Joel Basman im Interview

Joel Basman:
Interview mit DEM
Schweizer Filmstar

Text: Stefan Wagner
Fotos: Christoph Köstlin

Noch nie war ein Schweizer Schauspieler so jung so erfolgreich wie Joel Basman. Ein Gespräch übers Schauspielen, übers Neinsagen, über Scham und über zweieinhalb Minuten mit Bill Murray.

THE RED BULLETIN: Herr Basman, Sie spielen bevorzugt Rollen von Menschen, die nicht so zur Identifikation taugen, Nazis, Irre, Süchtige, Mordopfer. Kritiker heben besonders die Intensität Ihrer Darstellung hervor. Woher kommt die?

JOE BASMAN: Die kommt wohl aus einem gewissen Wahn, mich auf das, was ich tue, einzulassen. 

Das klingt jetzt anspruchsvoll. 

Sie können auch einfach „Flow“ sagen. So nennt man den Zustand, wenn man in das, was man tut, völlig versinkt, egal was es ist. Als Barkeeper hier hinterm Tresen kannst du genauso im Flow sein, wenn es dir nur darum geht, mit deinen Drinks die Leute glücklich zu machen. Das Besondere an meinem Beruf: Wenn Dreharbeiten über Monate gehen, kann der Flow Monate dauern. Und dann wird’s wirklich geil.

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Unser Gespräch findet wenige Wochen vor Dreharbeiten statt, bei denen Sie Rudolf Höss spielen werden, den Kommandanten des KZ Auschwitz. Wie geht’s Ihrem Flow aktuell? 

Die intensive Zeit beginnt gerade. Die Zeit, in der ich immer tiefer in diesen Rudolf-Höss-Kosmos reingehe und nicht mehr rauskomme. Wenn ich mich zu Hause einbunkere, immer dieselben Biografien lese, dieselben Bilder gucke, dieselbe Musik höre. Immer mehr Höss werden, darum geht’s die nächsten Wochen.

Man wird nach Abschluss der Dreharbeiten aber schon wieder 100 Prozent Basman? Weil ein Stückchen Höss im Charakter, ich weiß nicht …

Es ist nicht immer leicht, wieder rauszukommen. Du übernimmst ja enorm viel von der Figur, Bewegungsabläufe, Verhaltensweisen, Gefühle. Ein Dreh macht was mit deinem Kopf. Das geht weit ins Leben rein.

So weit, dass Ihre Freunde mit Ihnen weniger gern auf ein Bier gehen, wenn Sie einen Nazi spielen?

Ich treffe meine Freunde in den nächsten Wochen nicht, das ist richtig. Die Zeit, in der ich zum Höss werde, tu ich niemandem an.

„Ich treffe meine Freunde in den nächsten Wochen nicht. Die Zeit, in der  ich zum KZ-Kommandanten Rudolf Höss werde, die tu ich niemandem an.“  

Ist es Qualitätskriterium eines Schauspielers, dass sein Privatleben unter dem Beruf leidet?

Ja. Auf jeden Fall. 

In „Wir sind jung. Wir sind stark.“ waren Sie ein richtig überzeugender Neonazi. Waren Sie da vor allem stolz auf die Leistung, oder haben Sie sich vor allem gefürchtet und geekelt vor der Figur?

Für den Menschen Joel Basman war das eine sehr unangenehme Erfahrung, als ich den Film gesehen habe, eigentlich zu krass. Für den Schauspieler Joel Basman war es aber geil, diese Furcht und diesen Ekel zu empfinden. Aber eben nicht eindimensional.

Inwiefern nicht eindimensional? 

Meine Begeisterung für diesen Beruf hat auch damit zu tun, dass ich versuchen darf, zu verstehen, was im Menschen vorgeht. Ich glaube ja, dass es kein absolutes Böse und kein absolutes Gut gibt, sondern alles hat einen Anfang, jeder hat eine Erziehung, ein Umfeld, Einflüsse. Das muss ich ergründen. Schwarz und weiß, gut und böse, das wäre zu einfach.

Sie sind Jude, Herr Basman. Und Sie spielen einen Nazi aus ganzem Herzen. Ich würde ihn an Ihrer Stelle sabotieren, der Lächerlichkeit preisgeben.

Ich muss mega aufpassen, dass ich nicht mit einem fertigen Urteil in eine Rolle reingehe. Wenn ich Rudolf Höss spiele, dann muss ich mit ihm dahin gehen, wo er noch nicht der war, zu dem er wurde. Ich muss in seine Kindheit gehen, muss verstehen, was passiert ist, dass dieser Mensch an einen Punkt gekommen ist, dass das, was er tat, für ihn Sinn ergeben hat, eine Konsequenz war. Ein Kind, das in Nazi-Deutschland geboren ist, ist ja kein Nazi. Es ist in einem Land geboren, wo die Hakenkreuzfahne so normal war wie für mich ein weißes Kreuz auf rotem Grund. So muss ich das sehen. Was ich persönlich als Joel vor und nach dem Projekt von diesem Menschen halte, ist völlig irrelevant. Ich muss einen Menschen erschaffen, mit der ganzen Kraft und Loyalität, die ich habe. Auch wenn ich den im richtigen Leben am liebsten tot sehen möchte.

Youtube // Peter Böckle

Was unterscheidet einen guten von einem schlechten Schauspieler, einen guten von einem schlechten Film?

Letztens saß ich an einem Tisch, zehn Leute, wir sprachen über „Toni Erdmann“. Die eine Hälfte hielt den Film für absolute Riesenscheiße, die andere Hälfte für das Allergrößte der letzten fünf Jahre. Genauso muss das sein. Totale Zustimmung, totale Ablehnung. Dann hast du alles richtig gemacht.

Mir wären 100 Prozent Zustimmung ja lieber.

Nein! Woran muss ich denn arbeiten, um 100 Prozent zu erreichen? Welche Kompromisse muss ich eingehen? Dann wird ja alles Fake! Wenn 100 Prozent cool finden, was du tust, hast du was falsch gemacht.

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Man darf als Schauspieler niemals eitel sein, haben Sie einmal gesagt. Ich glaub Ihnen das nicht. Und ich meine damit gar nicht, dass man gut oder nicht gut aussieht, Sie zum Beispiel müssen ja in vielen Ihrer Rollen schrecklich aussehen. Ich denke etwa an George Clooneys Hollywood-Film „Monuments Men“. Sie waren im Gespräch für die Hauptrolle, genommen wurden Sie dann für eine 2 ½-Minuten-Rolle. Gemeinsam mit Bill Murray, immerhin, aber: schon eine Degradierung, nicht? 

Gar nicht. Eine Szene mit Bill Murray als Degradierung zu empfinden, das wäre eitel gewesen. Natürlich gibt es Kollegen, die machen nur Sachen, wenn sie die Nummer eins sind. Das ist mir fremd. Ob dein Beitrag groß oder klein ist: nicht wichtig. Dass das Ding am Ende gut wird: sehr wichtig. 

In einem Interview haben Sie gesagt: „Eine gute Agentur und ein Gespür dafür, was man will und was man nicht will – dann kann kommen, was will.“ Gute Agentur okay, aber wie entwickelt man dieses Gespür?

Schwieriger, als zu erkennen, was richtig oder falsch ist, ist, die Konsequenz zu ziehen. Einfach abzusagen, einfach nein zu sagen, wenn was nicht passt.

Das Tattoo auf Ihrem Handrücken sind die hebräischen Schriftzeichen für „Nein“. Ist „Nein“ so wichtig, dass man sich täglich daran erinnern muss? 

Nein zu sagen ist so viel schwieriger, als ja zu sagen. Aber es ist die Mühe wert. Nur ein Nein lässt dich wachsen. Probieren Sie’s mal: Die Wirkung eines Nein-Moments ist um so viel stärker als die eines Ja-Moments. Da sind wir wieder bei diesen 100 Prozent Anerkennung von vorhin. Wir glauben, alle müssen dich immer toll finden. Niemand darf dich scheiße finden, mach dir nur ja keine Feinde, sei immer happy und cool mit allen. Aber das stimmt nicht! Akzeptiere, dass es viel mehr bringt, wenn da Zustimmung ist und Ablehnung, beides! 

Das Böse fasziniert Sie, wie Sie immer wieder sagen, Ihre Traumrolle wäre ein Bond-Bösewicht. Wenn Sie sich auf das grundsätzlich Böse einer Rolle einlassen, fürchten Sie sich dann auch vor sich selbst? Wie sehr steckt in Ihnen ein Mörder?

Jeder Mensch ist fähig, all das zu machen, was auf dieser Welt möglich ist. Wäre ich, Joel Basman, bereit, einer Frau nach Hause zu folgen, sie zu vergewaltigen und zu erwürgen, wie meine Figur in dem Borowski-„Tatort“? Unvorstellbar. Aber was, hätte ich mit zwölf irgendwas Schlimmes erlebt? Was wäre dann? Was hätte sich in meinem Gehirn verändert? Es ist hochnäsig, sich moralisch sicher zu sein.

Nimmt das Publikum überhaupt wahr, dass alle diese Gedanken in Ihrer Arbeit stecken? Wären Sie ein schlechterer Neonazi, gingen Sie mit Ihren Freunden während der Dreharbeiten auf ein Bier? Opfern Sie nicht zu viel?

Unbewusst nehmen die Leute alles wahr. Ganz sicher.

… während sie daneben Popcorn essen oder SMS tippen. Zahlt es sich aus, so viel zu investieren?

Es geht nicht anders! Allein schon als Absicherung für mich. Weil ich nur dann das Gefühl habe, ich habe den Job so gut gemacht, so gut ich irgendwie kann. Und die Anerkennung für etwas, in das man alles gesteckt hat, zählt ja auch viel mehr. Wenn es sich ausgezahlt hat, sich zu investieren, das ist die größte Freude, die man haben kann.

„Zustimmung und Ablehnung, beides muss da sein. Wenn 100 Prozent  cool finden, was du machst, dann hast du etwas falsch gemacht.“

Sie sagen auch: „Am liebsten spiele ich Rollen, die ich nicht spielen kann.“ Komfortzone ist nicht so Ihr Bereich, oder?

Eines kann ich Ihnen sagen, aus Erfahrung: In den Momenten, in denen ich diese Zone verlassen habe, sind die besten Sachen meines Lebens passiert. Oft kam zuerst eine Klatsche in die Fresse, aber danach kam eine noch größere Umarmung. 

Beispiele?

Es geht um alle Situationen, in denen du über deinen Schatten springen musst. Es ist ein unglaublich geiles Gefühl, wenn du etwas getan hast, das du dir nicht zugetraut hast. Wenn du dich einer Situation ausgesetzt hast, vor der du Angst hattest. Muss nicht mal hundertprozentig gelingen. Du musst es nur probiert haben. Darum geht’s. Das ist sicher auch einer der Gründe, warum ich diesen Beruf liebe. Weil ich da einfach dauernd Sachen machen darf, vor denen ich Schiss habe. Weil er mir erlaubt, in diese Sphären reinzugehen, die dreckig sind, ekelhaft, voll Hass. Und dort auch die Kontrolle zu verlieren, weil es eben nur dann echt ist.

Das T-Shirt, das Joel Basman auf diesen Bildern trägt, stammt aus seiner eigenen Kollektion.

Es genügt also nicht, sich aus der Komfortzone rauszubewegen. Man muss auch die Kontrolle über die Situation aufgeben?

Ja, darum geht’s. 

Das kann doch nicht immer gehen. Nehmen wir Ihre Mord- und Vergewaltigungsszene im Borowski-„Tatort“. Da haben Sie die Kontrolle verloren?

Innerhalb klarer Grenzen ja. Erst mal musst du ganz technisch den Ablauf klären: wo du die Hand hintust und wo nicht, wie du sie würgst und so weiter. Das Beleidigen, der Versuch, sie auszuziehen, in sie einzudringen und sie weiter zu würgen, bis sie tot ist, und ihr dann ins Gesicht zu spucken. Das sind Abläufe, die du jedes Mal strikt einhältst, bei jedem Take, da geht es um respektvollen Umgang mit der Kollegin. Aber innerhalb dieser Grenzen musst du ausflippen. Und wenn sie dann tot ist, geht es los. Du beschimpfst sie, spuckst sie an. 

Nach der Szene stehst du auf der Seite im Dunkeln und denkst: „Fuck, Alter. Was ist da gerade passiert? Was habe ich gerade gemacht? Es hat sich gerade richtig angefühlt, einer toten Frau ins Gesicht zu spucken.“ Nicht cool. Ein Horror. Aber der Film dann, der Film war gut.

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07 2016 The Red Bulletin

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