLETIN: Was braucht es, um König zu werden?

CHARLIE HUNNAM: Was Arthur angeht, der kommt aus dem Nichts und sieht sich plötzlich mit einem Schicksal konfrontiert, das er für sich nie so geplant hatte. Daher hat er Riesenangst vor dieser Verantwortung, denn keine äußere Herausforderung, die du im Leben gemeistert hast, bereitet dich auf so etwas vor. 

Welche Herausforderung ist es dann?

Du musst erst deine inneren Dämonen besiegen, um die nötige Stärke zu entwickeln. Als ich diese Rolle spielte, musste ich viel an Conor McGregor denken, den amtierenden Leichtgewichts-Champion im Ultimate Fighting. Er sagt immer: „Es gibt keinen Gegner. Im Oktagon (dem achteckigen Kampfring; Anm.) kämpfe ich gegen mich selbst. Über Sieg oder Niederlage entscheiden nur ich, meine Ängste und meine Fähigkeiten.“

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Sie sind zwar weder König noch Fighter, aber kämpfen Sie auch gegen innere Dämonen?

Klar. Mit Mitte dreißig kapierst du, dass du ein Produkt der Einflüsse bist, denen du als Kind ausgesetzt warst. In den letzten vier, fünf Jahren habe ich also tief in meinem Innersten gewühlt, um die Faktoren rauszufinden, die gut und hilfreich für mich sind, und die Altlasten, die auf Enttäuschungen oder Traumata meiner Kindheit zurückgehen. 

„King Arthur: Legend of the Sword“: ab 12. Mai im Kino

© youtube // vipmagazin

Tun Sie das allein, oder haben Sie einen persönlichen Zauberer Merlin, der Ihnen dabei hilft?

Zum Glück hatte ich mehrere Mentoren, einer davon war Guy Ritchie, der Regisseur von „King Arthur“. Er hat mir ein Buch des Schriftstellers Napoleon Hill empfohlen – „Outwitting the Devil: The Secret to Freedom and Success“. Das ist im Grunde ein 300-seitiges Zwiegespräch des Autors mit dem Teufel. Wie sich dabei herausstellt, verkörpert der Teufel nur unser inneres Ringen mit uns selbst. Du lernst dabei, deine Ängste in verdauliche Portionen aufzuteilen, dann kannst du sie verstehen und bezwingen. Das ist zwar keine witzige Art, einen Sonntagnachmittag zu verbringen, wenn du doch Reality-TV oder deinen Lieblingsfilm schauen könntest, aber auf lange Sicht ist das ungeheuer wertvoll.

An welchen Traumata haben Sie gelitten?

Als Junge wurde ich von anderen Jungs ziemlich schikaniert. Ich geriet häufig in Schlägereien, einige verlor ich, und ein paar Mal wurde ich übel verprügelt.

Sie fürchten sich also vor Gewalt? 

Es ist schon ein bisschen komplizierter: Wenn dir das passiert, dann denkst du dir: „Ich tue alles, was in meiner Macht steht, damit ich so etwas nie wieder erlebe.“ Also lernst du zu kämpfen.

Charlie Hunnams Credo: Lerne kämpfen, um nicht kämpfen zu müssen.

© Warner Bros.

Klingt nach einer nachvollziehbaren Reaktion.

Ich mache auch heute noch Kampfsporttraining, weil ich will, dass mir so etwas nie wieder passiert. Das hat auch meine ganze Einstellung gegenüber anderen geprägt. Ich wollte, dass die Leute kapieren: „Wenn du dich mit mir anlegst, wirst du das bereuen.“ Aber dann dämmerte mir: In Wirklichkeit war ich ein Sklave meiner eigenen Ängste. In vielfacher Hinsicht habe ich meinem Vater nachgeeifert. 

„Viele Menschen, die in ihrer Jugend Opfer von Gewalt wurden, entwickeln sich dann selbst zu Schlägertypen und setzen diesen unseligen Zyklus fort.“

… laut Wikipedia ein „Gangster und Schrotthändler“ …

Er war ein ziemlich respekteinflößender Typ. Ich versuchte so zu sein wie er, ganz besonders in meiner Filmarbeit. Viele Menschen, die in ihrer Jugend Opfer von Gewalt wurden, entwickeln sich dann selbst zu Schlägertypen und setzen diesen unseligen Zyklus fort. Auch ich habe häufig harte Typen gespielt. Und hatte dabei das Gefühl, meine Ängste auszutreiben, indem ich auf der Leinwand zum Übermacho wurde. Das übertrug sich dann aber auf mein Selbstbild im realen Leben. Ich wurde zwar kein Schläger, doch ich wollte den Respekt anderer Männer, egal in welchem Umfeld. Heute ist mir klar, was für ein völliger Quatsch das war. Denn ich weiß jetzt, wer ich wirklich bin. 

Charlie Hunnam as King Arthur

„Teile deine Ängste in verdauliche Portionen auf, dann kannst du sie verstehen und bezwingen“

Welche Technik eignet sich für eine solche Selbstfindung? 

Du musst dir erst einmal die ganzen sozialen und wirtschaftlichen Zwänge bewusst machen, die auf dir lasten. Denn die verhindern sehr oft, dass du deine innere Essenz, deine wichtigsten Pläne wahr machst. Denk zurück an deine Kindheit: „Was war damals mein Lebensplan? Meine Hoffnungen und Träume?“ 

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Aber sind solche Ziele nicht kindisch?

Fuck it. Du hast das Recht, das anzustreben, was du in deinem Leben willst. Leider verlieren viele Leute den Mut, oder sie verstricken sich in die Erwartungen anderer und vergessen, was sie wirklich wollen. Ich bin ein großer Fan von Joseph Campbell, dem legendären amerikanischen Mythenforscher. Er hat sein ganzes Leben darauf verwendet, die Bedeutung unserer Existenz und Reise durchs Dasein zu verstehen. Kurz vor seinem Tod gab er eine Reihe wunderbarer Fernsehinterviews, in denen er sich alles noch mal von der Seele redete. Sein Motto war: „Folge deinem Glück.“ Er sagte: Du kannst eines für dich tun, so schwer es auch sein mag. Und das ist: Reserviere dir eine Stunde pro Tag, wo du nichts von dem tust, was du machen müsstest. Vergiss deine Rechnungen, deine Arbeit, deine Kinder. Verbringe diese Zeit in deinem eigenen Geist und versuche, dir deinen inneren Plan bewusst zu machen und ihn zu entfalten. Du kannst Gedichte schreiben, spazieren gehen oder Musik hören, Hauptsache, du machst etwas für dich. Am Anfang passiert in dieser Stunde vielleicht nichts Besonderes. Aber wenn du am Ball bleibst, dann wird sich nach einiger Zeit dein wahres Selbst zeigen.

#Photo #SOA thx to my photographer friend! Best photo !

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Okay, sagen wir: Sie haben Ihr wahres Selbst gefunden. Was passiert dann?

In meiner Jugend habe ich den amerikanischen Philosophen und Dichter Henry David Thoreau verschlungen. Der schrieb: „Bewegt man sich zuversichtlich in die Richtung seiner Träume und strebt danach, das Leben zu führen, das man sich vorstellt, erlebt man Erfolge, die man nicht erwartet hat.“

„Stürze dich mit vollem Einsatz in Aktivitäten, die dir am Herzen liegen, dann wird das Universum alles tun, um dir zu helfen.“

Was heißt das genau?

Stürze dich mit vollem Einsatz in Aktivitäten, die dir am Herzen liegen, dann wird das Universum alles tun, um dir zu helfen. 

Ihr Wort in Gottes Ohr.

Mein Leben ist das beste Beispiel dafür. Ich habe meine Ausbildung komplett versiebt, weil ich von dem Gedanken besessen war, Filme zu machen. Ursprünglich wollte ich Autor und Regisseur werden, dann verlegte ich mich auf die Schauspielerei. Ich ging mit beschissenen Noten und Zukunftsaussichten von der Schule ab und schrieb mich für ein Filmseminar ein. Und ich hängte mich so rein wie noch nie zuvor in meinem Leben. Ich schrieb Briefe an Schauspieleragenten im ganzen Land und startete eine regelrechte Kampagne, damit die Dinge eine Eigendynamik bekamen. Ein Jahr lang konzentrierte ich mich nur auf das Ziel, eine Zukunft, wie ich sie mir vorstellte, zu realisieren. Und am Heiligen Abend passierte es.

Charlie Hunnam as King Arthur

Charlie Hunnam als Arthur: Als er das Schwert Excalibur aus dem Stein zieht, ist das Leben, wie er es kannte, vorbei.

© Warner Bros.

Am Heiligen Abend – im Ernst?

Ja. Ich hatte mit meinen Weihnachtseinkäufen wie immer bis zum Nachmittag vor Heiligabend gewartet. An diesem Tag war ich um elf im Pub, gegen zwei war ich dann so richtig locker drauf und dachte: „Okay, Zeit für Geschenke.“ Ich wollte Turnschuhe für meinen Bruder kaufen, und im Geschäft tanzte und alberte ich mit einem Kumpel von mir rum. Ich sah, wie mich eine Frau anschaute, und hab ihr eine Kusshand zugeworfen. Sie kam rüber, und es stellte sich heraus: Sie war die Herstellungsleiterin bei „Byker Grove“, der einzigen TV-Serie, die in meiner Heimatstadt Newcastle gedreht wurde. Sie fragte mich: „Du bist toll, hast du schon einmal dran gedacht, Schauspieler zu werden?“ Ich zog dann so richtig meine Masche ab, nach dem Motto „Ich hatte nie was anderes vor“. Und sie besetzte mich für drei Folgen. Nachdem ich ein ziemlich schlauer Siebzehnjähriger war, ging ich dann zu einer Agentur, von der ich mich vertreten lassen wollte. Ich sagte: „Ich hab euch einen Haufen Briefe geschrieben, aber ihr habt nie geantwortet. Also habe ich mir selbst einen Job besorgt. Eigentlich habt ihr kein Recht auf die Kommission, aber ihr könnt sie dennoch haben, wenn ihr meine Agenten werdet.“ Das wurden sie auch, und sie schickten mich auf Vorsprechtermine. Gleich beim ersten bekam ich eine wichtige Rolle in einer TV-Serie

„ich alberte ich mit einem Kumpel von mir rum und sah wie mich eine Frau anschaute. Sie kam rüber, und es stellte sich heraus: Sie war die Herstellungsleiterin bei „Byker Grove““
Charlie Hunnam: Wie er zu seiner ersten Rolle kam

Und Sie erlebten Erfolge, wie Sie sie nicht erwartet hatten?

Genau. Es war fast so, als würde Arthur das Schwert aus dem Stein ziehen. Dann folgte allerdings eine Zeit andauernder Reinfälle. Aber jetzt reite ich auf der nächsten Erfolgswelle. Zumindest hoffe ich das. 

Aber was ist dabei Ihr wahres Ziel?

Immer näher an meine persönliche Wahrheit heranzukommen.

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06 2017 The Red Bulletin

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